Montag, 21. Oktober 2019

Xing-Chef "Wer nicht online ist, hat verloren"

4. Teil: Die digitale Elite

Frage: Setzen Sie auf die Individualisierung in der Werbung?

Hinrichs: Es geht ja sichtlich schon in diese Richtung. Werbung wird in Zukunft zu 100 Prozent an ihrer Leistung gemessen und daran, wie relevant sie ist. Wenn ich bei Google Börsen-Chart zeigen den Begriff London eingebe, dann ist das, was ich rechts, in der sogenannten Werbespalte bekomme, für mich keine Werbung, sondern relevanter Content. Das wird die Bedeutung dessen revolutionieren, was wir mal als Werbung gekannt haben.

Digitaler Zwang: "Derjenige, der nicht online ist, hat verloren und zwar für den Rest seines Lebens"
Frage: Sie haben bei Xing ja erlebt, dass die User sich nicht mit Werbung oder mit relevantem Content, wie Sie es nennen, zuschütten lassen möchten.

Hinrichs: Aber wenn Werbung relevant ist, dann ist sie Content und keine Werbung mehr. Werbung nehmen wir ja alle wahr als etwas - da ist das Fernsehen ja das beste Beispiel - was irgendwie stört. Es unterbricht mich bei meinem Fernsehfluss. Und da wird es zig neue Möglichkeiten geben in der Zukunft, in der die Leute viel weniger von Werbung sprechen werden, sondern von intelligenten Dienstleistungen.

Frage: Gibt es eine digitale Elite?

Hinrichs: Sagen wir es so: Derjenige, der nicht online ist, hat verloren und zwar für den Rest seines Lebens. Wir haben 1,4 Milliarden Menschen, die im Internet sind, und wir haben dementsprechend 4,3 Milliarden, die offline sind. Die digitale Elite, das sind die Leute, die nicht nur online sind, sondern mit dem, was das Internet bietet, auch richtig gut umgehen können. Dass in allen Schultypen nun Computer mit Internetzugang sind, und der Gebrauch eingeübt wird, ist unerlässlich, um möglichst viele Menschen an der digitalen Revolution teilhaben zu lassen.

Frage: In Suchmaschinen werden Ergebnisse nicht nach Relevanz angezeigt, sondern nach Häufigkeit von Klicks. Ist das ein Manko?

Hinrichs: Nein. Die wichtigen, für den Nutzer relevanten Nachrichten kommen auf diese Weise immer nach oben. Dadurch verschaffen sich auch Meldungen Aufmerksamkeit, die es in eine Printzeitung niemals schaffen würden.

Frage: Ich nehme mal an, dass Meldungen zu schnellen Autos und großen Brüsten dann höher in der Gunst großer Nutzergruppen stehen als der Georgien-Krieg.

Hinrichs: Was Nachrichten betrifft haben wir in Deutschland eine Grundversorgung durch die öffentlich-rechtlichen Sender, die auch gar nicht schlecht ist. Was das Internet betrifft müssen wir lernen, wie wir uns dort gute und damit auch weltpolitische Informationen besorgen. Hier müssen neue Konzepte entwickelt werden, um die Neugier der jungen Generation zu wecken.

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