Medienschelte Berichten oder Hinrichten?

Die Welt steht am Rande einer Rezession und ausgerechnet die Medien steigern die Krisenangst, lautet der Vorwurf des Kommunikationsexperten Hasso Mansfeld. Er sieht nicht nur eine globale Finanzkrise, sondern auch eine Medienkrise - und rät zu einer weniger aufgeregten Berichterstattung.
Von Karsten Stumm

mmo: Herr Mansfeld, wer nach dem Stichwort Finanzkrise googelt, hat derzeit etwa 8,9 Millionen Treffer. Kanzlerin Angela Merkel bringt 300.000 weniger. Ist die Finanzkrise schon berühmter als Deutschlands Topprominente?

Mansfeld: Sie ist ein Medienstar wie Angela Merkel oder die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Tagsüber von Zeitungs- und Online-Schreibern seziert, abends von Fernseh-Talkshows aufgegriffen - und dort auch noch verkürzt dargestellt.

mmo: Überfordert die Finanzkrise die Medien?

Mansfeld: Die TV-Redaktionen haben sich längst verheddert. Das liegt auch an den eigentümlichen Experten, die Fernsehsender sich gerne ins Studio einladen: Längst pensionierte Ex-Manager etwa, die ihre besten Tage hinter sich haben, aber die aktuelle Krise erläutern sollen. Und Pseudo-Finanzexperten, die selbst nie bei den wirklich wichtigen Finanzfirmen gearbeitet haben, aber in der Show ihr vermeintliches Insiderwissen offenbaren sollen. Gerade so aber wird die Krise unerklärbar, vielleicht sogar gespenstisch gemacht.

mmo: Milliardenbürgschaften für Spareinlagen, zusammenbrechende Banken und Börsentage, an denen sich historisch hohe Verluste mit nie dagewesenen Kursaufschwüngen abwechseln; die Kanzlerin sprach gestern im Bundestag von der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 1929. Das ist doch kein Hype, oder?

Mansfeld: Ohne Zweifel. Doch durch die ständigen "Breaking-News", die schreiend-roten Texteinblendungen im laufenden Programm, hat sich das Fernsehen zum Taktgeber der Krise aufgeschwungen.

mmo: Ist das nicht ein bisschen viel der Ehre für cnn, n-tv oder N24? Die Banken machten doch pleite, bevor die Fernsehleute darüber in ihren Tickern berichten konnten.

Mansfeld: Ist der Ticker erst einmal da, muss er gefüttert werden. Und so wird in einem Atemzug in der Finanzkrise vermeldet, was vielleicht überhaupt nichts mit ihr zu tun hat. Oder glauben Sie, dass die verschiedensten Autofirmen ausgerechnet in derselben, vergangenen Woche urplötzlich bemerkten, Werke stilllegen zu müssen? Aber all diese Meldungen laufen dennoch wenig später unter der Überschrift "Finanzkrise". Passt ja irgendwie schön.

mmo: Wie tief ihre eigenen Schwierigkeiten gehen, haben die Autofirmen sicher nicht gleichzeitig bemerkt. Aber dass sie die kurz hintereinander öffentlich machten, zeigt doch gerade, in welcher alles umspannenden Krise wir uns befinden, oder? Nur in ausgeprägten Krisenzeiten versuchen Unternehmen eigene Schwächen hinter denen der Konkurrenz zu verstecken - und diese zeitliche Nähe entlarven die Ticker doch sogar.

Mansfeld: Aber sie scheinen zugleich die allgemeine und auch noch entlastende Ursache der individuellen Unternehmensfehler zu liefern, weil nahezu jede schlechte Firmennachricht unter der gleichen Krisenüberschrift läuft. Zu allem Überfluss hat die Wirtschaftspresse dann auch noch diese Ticker vom Fernsehen abgeschaut - von ftd.de über handelsblatt.com bis zu manager-magazin.de.

"Die Krise wird zur Marke"

mmo: Die Ticker sind aber vielleicht auch das einzige Format, um die Flut der Nachrichten zu bündeln, ohne zu viele wegzulassen. Gerade die tagesaktuellen Medien haben in einem gewissen Rahmen doch auch eine Chronistenpflicht.

Mansfeld: Print und Online sind nicht nur in die Aufzählung der Ereignisse, ihre Erklärung und die Kommentierung der Krise eingetreten, sondern auch in deren Eskalation. Und zwar sprachlich, wie bildlich: Mit immer neuen Superlativen oder noch eindringlicheren Karikaturen, in denen schon unser aller Geld auf dem Scheiterhaufen brennt.

mmo: War das nicht eine natürliche Reaktion darauf, dass sich offenbar im Stundentakt irgendwo in der Welt ein neuer Brandherd aufgetan hat, der das vorherige Desaster in den Schatten stellte? Und die Onlinemedien mit ihrer Schnelligkeit zeitnah darauf reagieren können?

Mansfeld: Sie haben damit Angst geschürt, das ist das Problem. Ihre ununterbrochene Aneinanderreihung neuer und wieder neuer Katastrophen erweckt den Eindruck einer nie endenden Spirale nach unten. Ihre Ticker mit minutengenauer Zeitangabe sind zum Teil jener Angst geworden, vor der die Wirtschaft so zittert.

mmo: Es ist nicht unser Auftrag zu beruhigen, sondern zu berichten. Wenn dabei der Eindruck einer Abwärtsspirale aufkommt, könnte das auch an den immer größeren Problemen liegen, die bekannt werden. Oder erinnern Sie sich an Zeiten, in denen Milliardensummen in kürzester Lesung vom Bundestag genehmigt worden sind, die fast doppelt so hoch wie der aktuelle Bundeshaushalt sind?

Mansfeld: Nein, die Krise ist für Friedenszeiten fast ohne Beispiel. Aber Sie haben die Krise nicht nur zum Gegenstand Ihrer Berichterstattung sondern auch zu Ihrer Marke gemacht. Einzig einen originellen Namen haben Sie dem Monster Finanzkrise noch nicht verpasst. Noch immer heißt sie "die Finanzkrise" und deren mögliche Lösung "das Rettungspaket". Sind Sie an dieser Stelle schon weiter gekommen?

mmo: Soweit ich weiß, haben wir keine Arbeitsgruppe dafür. Aber das Bemühen, Erklärungen für die Krise zu finden, ihre Ausprägungen darzustellen und die Opfer zu benennen können Sie den Medien doch nicht ernsthaft absprechen. Die Banker dagegen, die für diese Krise verantwortlich sind, haben den Kopf eingezogen, sind abgetaucht, nicht zu sprechen und tragen nichts zur Erklärung der Krise bei.

Mansfeld: Natürlich lese ich viele hintergründige Artikel, sowohl im Print- wie auch Onlinebereich. Aber auch den analysierenden Textern muss man einen Hang zur Radikalisierung vorwerfen: Die Krise kommt ungern als Abschwung daher, der typisch für den Kapitalismus ist, wie auch der Wohlstand bringende Aufschwung. Lieber werden Argumente gesucht, die den baldigen Tod des gesamten Wirtschaftskreislaufes nahe legen.

"Klickprofiteure der Dämonisierung"

mmo: Das mag damit zusammenhängen, dass der aktuelle Wirtschaftseinbruch auch nach Meinung vieler Ökonomen kein typischer Abschwung mehr ist, sondern sich zu einer Systemkrise ausgewachsen hat.

Mansfeld: Das rechtfertigt nicht, vor allem kurzfristige Eindrücke dramatischer Verwerfungen für die Krisenbewertung heranzuziehen, statt langfristiger Erfahrungswerte. Mir erscheint das Mehr und Mehr als neue Krisenroutine.

mmo: Wirtschaftszeitungen und -zeitschriften sowie deren Onlineableger senden ihre Reporter und Korrespondenten in der gesamten Welt herum, berichten seitenweise über die Hintergründe der Krise. Und deren Leser können sich dennoch kein vernünftiges Bild vom Wesen, Ausmaß und den Facetten der Krise machen?

Mansfeld: Für Nachrichten gegen den Meinungstrend, aktuell weiterhin sinkende Arbeitslosenzahlen beispielsweise, ist in dem geschaffenen Berichtsumfeld kein Platz mehr in den Schlagzeilen. Texte über Börsenerholungen werden als langweilig empfunden, über Tage mit Kursstürzen im gleichen Ausmaß aber als spektakulär.

mmo: Wir durchleben also derzeit nur eine schlechte Zeit, erleben aber keine Systemkrise?

Mansfeld: Diese Frage scheint mir vor allem in vielen TV-Sendungen längst entschieden. Das gesamte System von Angebot und Nachfrage wird in Zweifel gezogen. Man muss den Eindruck haben, wir erlebten das Ablegen unserer bisherigen Wirtschaftsordnung.

mmo: Gesetzt, Sie hätten recht. Wie konnte es zu so einem Medienversagen kommen?

Mansfeld: Das Fernsehen hat wieder gezeigt, dass in Talkshows offenbar keine vernünftige Debatte geführt werden kann, die über sieche Betroffenheit hinausgeht. Und im Print- wie Onlinebereich? Vielleicht ist es dort der immense Wettbewerbsdruck. Geklickt wird, was Drama bietet. Alle müssen nachziehen, besser einander überbieten, selbst die Wirtschaftspresse - auch, weil das Publikum offenbar auf so etwas steht. Die jüngsten IVW-Zahlen, ...

mmo: ... mit denen die Leserzahl geschätzt wird, ...

Mansfeld: ... geben Ihnen ja Recht. So aber wurden die Portale zumindest zu Klickprofiteuren jener Krise, deren Dämonisierung sie irgendwie mitbetrieben haben.

mmo: Aber Herr Mansfeld, mit Verlaub, wir haben die Krise doch nicht herbeigeschrieben. Manche Kritiker halten den Medien ja sogar vor, zu spät reagiert zu haben. Wohl aber wird jetzt die Eskalation der Krise dargestellt. Was wäre auch sonst los, wenn der ganz große Knall doch noch käme?

Mansfeld: Ihre Krisenschlagworte wie etwa "Zentralbank pumpt erneut Geld in das Bankensystem" sind mittlerweile in die Redaktionen der Regionalblätter durchgesickert, wo sie teils verständnislos als Textbausteine verwendet werden. Da wird immer mehr Schaden angerichtet, durch das Nebulöse der geklauten Formulierungen. Es führt kein Weg an dem Fazit vorbei: Die globale Finanzkrise ist zur deutschen Kommunikationskrise geworden.

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