Deutsche Börse Macher im Hintergrund

Seit 1999 sitzt Michael Kuhn als IT-Chef im Vorstand der Deutschen Börse. Turbulenzen an den Finanzmärkten können ihn nicht mehr schockieren. manager-magazin.de sprach mit dem Technikexperten über den Arbeitsalltag eines CIOs.

mm.de: Herr Kuhn, wie viele Stunden täglich verbringt ein CIO wie Sie tatsächlich noch vor dem Rechner?

Kuhn: In der Woche recht wenig, dafür am Wochenende zu Hause deutlich mehr.

mm.de: Ein Unternehmen wie die Deutsche Börse  ist stark von der IT geprägt - welche Rolle spielt der CIO hier?

Kuhn: Den Großteil unserer Dienstleistungen erbringen wir für die Segmente der Gruppe Deutsche Börse, also den Kassamarkt, das Derivategeschäft, die Abwicklung und die Verwahrung von Wertpapieren sowie der Marktdatenbereich. Wir setzen die Anforderungen aus den einzelnen Geschäftsbereichen in marktgerechte IT-Lösungen um.

mm.de: Welche speziellen Anforderungen braucht ein CIO in einem solchen Konzern abseits von IT-Kenntnissen? Sie sind ja promovierter Chemiker.

Kuhn: Kommunikationsfähigkeit, analytisches und vernetztes Denken, Entscheidungsfreude, Flexibilität.

mm.de: Sie gelten als Urgestein im Vorstand der Deutschen Börse. Ist so eine Konstanz für einen CIO einfacher als für einen CEO oder CFO?

Kuhn: Wie jeder Vorstand lasse ich mich an meiner Leistung messen – und die besteht im Kern darin, dass alle Systeme laufen und Anpassungen an höhere Handelsvolumina, Handelsgeschwindigkeiten oder Handelsfunktionalitäten am besten unbemerkt vonstatten gehen.

Kontrolle praktisch jede Sekunde

mm.de: Wie bleiben Sie bei der Fülle von Terminen und Verpflichtungen technisch auf dem Laufenden?

Kuhn: Ich habe eine Managementposition inne. Meine Aufgaben bestehen in aller erster Linie im Zuhören und Entscheidungen treffen. Dazu gehört auch, dass ich mich über technische Neuerungen auf dem Laufenden halte und deren Einführung mit entscheiden kann.

mm.de: Wer kontrolliert einen CIO? Gibt es im Aufsichtsrat dafür überhaupt entsprechende Kapazitäten und Kenntnisse?

Kuhn: Natürlich kontrolliert der Aufsichtsrat die Arbeit des Vorstandes. Aber nochmal: Es zählt das Ergebnis der Arbeit. Und für den IT-Bereich ist das jeden Tag, praktisch in jeder Handelssekunde erkennbar. Damit wird die Leistung der IT zusätzlich und zu jeder Zeit von allen externen und internen Kunden überwacht.

mm.de: Wie IT-fit sind Ihre Vorstandskollegen?

Kuhn: Wir alle nutzen die üblichen technischen Möglichkeiten für die Kommunikation: E-Mail, SMS etcetera. Bezüglich der Handels- und Abwicklungs-IT sind alle meine Kollegen mindestens fit genug, um die Erbringung unserer Leitungen kontrollieren und bewerten zu können.

mm.de: Wie gehen Sie mit der technisch möglichen ständigen Erreichbarkeit um? Gibt es Phasen, in denen Sie nicht erreichbar sind? Wie lange kann ein CIO ungestört Urlaub machen?

Kuhn: Technische Erreichbarkeit bedeutet nicht, dass das Telefon alle paar Minuten klingeln muss. Mein Bereich ist so organisiert, dass ich nur sehr selten ad-hoc kontaktiert werde. Die Möglichkeit mal einen längeren Urlaub zu machen ist im Wesentlichen von der Terminplanung von Vorstand und Aufsichtsrat abhängig.

Finanzkrise technisch kein Problem

mm.de: Ein CIO sorgt für die Sicherstellung des operativen Betriebes, bleibt da überhaupt Zeit für Innovationen? Oder ist ein CIO auch ein "Chief Innovation Manager"?

Kuhn: Für mich ist die Sicherstellung des Operativen und Innovation kein Widerspruch. Neben den operativen Bereichen hat das Segment IT Bereiche, die sich mit Innovationen und der Verfolgung technologischer Trends auseinandersetzen. Der CIO hat sicherzustellen, dass das Zusammenspiel beider Bereiche aufeinander abgestimmt ist.

mm.de: Wie sieht die Arbeit eines CIOs im Jahr 2018 aus?

Kuhn: So wie heute. Denn Managementprozesse dürften auch in zehn Jahren nicht anders verlaufen als jetzt.

mm.de: Wie erleben Sie die Krise an den Finanzmärkten in Ihrem Arbeitsalltag? Sind Tage mit starken Kursbewegungen auch besonders hektische Tage für einen CIO der Deutschen Börse?

Kuhn: Unsere Systeme sind so konstruiert, daß sie auch höheres Orderaufkommen problemlos bewältigen. Das haben wir in diesem Jahr schon mehrmals erlebt und stellt für uns keine Herausforderung dar.

mm.de: Die Deutsche Börse zieht gerade nach Eschborn um.

Kuhn: Ja, Teile der der Deutschen Börse sind bereits nach Eschborn umgezogen. Im Sommer 2010 werden auch die noch in Frankfurt-Hausen verbliebenen Mitarbeiter folgen, dazu zählt dann auch die IT.

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