Auszeit Im Land des schadhaften Lächelns

Zeit, das Internet zu entdecken: In welchem Land Millionen Kakerlaken einfach nicht irren können. Warum auch Hässliches sehenswert ist. Und wo aus Spam ein Kunstwerk wird - die unterhaltsamsten Seiten im Netz.

Das schockierende an dieser Krise ist, dass alte Gewissheiten nicht mehr gelten: Josef Ackermann predigt Bescheidenheit. Sprecher der Bundesregierung outen sich als Opel-Fans. James Bond legt in knapp hundert Minuten Film nur ein Mädel flach.

Solche Krisensymptome gehen durch Mark und Bein. Da muss man sich erstmal mit ein paar unterhaltsamen Webseiten erholen, wie wir sie Ihnen in dieser "Auszeit" präsentieren.

Eine Nachricht dieser Tage ist gar dazu angetan, unser Weltbild zu erschüttern, auch wenn sie an Ihnen vielleicht vorbeigegangen ist. Sie stellt das überlieferte Wissen in Frage, wonach es kein Problem gibt, dass sich nicht in Alkohol lösen ließe. Wonach es drei Branchen gibt, die in der Krise immer gewinnen: Die Kirchen, die Discounter - auch wenn die das nie offen sagen würden -, und die Wirtshäuser. Vor allem um die geht es.

Denn die Agentur AP meldet: "Viele Briten leiden unter der Finanzmarktkrise, aber immer weniger suchen ihren Trost im Bier." Selbst nach den Hiobsbotschaften von Hypo Real Estate, Lehman Brothers und General Motors - das schlägt alles Dagewesene. Leid - kein Trost - kein Alkohol. Diese Eckpunkte muss man erstmal zusammen bekommen.

Und wir reden hier von Großbritannien, nicht etwa vom islamischen Dubai. Jede Wette: Wenn der Ölpreis weiter so fällt, wird in dem Emirat vor Kummer noch viel mehr Alkohol verschmäht als bisher.

Um ganze sieben Prozent ist der Bierabsatz in Großbritannien im dritten Quartal eingebrochen und nähert sich damit verdächtig der Absturzgeschwindigkeit von GM-Aktien. Dabei ist es nicht so, dass die Kundschaft nun einfach ein Sixpack im trauten Wohnzimmer hinter die Binde kippt, um sich den Pubbesuch zu sparen. Auch in den Supermärkten sind die Bierverkäufe um 6 Prozent gesunken.

Da schluckt man erstmal trocken. Da wird einem ganz mulmig. Was kommt als nächstes? Fällt der Ölpreis unter die 50-Dollar-Marke? Wird der Dax-Konzern Continental von irgendeiner Familienklitsche gekauft? Wird eine Frau Bundeskanzlerin? Wenn Ihnen all das zu absurd erscheint und Sie die Wahrheit nicht ertragen können, legen wir Ihnen unsere unterhaltsamen Webempfehlungen ans Herz. Bevor sie sich den Kummer an die Leber gehen lassen. Surfen bildet zwar nicht, aber lenkt schön ab.

Lassen Sie sich nicht erwischen!

Reisen, wenn Sie schon alles gesehen haben

Jetlag-Travel.de: Andere Länder, komische Sitten

Jetlag-Travel.de: Andere Länder, komische Sitten

Jetlag-Travel.de

Gerade versinkt Deutschland im Schnee, da möchte man gern an sonnigere Gestade schweifen. Doch wohin geschweift, wenn Sie doch den gesamten Tui-Prospekt schon abgegrast haben, in den vergangenen Jahren? (Freilich ohne gegenüber den lieben Kollegen zuzugeben, dass Sie immer nur pauschal verreist sind - so spießig darf man einfach nicht rüberkommen.)

Nun, in drei Ländern werden Sie mit Sicherheit nicht gewesen sein: Im slawischen Kleinod Molwanien, in der asiatischen Republik Phaic Tan und im Karibikparadies San Sombrèro. Zwar gibt es keinen dieser Staaten. Doch ist das kein Grund, nicht einen Führer dafür zu schreiben, müssen sich die Autoren Santo Cilauro, Tom Gleisner und Rob Sitch gedacht haben.

Ihre Bücher sind als "Jetlag Travel Guide" im Heyne Verlag erschienen. Mit ätzendem Humor persiflieren sie das Buchgenre Reiseführer. Glücklicherweise hat der Verlag für jeden der drei Bände auch eine umfangreiche Internetseite ins Netz gestellt, die man über "Jetlag-Travel.de"  erreicht. Hier finden sich Bilder, Textauszüge und sogar die enervierenden Nationalhymnen der Fantasierepubliken.

Schon die Länderübersichten haben es in sich. Da wird Molwaniens Hauptstadt Lutenblag gepriesen, "wo sich alteuropäischer Charme und Beton verbinden"; da wird Phaic Tans "fruchtbare Provinz Lut Sham Dingh" empfohlen, "wo glückliche Bauern Heu einholen, um ihre eigentliche Ernte Opium zu tarnen"; da wird Grundwissen über San Sombrèro ("Karibik, Karneval und Kakerlaken") und seine Hauptstadt vermittelt, Zitat: "Cohleras prachtvolle Kathedrale San Pedro ist genau wie ihr Namensgeber für ihren gewaltigen Glockenturm bekannt."

