Xing-Chef "Wer nicht online ist, hat verloren"

"Unternehmertum in Deutschland ist noch nicht cool", sagt Lars Hinrichs. Trotzdem hat er sich an diversen Start-ups versucht. Sein Kontaktnetzwerk Open BC, jetzt Xing, brachte ihm den Durchbruch. Hinrichs im Gespräch über sein Leben im Netz, Angela Merkel und die Notwendigkeit, online zu sein.
Von Alexander Görlach

Frage: Ist es leicht in Deutschland Unternehmer zu sein?

Hinrichs: Das Problem in Deutschland ist, dass Unternehmertum noch nicht cool ist. Es hat nicht diesen Status wie in England, Amerika, Indien oder China. Dort oder in anderen Ländern ist das Bedürfnis nach persönlichem Erfolg stärker ausgeprägt.

Frage: Warum haben Sie vor zehn Jahren zum ersten Mal ein Unternehmen gegründet?

Hinrichs: Ich komme aus einer Unternehmerfamilie. Dadurch wird einem natürlich dieser Weg schon aufgezeigt. In Deutschland wird leider zu viel abgewogen zwischen Chancen und Risiken. Je mehr man über eine Gründung spricht, desto mehr schlägt das Pendel in Richtung Risiko aus. Ich bin jemand, der einfach per se Chancen sieht und sagt: Okay, Risiken können vielleicht vorkommen, aber wenn ich mich auf die Chancen konzentriere, sehe ich die Möglichkeiten, die ich eigentlich habe.

Frage: Ist es durch das Internet einfacher geworden, Unternehmensgründer zu werden?

Hinrichs: Das Internet verändert alles. Mittlerweile haben auch die Letzten begriffen, dass ihr klassisches Geschäft in spätestens zehn Jahren nicht mehr da sein wird. Bei Verlagshäusern beispielsweise heißt in Online investieren deshalb ins Überleben investieren. Wenn ich lese, dass große Verlage heute noch Hunderte von Millionen Euro in die Übernahme von Printmagazinen investieren wollen, dann frage ich mich schon, ob das sinnvoll ist.

Viele niederschmetternde Analysen belegen, dass der klassische Medienkonsum in den einzelnen Altersgruppen deutlich rückläufig ist. Insofern hat sich die Nettoreichweite dramatisch verringert. Die jüngeren Generationen nutzen die konventionellen Medien einfach nicht mehr. Das heißt, dass die Verluste in den nächsten Jahren groß sein werden.

Frage: Sind soziale und geschäftliche, virtuelle Netzwerke Erscheinungen des Moments, oder werden sie dauerhaft Bestandteil unseres Lebens?

Hinrichs: Vor 50 Jahren hat jeder sein Leben lang in einem Unternehmen gearbeitet. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Verweildauer, die sie in einem Unternehmen verbringen, immer kürzer geworden. Das heißt, dass die Bedeutung meines Netzwerks und wie ich das Netzwerk manage, wächst. Die Globalisierung findet nicht nur auf Firmenebene statt, sondern auch auf individueller Ebene. Für Xing als Unternehmen bedeuten diese Veränderungen, dass wir die notwendige Infrastruktur für Kontaktmanagement, Karriereplanung und neue Vertriebsmöglichkeiten entwickeln und bereitstellen.

Frage: Müssten Sie dann nicht viel detailliertere Suchkriterien entwickeln, damit das Kontaktmanagement effizienter gestaltet wird?

Hinrichs: Ich glaube, dass das Management von Kontakten noch extrem rudimentär ist. Wir haben ja derzeit nur die Abstufung zwischen: Du bist mein Kontakt oder nicht. Ich glaube, dass es da sehr viele Nuancen gibt, zum Beispiel: Wie gut kenne ich jemanden oder wie wichtig ist diese Person für mich. Oder die Unterscheidung, ob der Kontakt eher privat oder eher geschäftlich ist oder beides. Ein Kontaktmanagementsystem muss ihnen sagen: Sie sind heute in Hamburg. Dieser und jener Freund von Ihnen auch. So ergeben sich Möglichkeiten, einander spontan zu treffen.

