Cloud Computing Damit Sie nicht aus allen Wolken fallen

Cloud Computing ist in der IT-Branche derzeit das Schlagwort schlechthin. Doch was versteckt sich hinter der Software aus der Wolke? Und sollten Unternehmen auf den Trend reagieren?
Von Ben Rodenhäuser

Köln - Das, was viele Beobachter für eine Revolution der Informationstechnologie halten, vergleicht der amerikanische Autor Nicholas Carr gerne mit dem Übergang zu einer zentralisierten, flächendeckenden Stromversorgung um die Wende zum 20. Jahrhundert. Während es seit Beginn der industriellen Revolution üblich geworden war, Strom dort zu erzeugen, wo der Bedarf entstand, begannen sich nun, im Gefolge der Innovationen von Erfindern wie Thomas Edison, ausgedehnte Netze über das ganze Land zu erstrecken, die von wenigen Großkraftwerken gespeist wurden.

"Ein Jahrhundert später wiederholt sich die Geschichte", schreibt Carr in seinem Buch "The Big Switch". Informationstechnologie hat heute einen ähnlichen Stellenwert wie Elektrizität am Ende des 19. Jahrhunderts: Sie gehört zum Kernbestand dessen, was Unternehmen ihr Kapital nennen und wird in vielen Fällen sogar als eigene Unternehmensfunktion angesehen. Nun schickt IT sich an, zu einer Leistung zu werden, die über eine gemeinsame Infrastruktur zur Verfügung gestellt und in vielen Fällen sogar ähnlich wie Strom abgerechnet wird – nur eben nicht in Kilowattstunden, sondern in Gigabyte.

Es hat in der Vergangenheit immer wieder Versuche gegeben, solche Infrastrukturen aufzubauen – so war es schon in den 60er Jahren möglich, Rechenleistung von zentralen Großrechnern über den eigenen Telefonanschluss zu beziehen. Zum großen Geschäft wurden diese frühen Experimente allerdings nie. Als Nadelöhr erwies sich immer wieder die Bandbreite der Datenübertragung, sodass genau das Gegenteil Realität wurde, nämlich die radikale Dezentralisierung der IT. Frei nach Bill Gates heißt das, dass auf jedem Schreibtisch ein Rechner steht, auf dem Windows und Microsoft Office installiert sind. Gates' Vision wurde als Bestandteil des Client-Server-Modells verwirklicht, in dem Desktop-PCs zu großen Unternehmensnetzwerken verdrahtet wurden.

Gut möglich, dass eben dieses Modell, das Microsoft groß gemacht hat, schon in zehn Jahren im Rückblick als vorsintflutlich erscheinen wird. Ist es eine sinnvolle Ressourcennutzung, wenn Datenzentren in den Unternehmen nur zu 10 Prozent ausgelastet sind, da sie auf Spitzenlasten ausgelegt sein müssen, welche naturgemäß nur selten erreicht werden? Ist es nicht verschwenderisch, dass laut einer Studie des Marktbeobachters IDC von 2005 nur 16 Prozent der Software, die Unternehmen kaufen, auch tatsächlich genutzt werden? Und ist es effizient, Millionen von Instanzen einer einzigen Applikation auf eben so vielen Millionen von Maschinen zu installieren?

Das Netzwerk als Computer

Das Netzwerk als Computer

Über mehrere Jahrzehnte existierte keine gangbare Alternative. In dem Moment allerdings, in dem die Bandbreite kein Nadelöhr mehr darstellt, sondern ein veritables Einfallstor für Datenströme aller Art, "wird der Computer ausgehöhlt und verteilt sich über das Netzwerk" — so orakelte der heutige CEO von Google, Eric Schmidt, schon 1993. Der Nutzer am Schreibtisch sitzt dann zwar weiterhin am Desktop. Unter der Hand hat sich dieser jedoch längst in einen "Webtop" verwandelt, der sich alle nötigen Daten, Dienste und Applikationen aus dem Netz holt.

Tatsächlich können es die Bandbreiten der schnellsten Internetverbindungen heute bereits mit langsamen lokalen Netzen aufnehmen. Zunehmend erlauben auch mobile Zugänge ins Netz komfortables Arbeiten — und auf 3G (also UMTS) wird unweigerlich 4G folgen. Dementsprechend schickt sich Schmidts Prophezeiung an, Wirklichkeit zu werden: der Computer in der Cloud nimmt Gestalt an – wobei der Begriff "Cloud" (zu Deutsch: Wolke) der Tatsache geschuldet ist, dass das Internet in Diagrammen oft als Wolkenumriss dargestellt wird. Cloud Computing bedeutet also, das Internet als Computer zu nutzen.

Schon heute ist das Spektrum dessen, was sich an Software als Service aus dem Netz beziehen lässt, umfangreich, von Googles Anwendungen für Tabellenkalkulation und Textverarbeitung über Photoshop Express für die Online-Bildbearbeitung bis hin zu ausgewachsenen Enterpriseapplikationen wie der CRM-Anwendung Salesforce. Auch SAP wird bald eine Cloud-Anwendung auf den Markt bringen, musste allerdings den Startschuss bereits mehrfach verschieben — ein Hinweis darauf, dass Cloud Computing etablierte Anwender vor ganz neuartige Probleme stellen kann.

Die Schnittstelle, mit der der Nutzer auf die Cloud zugreift, ist heute noch in den allermeisten Fällen der Webbrowser (in Zukunft könnte die Integration zwischen Desktop und Web viel enger werden). Während herkömmliche Browser sich dabei am Modell eines Dokuments orientierten, das der Nutzer aus dem Netz saugt, um es dann auf seinem eigenen Rechner zu studieren, hat Google seinen vor Kurzem vorgestellten Browser Chrome gezielt daraufhin optimiert, als Plattform für Web-Anwendungen zu fungieren.

Nicht das Durchstöbern von Seiten (Englisch: to browse) ist hier entscheidend, sondern das Ausführen von Anwendungen — Webapplikationen, die in Chrome laufen, wirken wie Desktop-Anwendungen. Das zeigt sich in kleinen Details: So hat Chrome kein Interface-Element, das anzeigen würde, wie viel Prozent einer Seite schon geladen wurden — bei einer Webanwendung, die kontinuierlich Daten zwischen entferntem Server und lokalem Client austauscht, ist eine solche Anzeige sinnlos.

Pro und Kontra

Cloudsourcing: Pro und Kontra

Cloud Computing im Unternehmenskontext lässt sich als eine Art "Cloudsourcing" verstehen: So wie Unternehmen beispielsweise ihre Produktion an Drittunternehmen outsourcen können, erlaubt Cloud Computing es ihnen, IT-Kapazitäten aller Art ins Netz auszulagern. Ebenso wie im Falle des Outsourcing lassen sich hierfür (und dagegen) ökonomische Kalküle anführen. Um diese rankt sich ein Großteil der aktuellen Diskussion.

Bedenken zentrieren sich naturgemäß vor allem um den Faktor Sicherheit – wo Dokumente zwischen einem Anbieter irgendwo im Netz und dem eigenen Rechner hin und her geschoben werden, sind die Grenzen der Unternehmens-Firewall überschritten — allein das stellt für vorsichtige Businessanwender ein Horrorszenario dar. Aber auch die lückenlose Verfügbarkeit von IT aus der Wolke gilt als Hemmschuh; zudem ist, wie erwähnt, die Geschwindigkeit von Cloud-Anwendungen verbesserungsfähig.

Auch die Palette verfügbarer Angebote ist heute bei Weitem nicht breit und ausgereift genug, als dass sich sämtliche digitalen Geschäftsprozesse in der Cloud abbilden ließen – der Übergang zum Cloud Computing kann nur schrittweise erfolgen und stellt selbst eine technische und organisatorische Herausforderung dar. Erste Dienstleister spezialisieren sich bereits auf die Cloud-Migration, also den Umzug von IT-Ressourcen ins Netz.

Auf der Seite der Treiber ist die angesprochene Ineffizienz des gegenwärtigen IT-Paradigmas ein wichtiger Faktor, versprechen Unternehmen sich doch erhebliche Kostenersparnisse durch die Auslagerung zumindest eines Teiles ihrer IT ins Netz. Dazu beitragen sollen beispielsweise auch niedrigere Wartungs- und generell sinkende Personalkosten: Wenn Unternehmen zunehmend auf Cloud Services setzen, kann die Personaldecke der IT-Abteilungen entsprechend dünner ausgelegt werden. Cloud Computing, so hoffen Befürworter, wird auch mehr Beweglichkeit in die Unternehmens-IT bringen, die heute der Realität im Unternehmen oft hinterher hinkt: Wenn ein Unternehmen seine neue IT-Heimat in der Cloud einmal gefunden hat, soll der Umstieg von alten auf neue Systeme einfacher gelingen.

Solche Überlegungen finden ihren Niederschlag in soliden Kosten-Nutzen-Abschätzungen: Etwas weniger Kontrolle über unsere Daten und eine leicht verringerte Verfügbarkeit scheinen verschmerzbar angesichts von deutlichen Einsparpotenzialen bei einem Dienst, der nicht im engeren Sinne sicherheitskritisch ist, mag sich etwa der Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens denken. Allerdings zeigt diese betriebswirtschaftliche Perspektive nur eine die Seite der Medaille, suggeriert sie doch, dass im Wesentlichen alles beim Alten bleibt, nur eben, mit dem neuen Modell der Mietsoftware, zu einem günstigeren Preis zu haben ist.

Das ähnelt der Auffassung vom Auto als pferdloser Kutsche, die das qualitativ Neue beim Vergleich mit dem Alten übersieht. Was aber hat es tatsächlich für Konsequenzen, wenn der Computer in der Wolke verschwindet? Die folgenden vier Eigenschaften sind charakteristisch für das Cloud Computing der Zukunft.

Vier Merkmale des Cloud Computing

1. Die Wolke ist omnipräsent

Wer einmal am Ende eines Bürotages eilig wichtige Dateien auf einen USB-Stick gezogen hat, um zu Hause daran weiterarbeiten zu können, kennt das Problem: Je mehr unterschiedliche Geräte wir nutzen, umso schwieriger ist es, Herr der Daten zu bleiben, die sich auf ihnen befinden.

Im Fall des Cloud Computings löst sich das Problem, für synchrone und jederzeit verfügbare Informationen zu sorgen, in Luft auf: Endgeräte sind nur noch Clients, die auf im Netz gespeicherte Daten zugreifen. Während der User jeweils unterschiedliche Geräte bedient, nutzt er letztlich immer nur den einen, omnipräsenten Computer in der Wolke.

Immer mehr Geräte, Produkte, Objekte und Oberflächen des Alltags sind beim Cloud Computing mit Prozessoren und Verbindungsmöglichkeiten ausgestattet — vom Smartphone über den Laptop, bis hin zum Bordcomputer des eigenen Autos. Ein alles überspannender Computer wird dadurch geradezu ein Ding der Notwendigkeit.

2. Die Wolke ist modular

Die Anwendung auf dem Desktop lebt in Isolation, ist blind für ihre Außenwelt und umgekehrt für diese unsichtbar. Demgegenüber stehen in der Cloud Anwendungen prinzipiell jederzeit als Komponenten für andere Anwendungen zur Verfügung: Sie sind Ressourcen, die sich modular kombinieren lassen. Die Cloud ist ein Netz der Dienste, die sich wie Fertigteile zusammenstecken lassen – darin liegt ein großer Teil der Magie, die von ihr ausgeht.

Dem entspricht ein neues Verhältnis zur IT-Leistung: Sie muss nicht mehr aufgebaut, sondern nur noch abgerufen werden, ist also aus Nutzersicht schlichtweg vorhanden und lediglich individuell zu konfigurieren. Schon heute sind Plattformen vorhanden, die es erlauben, Daten und Applikationen nach dem Baukastenprinzip zusammenzufügen, insbesondere im Consumerbereich, in dem Cloud Computing bereits eine stärkere Reife und Verbreitung gefunden hat.

So ist es etwa mit Yahoo Pipes möglich, die RSS-Feeds, die Blogs und Newsseiten anbieten, nach neuen Inhalten zu durchsuchen, zu modifizieren und zu rekombinieren. Im Unternehmensbereich bietet etwa das Unternehmen Serena sogenannte "Business Mashups" an, die dabei helfen sollen, Anwendungen für kleine Alltagsaufgaben im Unternehmen aus bestehenden Komponenten zusammenzufügen und zu automatisieren, etwa die Behandlung von Urlaubsanträgen.

Der World Wide Computer

3. Die Wolke hat Fühler

Der Nutzer nähert sich den Angeboten in der Cloud in Zukunft nicht mehr nur in Form von Suchanfragen, sondern indem er ihr komplexe Aufgaben stellt: Die immense Rechenpower, auf die jeder Einzelne zugreifen kann, will ja eingesetzt werden. Um diese Aufgaben lösen zu können, braucht die Cloud noch mehr Informationen als bisher — sie wird zu einer Art Daten sammelnden Krake. Während sich der PC aus aktiven Eingaben des Nutzers speist, verarbeitet der Computer in der Wolke zum Beispiel auch Verhaltensäußerungen und die Position von Gegenständen und Personen im Raum.

Die Cloud wird zukünftig ihre Fühler dank eines überall verbreiteten Sensornetzes in alle Richtungen ausstrecken können und im Extremfall auch das sprichwörtliche Umfallen eines Reissacks in China registrieren. Interessant ist dabei natürlich nicht das einzelne Ereignis, sondern das Erkennen von Mustern in großen Datenbeständen - Reality Mining nennen das die Forscher am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Das streichholzschachtelgroße Gerät Fitbit, in Kürze auf dem Markt erhältlich, erstellt beispielsweise Bewegungsprofile seines Nutzers, die sich online auswerten und vergleichen lassen. Ein anderer bereits verfügbarer Dienst, Citysense, wertet die GPS-Signale von Handys aus, um ein Echtzeit-Bild der Ausgehaktivitäten der Bürger von Chicago auf den eigenen Blackberry und bald auch das iPhone zu zeichnen.

4. Cloud Computing ist Social Computing

Da der World Wide Computer von allen Nutzern geteilt wird, ist der Raum der Anwendungen, den Cloud Computing aufspannt, per Definition ein sozialer Raum. Dem PC ist dagegen schon durch seinen Namen die Nutzung durch einen Einzelnen eingeschrieben. Damit ist eine notorische Schwachstelle des bisherigen IT-Einsatzes im Büro angesprochen: die Kollaboration. Die gemeinsame Arbeit an Dokumenten gerät schnell zur E-Mail-Schlacht.

Gegen den Willen der Beteiligten neigt die Versionsgeschichte von gemeinsam erstellten Texten und Präsentationen zudem zum unerwarteten Verzweigen, weil zwei Nutzer der Meinung sind, sie bearbeiteten nun das Master-Dokument. Im Cloud Computing dagegen ist Gruppenarbeit der Normalfall. Weiterhin wird es möglich sein, sich in einen privaten Raum zurückzuziehen; dieser lässt sich jedoch jederzeit mit einem Klick für andere Teilnehmer öffnen.

Fazit: Der World Wide Computer

Welche Vision entsteht, wenn diese Eigenschaften - Omnipräsenz, Modularität, überall verbreitete Sensorik und Social Computing - zusammenkommen? Das Internet, wie wir es kennen, ist ein Netz der Informationen. Cloud Computing ist das Versprechen, dieses Netz in ein Netz der Funktionen zu verwandeln: einen riesigen, weltumspannenden Megacomputer, der alle an ihn gestellten Aufgaben mit enormer Rechenleistung und verteilter Intelligenz bewältigt, von jedem Nutzer individuell konfigurierbar ist, unermüdlich Weltwissen sammelt und auf den über beliebige Schnittstellen zugegriffen werden kann.

Der Idee nach ist die Cloud also eine omnipräsente, modular aufgebaute, mit ubiquitärer Sensorik ausgestattete, soziale Problemlösungsmaschine für beliebige berechenbare Probleme: ein World Wide Computer – damit stellt sie die ursprüngliche Vision des World Wide Web als gigantisches Wissensnetz weit in den Schatten.

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