Wie in jedem anderen Reiseführer gibt es Reisetipps und Berichte von Besuchern. Schön ist auch, wie unter "Land & Leute" die oft stereotypen Schilderungen der Vorbilder vergackeiert werden. Ein Beispiel aus dem ehemals kommunistischen Molwanien, das "Land des schadhaften Lächelns": "Molwanien, der Welt größter Produzent von Roter Beete und Ursprungsregion des Keuchhustens, ist ein geschichtsträchtiges Land. Allenthalben finden sich Zeugen wunderbar bewahrter und gehegter Vergangenheit, so zum Beispiel in Städten wie Gyrorik, wo man einen der weltweit ältesten noch in Betrieb befindlichen Kernreaktoren besichtigen kann."

Mehr sei nicht vorweggenommen - wir wünschen gute Reise. Vergessen Sie aber nicht, alle Sehenswürdigkeiten zu fotografieren, egal wie schrecklich sie sein mögen.

Bewundern, was andere anödet

World's Top 10 Ugliest Buildings: Andere Seiten, andere Listen

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Die zehn hässlichsten Gebäude der Welt

Denn die Begriffe "schrecklich" und "sehenswürdig" schließen einander mitnichten aus. Wer zum Beispiel Paris besucht, sollte auf keinen Fall verpassen, den Tour Montparnasse zu sehen. Dazu gehört nicht viel, er ist das höchste Hochhaus Frankreichs.

Er ist allerdings so unerhört hässlich, dass man es nur glauben kann, wenn man es selbst gesehen hat. Der Blick von der öffentlich zugänglichen Aussichtsplattform des Wolkenkratzers dagegen ist atemberaubend schön, weil er das einzige Paris-Panorama ohne Tour Montparnasse bietet.

Den Gedanken der sehenswürdigen Scheußlichkeiten haben die Macher der Internetseite "Virtual Tourist" nun zu Ende gedacht. Sie haben ihre Besucher aufgerufen, die hässlichsten Gebäude der Welt zu küren und präsentieren sie in einer handlichen Top-Ten-Liste .

Der Tour Montparnasse landet allerdings nur auf Rang zwei. Den schauerlichen Spitzenplatz hält ein Bauwerk, das in Architektenkreisen oft als "gelungen" bezeichnet wird, nämlich das Rathaus von Boston. Außerdem sind gleich drei Prestigeobjekte aus Großbritannien vertreten, was deren zahlreiche Freunde auf die Barrikaden bringen wird. Da sage einer, über Geschmack ließe sich nicht streiten.

Allerdings gibt es auch Lücken. Dass etwa die Kathedrale von Cohlera, eines der Wahrzeichen Phaic Tans, nicht berücksichtigt wurde, scheint uns schwer verzeihlich. Aber vielleicht schafft sie es ja nächstes Jahr unter die schlimmsten zehn.

Recyceln, was andere löschen

Spamrecycling.com: Auch virtuell nichts achtlos wegwerfen

Spamrecycling.com: Auch virtuell nichts achtlos wegwerfen

Spamrecycling

Haben Sie nicht manchmal ein schlechtes Gewissen, umweltmäßig? Sie trennen zwar Ihren Müll, Sie bringen die Biobananenschale auf den Kompost, die Champagnerflasche in den Buntglascontainer, die Zeitung von gestern fahren Sie mit Ihrem SLK-Coupé zur Papiersammeltonne, und die Reste des Buntmetallic-Effektlacks für den Zweitwagen Ihres Sohnes chauffieren Sie zum Sondermüllmobil. So weit, so brav, so gut.

Aber was ist mit Ihrem Datenmüll? Einfach in den virtuellen Papierkorb damit, wie? Einfach klick und weg, ohne noch einen Gedanken daran zu verschwenden: Die misslungenen Schnappschüsse, die Powerpoint-Präsentation mit der 10-Jahres-Projektion der Lehman-Rendite, der Brief an Giselle, den Sie sich doch nicht getraut haben abzuschicken - und dazwischen jede Menge schmierige Spam-Mails. Igitt. So geht das nicht weiter.

Als anständiger Cyberbürger recycelt man auch Datenmüll. Das geht, und zwar auf "Spamrecycling.com" . Und es ist so leicht, dass Sie keine Ausrede mehr haben: Sie leiten Ihre Spam-Mails an spam@spamrecycling.com weiter. Dann muss man nur noch auf die Antwortmail warten, die direkt zur Recyclinganlage verlinkt - dort kann man Lieblingsfarbe und Musterpräferenzen eingeben und zuschauen, wie sich der Datenmüll erst in heiter-beschaulich umeinander mäandernde Einzelbuchstaben verwandelt, um sich schließlich in ein ästhetisches Gesamtkonstrukt aufzulösen, das aber auch gar nichts mehr mit dubiosen Geldtransfers, Potenzmitteln und gefälschten Uhren zu tun hat.

Auftraggeber des von der Agentur Jung von Matt entworfenen Spamrecyclers ist übrigens der Energiekonzern EnBW, der nach eigenen Angaben "sogar Kuhmist in neue Energie" verwandelt. Dafür hat das Unternehmen allerdings noch kein eigenes Portal.

Das aus dem Datenmüll fertig recycelte, meist recht psychedelisch wirkende Bildchen lässt sich als Bildschirmhintergrund verwenden. Oder ausdrucken und an Freunde verschenken - gerne auch an die, die einem regelmäßig mit Bilderwitzen die Eingangsbox verstopfen, die man noch aus den 90er Jahren kennt. Origineller ist Ihr Murks dann allemal, frei nach dem Motto: Ich war eine Viagradose.

Zur vorigen Auszeit: Zeitreisen und eine Tanzeinlage von Barack Obama

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