Donnerstag, 19. September 2019

Schallplattenhersteller Leipziger Dudelei

Es gibt sie noch, die schwarzen Scheiben, von denen die Musik mit dem knisternden Unterton kommt. Sie werden auch noch hergestellt, denn nicht nur DJs wissen die Vorzüge von Schallplatten zu schätzen. Ein Presswerk in Leipzig produziert bis zu 70.000 Vinylscheiben monatlich.

Leipzig - Kleine, schwarze Kügelchen liegen verstreut in der Hofeinfahrt des Leipziger Firmengeländes. Folgt man ihrer Spur, steht der Besucher plötzlich vor einer Maschine, die einem einarmigen Banditen in den Spielhöllen gleicht. Doch anstatt Münzen spuckt der Bandit ächzend und Wasserdampf schnaubend Schallplatten aus.

Traditionelle Kunstform:
25 Sekunden benötigt eine mit einer Nickel-Matritze bestückte Presse, um aus einer Ladung schwarzer Vinylkügelchen eine Schallplatte zu pressen
25 Sekunden benötigt er, um aus einer Ladung schwarzer Vinylkügelchen eine Schallplatte zu pressen. So verließen zwischen 50.000 und 70 000 Platten im Monat das Leipziger Werk, sagt Mitinhaber Jan Freund. Vor zehn Jahren hat er mit zwei Freunden das Schallplattenpresswerk "R.A.N.D. Muzik" aufgebaut, das internationalen DJs mit den einst tot geglaubten Schallplatten ihr "Handwerkszeug", wie Freund es nennt, liefert.

Die meisten Plattenfirmen und DJs schicken eine CD. Und diese digitale Musik muss nun in weniger als ein Millimeter tiefe Rillen auf Vinyl übersetzt werden. "Im Prinzip funktioniert das wie ein Plattenspieler, nur umgekehrt", erklärt Freund. Über den Schallplattenrohling, genannt Lackfolie, fährt ein Schneidestichel analog zur Nadel. Der Stichel wird durch das Musiksignal in Schwingungen versetzt und schneidet so eine feine Wellenlinie in die Lackschicht.

Die einzige Schwierigkeit muss vorab am Computer ausgeräumt werden. "Meist können wir die Musiktitel nicht eins zu eins auf Schallplatte übernehmen", sagt der gelernte Werkzeugmacher. Der Schneidestichel könne besonders tiefe Bässe und bestimmte Frequenzen nicht übertragen.

"Da stößt man an die physischen Grenzen der Schallplatte", erläutert Freund. Trotzdem hat sie sich nach Angaben des Bundesverbandes Musikindustrie seit Jahren ein Nischendasein erhalten. Rund 700.000 Schallplatten gingen laut Verband im vergangenen Jahr über deutsche Ladentische. Das entspreche einem Plus von 100.000 Exemplaren gegenüber 2006. "Totgesagte leben oft länger als prognostiziert", heißt es vom Musikverband. Wenngleich die Schallplatte bei der Betrachtung der Umsätze "fast keine Rolle" mehr spiele.

"Der traditionelle Vinyl-DJ verkörpert eine besondere Ästhetik"

Vornehmlich DJs aus der Techno- und House-Szene wollen sie jedoch auf ihren Plattentellern nicht missen. "Der traditionelle Vinyl-DJ verkörpert eine besondere Ästhetik und kommt auch seinem Publikum näher", beschreibt Musiker und DJ Axel Weber von Alphacut Records. Das Musikmachen mit Schallplatten ist für den Leipziger eine traditionelle Kunstform, die im Computerzeitalter nicht verschwinden werde. Zudem sei in der Schallplattenproduktion mehr Fachwissen erforderlich als in der Herstellung von CDs. Der Qualitätsstandard sei damit höher, wie beim Schweizer Uhrenbau, erklärt der Künstler, der bei R.A.N.D. Muzik hin und wieder auch selbst als Tontechniker am Werk ist.

Dieser technische Anspruch der Schallplatte machte auch Freund und seinen Kollegen am Anfang zu schaffen. "Zur Plattentechnik gibt es kaum Literatur, und die Großindustrie hat in den 90ern die Produktion eingestellt", berichtet der 38-Jährige von den Anfangsproblemen. "Wir sind damals zu Rentnern gefahren und haben uns von ihnen erklären lassen, wie ihr Handwerk funktioniert", erinnert er sich zurück. Freund schätzt, dass es heute noch vier, vielleicht fünf weitere Pressewerke in Deutschland gibt.

Drei Jahre hat es dann gedauert, bis 2001 die erste Platte das Leipziger Presswerk verlassen konnte. Heute stehen von 7 Uhr morgens bis 23 Uhr abends zehn bis zwölf Arbeiter an den Maschinen. Allein das Schallplattenarchiv der vergangenen drei Jahre füllt fast ein ganzes Wohnzimmer. Trotzdem haben die Probleme nicht aufgehört. Die mittlerweile vier Gesellschafter sind immer noch am Basteln. Denn neue Maschinen werden nicht mehr hergestellt und Spezialisten sind rar. "Wir müssen eben selbst weitertüfteln", sagt Freund.

Verena Frick, ddp

© manager magazin 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung