Facebook vs. MySpace Kampf der Giganten

Der Kampf um die Vorherrschaft bei den sozialen Netzwerken ist das spannendste Web-2.0-Duell. Lange dominierte Rupert Murdochs Onlinetochter MySpace das Geschehen, dann öffnete sich Facebook für alle Nutzer. Inzwischen schwärmt die Webwelt fast nur noch vom Erfolg des Wunderkinds Mark Zuckerberg.
Von Nils Jacobsen

Hamburg - Zwischenzeitlich sah es nach einer Mischung aus jugendlicher Naivität und postpubertärem Größenwahn aus, die amerikanischen Collegestudenten gerne nachgesagt wird: "Wir wollen das Unternehmen nicht verkaufen, und wir denken nicht im Geringsten an einen baldigen Börsengang", erklärte der damals 22-jährige Harvard-Abbrecher Mark Zuckerberg dem "Wall Street Journal".

Verkaufen sollte Zuckerberg sein Baby, das seinerzeit nur zwei Jahre alte Start-up Facebook – und zwar an niemand anderen als an den Internetpionier Yahoo . Möglicher Kaufpreis im Sommer 2006: Eine stolze Milliarde Dollar. "Er hatte überhaupt keine andere Wahl als zu verkaufen", resümierte das Branchenblatt "Wired". Aber Zuckerberg wollte nicht – und zog sich stattdessen lieber den Zorn seiner Geldgeber und den Hohn der Internetcommunity zu.

Zwei Jahre später hat der umtriebige Facebook-Gründer, der schon mal zu Pressekonferenzen in Sandalen stolziert, die Lacher auf seiner Seite. Er selbst ist nämlich inzwischen drei Milliarden Dollar schwer – und zwar auf der Basis seines 20-Prozent-Anteils an Facebook. Was im Umkehrschluss nichts anderes bedeutet, als dass die "heißeste Plattform Im Web" ("Wired) nun rein rechnerisch mit erstaunlichen 15 Milliarden Dollar bewertet wird.

Ist Facebook 15 Milliarden Dollar wert?

Mitfinanziert hat diesen märchenhaften Aufstieg niemand anderes als das noch immer bestbewertete Technologieunternehmen der Welt, Microsoft , das für einen 1,6-Prozent-Anteil im Herbst 2007 stolze 240 Millionen Dollar hinblätterte. Enorm viel Geld für ein gerade einmal vier Jahre altes Start-up, das im vergangenen Jahr lediglich 150 Millionen Dollar umsetzte und in diesem Jahr 300 bis 350 Millionen erlösen soll.

Im Vergleich dazu liegt der große Netzwerkrivale MySpace noch deutlich vorn. Im Geschäftsjahr 2006/07 setzte die zum Medienkonglomerat News Corp.  gehörende Onlinecommunity 550 Millionen Dollar um. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2007/08 konnten die Erlöse von Rupert Murdochs Internetunternehmen immerhin schon auf knapp 900 Millionen Dollar gesteigert werden.

"Murdochs vielleicht bestes Investment"

"Murdochs vielleicht bestes Investment"

Dieses Kräfteverhältnis spiegelt sich auch in realen Nutzerzahlern wider: Während Facebook Ende August begeistert den Hundertmillionsten Nutzer feierte, kann sich MySpace inzwischen über die doppelte Anzahl an Registrierungen erfreuen.

Dennoch könnte der Stern des lange Zeit führenden Social Networks, das seit der Gründung im Jahr 2003 durch seine Nähe zur Musikindustrie aufgefallen war, vielleicht schon im Sinken begriffen sein. Gemessen an Unique Usern – also real identifizierbaren Besuchern, die gewollt auf die Webseite zugreifen und dort auch verweilen – überholte Facebook MySpace im Juni dieses Jahres erstmalig: 124 Millionen Nutzer auf Facebook standen 114 Millionen auf MySpace gegenüber. Im August schwoll der Vorsprung bereits auf 132 versus 118 Millionen an.

Diese Verschiebung kommt nicht von ungefähr. Lange galt MySpace als uneinnehmbare Festung des Social Networkings. Jahre nach dem Aufkommen der ersten Onlinecommunities wie GeoCites machten die User auf MySpace plötzlich etwas, was noch im Zeitalter der Datenschutzdebatten lange Zeit undenkbar schien: Sie exponierten sich selbst mit Beiträgen, Bildern und Videos – das Schlagwort des nutzergenerierten Inhalts (Englisch: User generated content) war geboren.

Der australische Medienmogul Rupert Murdoch erkannte das Potenzial des Web-2.0-Phänomens und griff im Juli 2005 zu. Für 580 Millionen Dollar ging das boomende Netzwerk, das der Musikmanager Tom Anderson einst als PR-Tool für Bands gegründet hatte, an den Medienriesen News Corp.  (Fox, DirecTV, BSkyB ). "Vielleicht ist es sogar das beste Investment, das er je gemacht hat", adelte unlängst Google-CEO Eric Schmidt Murdochs lange Zeit kontrovers diskutierten Coup.

Doch Facebook gab sich nicht geschlagen. Seit sich das noch immer unabhängige Start-up aus dem Silicon Valley vor zwei Jahren zunehmend von der Studentencommunity zum globalen Netzwerk wandelte, erlebt die Seite einen immensen Zustrom. Innerhalb von zweieinhalb Jahren schoss die Nutzerzahl von 8 auf über 100 Millionen – und ein Ende ist nicht abzusehen.

"Facebook beliebter als Pornoseiten"

"Facebook beliebter als Pornoseiten"

Das "Time Magazine" ging dem Hype nach und stellte nach einer Analyse des Nutzungsverhaltens von 18- bis 24-Jährigen fest, dass Facebook sogar einen jahrelang schier unbezwingbaren Platzhirsch geschlagen hatte: "Facebook ist inzwischen beliebter als Pornoseiten", titelte die Onlineausgabe des Traditionsmagazins.

Wichtigste Erkenntnis jedoch: Facebook ist nicht nur etwas für jugendliche Nutzer, sondern erfreut sich auch bei älteren Nutzern steigender Beliebtheit. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Facebook in vielerlei Hinsicht als Gegenentwurf zu MySpace daherkommt: authentischer, weniger verspielt, minimalistischer im Design. Während bei MySpace Teenies ihre Profile wie eine Mini-Homepage mit schrillen Grafik-Versatzstücken, Musik- und Videoclips inszenieren, findet man bei Facebook auf den zweifarbig gehaltenen Kontaktseiten durchaus auch die Xing- oder LinkedIn-Zielgruppe, die ihren ganz persönlichen Casual Friday im Netz zubringt.

Nachdem Rupert Murdochs Community im Datenverkehr Ende Juni erstmals von Facebook überrundet wurde, kanzelte der 77-Jährige Facebook als kurzfristigen Hype ab. Gegenüber dem "Sydney Morning Herald" unterstrich er den Mehrwert von MySpace als Entertainment-Plattform, während Facebook überhaupt kein "Social Network "wäre.

Genau das will Facebook aber offenbar auch gar nicht mehr sein. Im Gegenteil: "MySpace hat eine andere Strategie. Ihr Ansatz zielt mehr auf Inhalte ab – und dafür brauchen sie Mitarbeiter vor Ort. Facebook ist vielmehr ein Technologieunternehmen", erklärte unlängst Matt Cohler, Vizepräsident von Facebook.

Ein Technologieunternehmen? Glaubt man dem Gründer Zuckerberg, hat Facebook sogar einen gesellschaftlichen Nutzen: "Wir nennen es den 'Social Graph', das Koordinatensystem bestehender sozialer Verbindungen", erklärt der selbstbewusste 24-Jährige. "Facebook zielt im Gegensatz zu MySpace oder anderen Social-Networking-Webseiten nicht darauf ab, neue Bekanntschaften zu machen, sondern bestehende zu pflegen, nur auf einer neuen Kommunikationsebene".

Showdown im mobilen Internet

Showdown im mobilen Internet

Dafür wandelt sich Facebook immer mehr vom Netzwerk zum Dienstprogramm. Drittanbieter dürfen seit 2007 an Applikationen schreiben, die dann auf Facebook genutzt werden können. "Wir wollen Facebook zu so etwas wie einem Betriebssystem machen, auf dem unzählige Programme laufen", erklärt Zuckerberg.

MySpace setzt unterdessen weiter verstärkt auf die Entertainmentbranche. Im Frühjahr überraschte der Marktführer der sozialen Netzwerke auf seiner deutschen Webseite, die noch immer deutlich besser besucht wird als die erst im März übersetzte Deutschland-Fassung von Facebook, mit der von MME  produzierten Internetserie "Candy Girls", die im Videoclipformat zweimal wöchentlich daherkam.

Zudem will Murdochs Onlinetochter im Vorbeigehen die Musikindustrie retten: Gerade startete das Unternehmen mit "MySpace Music" eine Plattform, die den gesamten Katalog der größten Plattenfirmen Universal, Sony BMG, Warner Music  und EMI  zum kostenlosen Anhören bereitstellt. Wer einen Song herunterladen will, muss zahlen.

Die Zukunft um die Vorherrschaft bei den sozialen Netzwerken dürfte indes woanders entschieden werden – nämlich im mobilen Internet. Während beide Anbieter mit speziellen Applikationen auf der 2.0-Software des iPhones längst vertreten sind, verkündete MySpace vor Kurzem einen bemerkenswerten Coup: Die größte soziale Community und der noch immer führende Smartphone-Anbieter Research in Motion  gehen eine weitreichende Kooperation ein.

"Unsere Partnerschaft ermöglicht es Millionen von Blackberry-Nutzern, auch unterwegs auf MySpace zuzugreifen, mit Freunden zu kommunizieren, sich unterhalten zu lassen, Status- und Stimmungs-Updates zu bearbeiten und immer auf dem Laufenden zu sein, unabhängig davon, wo sie sich gerade befinden", verkündete MySpace-Chef Chris DeWolfe. Doch wer den ambitionierten Jung-CEO Zuckerberg (Hobby: "Feinde besiegen") in den vergangenen vier Jahren beobachtet hat, dürfte nicht lange auf seine Antwort warten.

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