"Man wird künftig zwei Identitäten haben"

Frage: Muss sich jeder Einzelne in den Netzwerken, in denen er ist, selbst vermarkten?

Hinrichs: Das ist ein wichtiges Element. Früher haftete Vitamin B etwas Negatives an. "Der hat das ja nur mit Vitamin B geschafft", also etwas nicht durch ehrliche Arbeit erreicht. Aber heutzutage hat, glaube ich, jeder verstanden, dass Kontakte nichts Schlechtes sind, sondern mich de facto weiterbringen.

Frage: Also nach dem Motto "Beziehungen schaden dem, der keine hat"?

Hinrichs: Man wird künftig zwei Identitäten haben. Es gibt die private, die ich dann auf Plattformen wie Facebook oder anderen auslebe. Und es gibt die geschäftliche. Das sind zwei Welten, die ich als User nicht miteinander mischen möchte.

Frage: Das klingt nach einem Burgfrieden, den Sie mit Ihrer Konkurrenz von Facebook geschlossen haben: Facebook zeigt das Private, Xing managt das Geschäftliche.

Hinrichs: Das hat mit uns als Firma extrem wenig zu tun. Das hat mit dem Verständnis der Nutzer etwas zu tun, die entscheiden, wenn sie von ihrem Leben was, wem und wie viel davon mitteilen wollen.

Frage: Können Sie abbilden, wie viel Geschäfte oder Neueinstellungen über die Plattform generiert werden?

Hinrichs: Wenn ich mit den Leuten spreche, geben sie die Wahrscheinlichkeit, dass sie bei Xing neue Leute kennenlernen, die ihnen weiterhelfen, bei nahezu 100 Prozent an.

Frage: Sagen Sie das gefühlt, oder erheben Sie auch Zahlen, mit denen Sie das belegen können?

Hinrichs: Wir bekommen täglich Nachrichten, in denen uns Mitglieder von einem neuen Job, einem Geschäftsabschluss oder einem interessanten Projekt dank Xing berichten. Dass Netzwerken auf Xing sich für unsere Mitglieder wirklich lohnt, zeigt unsere letzte Studie. Dabei gab jeder fünfte Befragte an, durch Xing bereits ein- oder mehrmals Neugeschäft mit Umsätzen generiert zu haben. Darüber hinaus haben wir noch so viele Ideen, wie wir den Nutzen für jeden Einzelnen deutlich steigern können. Und an der Umsetzung arbeiten wir gerade.

Frage: Würden Sie uns eins Ihrer Geheimnisse verraten, die gerade in Entwicklung sind?

Hinrichs: Wir haben auf einem Server angefangen Xing zu entwickeln. Mittlerweile sind wir bei knapp 200 in zwei unterschiedlichen Rechenzentren. Ich hätte nie gedacht, dass der Aufwand letztendlich so hoch ist und das bei gleichbleibendem Qualitätsumfang. Ich glaube, dass wir zu wenig zeigen, woran wir arbeiten. Derzeit beschäftigen wir uns mit einem Zahlungssystem, mit dem wir eine Infrastruktur schaffen, mit der Nutzer A und Nutzer B Geschäfte machen können. Diese Geschäfte können dann sofort über unser neues System abgerechnet werden.

Frage: Gibt es auch Momente – außer wenn Sie schlafen – in denen sie nicht online sind?

Hinrichs: Ich glaube, nicht online zu sein, wird ein Luxus. Wir leben mehr und mehr in dieser "always on" Gesellschaft. Wir werden mehr und mehr vernetzt. Und ich denke eigentlich permanent darüber nach, was man dabei verbessern kann. Das ist schon so ein innerer Antriebsmotor von mir. Dennoch: Abends vor dem Schlafengehen lese ich lieber ein Buch.

"Grenze zwischen Freizeit und Beruf fließend"

Frage: Verändert sich der Mensch nicht durch diese Entwicklung? Wer wird der Homo digitalis sein?

Hinrichs: Mehr als 60 Prozent meines Lebens sind digital. Man kann es ja andersrum drehen und fragen, wie das Leben heute aussehen würde, wenn wir kein Internet hätten. Ich kann mir das nicht mehr vorstellen. Höchstwahrscheinlich wären dann Briefträger so richtig gut versorgt.

Frage: Wir bekommen viel zu viele E-Mails!

Hinrichs: Deshalb müssen wir aufpassen, dass die Inbox unseres E-Mail-Postfachs nicht die To-do-Liste wird. Wir müssen weiterhin in der Lage sein, eine Aufgabe durchzuziehen und erst danach E-Mails zu checken.

Frage: Ist Ihr Pop-up-Fenster, das den Eingang neuer Mails anzeigt, offen, während Sie arbeiten?

Hinrichs: Nein. Pop-ups sind nicht gerade Produktiverlebnisse.

Frage: Sie bekommen bestimmt doch noch nach Feierabend oder an Heiligabend E-Mails?

Hinrichs: Die Grenzen verwischen zwischen dem, was Privatleben, Freizeit und Berufsleben ist. Wenn ich abends noch Mails lese oder mit dem Blackberry beantworte, ist das dann Freizeit oder Beruf? Die Grenzen sind für mich fließend, weil ich vieles von dem, was ich tue, nicht als Arbeit definiere, weil ich es mit Leidenschaft mache. Die Definition von Arbeit hat sich sicher durch das Internet geändert.

Frage: Wann schaffen Sie es zeitlich, ein Buch zu lesen?

Hinrichs: Es gibt immer wieder Gelegenheiten, ein Buch zu lesen. Oftmals wird der Fernseher einfach nicht eingeschaltet und dafür ein Buch gelesen. Aber häufiger lese ich natürlich im Netz.

Frage: Bücher kosten Geld, Magazine kosten Geld. Wird bedrucktes Papier ein Luxusgut?

Hinrichs: Das ist ja indirekt die Frage nach dem Journalismus der Zukunft. Und danach, ob man sich Journalisten noch leisten kann. Ich kann mich nicht daran erinnern, in den letzten vier Wochen eine Zeitung gekauft zu haben. Ich lese Zeitungen, weil sie im Flieger umsonst sind. Mein Medienverhalten richtet sich danach, wo ich gerade bin. Wenn ein Verleger all seine Inhalte kostenlos zur Verfügung stellt, im Gegenzug aber dadurch Werbeeinnahmen über seine Webseite generiert, muss das ja keine Verschlechterung der Qualität von Journalismus zur Folge haben. Insofern wird es auch in zehn Jahren noch bezahlte Journalisten geben.

Frage: Wie werden Verlage künftig mit dem Internet Geld verdienen?

Hinrichs: Jeden Tag entstehen neue Werbemodelle, die noch zielgenauer sind und noch schneller und punktgenauer die Menschen erreichen, für die sie gemacht wurden. Wenn man sich die ursprünglichen Pläne von Amazon , Ebay  oder Google  vor dem Börsengang anschaut, haben wir mit dem Internet alles potenziert übererfüllt von dem, was wir mal erreichen wollten.

Die digitale Elite

Frage: Setzen Sie auf die Individualisierung in der Werbung?

Hinrichs: Es geht ja sichtlich schon in diese Richtung. Werbung wird in Zukunft zu 100 Prozent an ihrer Leistung gemessen und daran, wie relevant sie ist. Wenn ich bei Google  den Begriff London eingebe, dann ist das, was ich rechts, in der sogenannten Werbespalte bekomme, für mich keine Werbung, sondern relevanter Content. Das wird die Bedeutung dessen revolutionieren, was wir mal als Werbung gekannt haben.

Frage: Sie haben bei Xing ja erlebt, dass die User sich nicht mit Werbung oder mit relevantem Content, wie Sie es nennen, zuschütten lassen möchten.

Hinrichs: Aber wenn Werbung relevant ist, dann ist sie Content und keine Werbung mehr. Werbung nehmen wir ja alle wahr als etwas - da ist das Fernsehen ja das beste Beispiel - was irgendwie stört. Es unterbricht mich bei meinem Fernsehfluss. Und da wird es zig neue Möglichkeiten geben in der Zukunft, in der die Leute viel weniger von Werbung sprechen werden, sondern von intelligenten Dienstleistungen.

Frage: Gibt es eine digitale Elite?

Hinrichs: Sagen wir es so: Derjenige, der nicht online ist, hat verloren und zwar für den Rest seines Lebens. Wir haben 1,4 Milliarden Menschen, die im Internet sind, und wir haben dementsprechend 4,3 Milliarden, die offline sind. Die digitale Elite, das sind die Leute, die nicht nur online sind, sondern mit dem, was das Internet bietet, auch richtig gut umgehen können. Dass in allen Schultypen nun Computer mit Internetzugang sind, und der Gebrauch eingeübt wird, ist unerlässlich, um möglichst viele Menschen an der digitalen Revolution teilhaben zu lassen.

Frage: In Suchmaschinen werden Ergebnisse nicht nach Relevanz angezeigt, sondern nach Häufigkeit von Klicks. Ist das ein Manko?

Hinrichs: Nein. Die wichtigen, für den Nutzer relevanten Nachrichten kommen auf diese Weise immer nach oben. Dadurch verschaffen sich auch Meldungen Aufmerksamkeit, die es in eine Printzeitung niemals schaffen würden.

Frage: Ich nehme mal an, dass Meldungen zu schnellen Autos und großen Brüsten dann höher in der Gunst großer Nutzergruppen stehen als der Georgien-Krieg.

Hinrichs: Was Nachrichten betrifft haben wir in Deutschland eine Grundversorgung durch die öffentlich-rechtlichen Sender, die auch gar nicht schlecht ist. Was das Internet betrifft müssen wir lernen, wie wir uns dort gute und damit auch weltpolitische Informationen besorgen. Hier müssen neue Konzepte entwickelt werden, um die Neugier der jungen Generation zu wecken.

"Politik ist in Deutschland nicht attraktiv genug"

Frage: Sie waren 1998 erstmal aktiv im Bereich Online und Politik und haben die Plattform Politik-digital mitbegründet, in deren Board Sie auch heute noch sind. Hat sich die Performance der Politik im Internet in den letzten zehn Jahren verändert?

Hinrichs: Dramatisch würde ich sagen. Nicht nur, weil jetzt jeder Politiker eine eigene Webseite hat, sondern weil mehr Informationen verfügbar sind über das, was eigentlich im Bereich Politik passiert. Insoweit ist Politik erlebbarer geworden und kann mehr Leute begeistern – aber nur die wenigsten Menschen interessiert es.

Frage: In Amerika läuft die politische Mobilisierung durch das Internet anders als bei uns. Warum?

Hinrichs: Politik ist in Deutschland genauso wie das Unternehmertum nicht attraktiv genug. Das ist der Hauptgrund.

Frage: Wie finden Sie eigentlich die Kanzlerin, wenn man fragen darf?

Hinrichs: Sie ist das Beste, was Deutschland in den letzten Jahren politisch passiert ist.

Frage: Warum?

Hinrichs: Weil sie keine Medienkanzlerin ist und einfach die Plattitüden von sich gibt, sondern man bei ihr den Eindruck gewinnt, dass sie tatsächlich etwas bewegt und dabei völlig uneigennützig handelt.

Frage: Was schätzen Sie an ihr?

Hinrichs: Ich muss sagen, dass ich es sehr beeindruckend fand, als sie, die Physikerin, sich für fünf Stunden Auszeit genommen hat - was sicherlich der längste Termin war, den Sie im Laufe ihrer Kanzlerschaft gemacht hat - und die Forschungseinrichtung Cern besucht hat und sich mit den Physikern dort ausgetauscht hat.

Frage: Was machen Sie, um sich zu erholen? Sport, Theater, Kino? Oder haben Sie gar keine Zeit für Erholung?

Hinrichs: Das würde ja bedeuten, dass ich mich bei der Arbeit nicht erhole.

Frage: Sie erholen sich bei der Arbeit?

Hinrichs: Wenn man Dinge mit Leidenschaft macht, erholt man sich permanent.

Frage: Und sonst?

Hinrichs: Erholung sind für mich schöne Momente. Ein schöner Moment kann beruflich sein, kann privat sein, zum Beispiel, wenn mich meine Tochter anlächelt. Zeit für solche schönen Momente richte ich mir gerne ein.

Gut verdrahtet: Businesshelfer im Internet

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