Samstag, 19. Oktober 2019

Xing-Chef "Wer nicht online ist, hat verloren"

2. Teil: "Man wird künftig zwei Identitäten haben"

Frage: Muss sich jeder Einzelne in den Netzwerken, in denen er ist, selbst vermarkten?

Hinrichs: Das ist ein wichtiges Element. Früher haftete Vitamin B etwas Negatives an. "Der hat das ja nur mit Vitamin B geschafft", also etwas nicht durch ehrliche Arbeit erreicht. Aber heutzutage hat, glaube ich, jeder verstanden, dass Kontakte nichts Schlechtes sind, sondern mich de facto weiterbringen.

Netzwerk für Geschäftige: "Wenn ich mit den Leuten spreche, geben sie die Wahrscheinlichkeit, dass sie bei Xing neue Leute kennenlernen, die ihnen weiterhelfen, bei nahezu 100 Prozent an"
Frage: Also nach dem Motto "Beziehungen schaden dem, der keine hat"?

Hinrichs: Man wird künftig zwei Identitäten haben. Es gibt die private, die ich dann auf Plattformen wie Facebook oder anderen auslebe. Und es gibt die geschäftliche. Das sind zwei Welten, die ich als User nicht miteinander mischen möchte.

Frage: Das klingt nach einem Burgfrieden, den Sie mit Ihrer Konkurrenz von Facebook geschlossen haben: Facebook zeigt das Private, Xing managt das Geschäftliche.

Hinrichs: Das hat mit uns als Firma extrem wenig zu tun. Das hat mit dem Verständnis der Nutzer etwas zu tun, die entscheiden, wenn sie von ihrem Leben was, wem und wie viel davon mitteilen wollen.

Frage: Können Sie abbilden, wie viel Geschäfte oder Neueinstellungen über die Plattform generiert werden?

Hinrichs: Wenn ich mit den Leuten spreche, geben sie die Wahrscheinlichkeit, dass sie bei Xing neue Leute kennenlernen, die ihnen weiterhelfen, bei nahezu 100 Prozent an.

Frage: Sagen Sie das gefühlt, oder erheben Sie auch Zahlen, mit denen Sie das belegen können?

Hinrichs: Wir bekommen täglich Nachrichten, in denen uns Mitglieder von einem neuen Job, einem Geschäftsabschluss oder einem interessanten Projekt dank Xing berichten. Dass Netzwerken auf Xing sich für unsere Mitglieder wirklich lohnt, zeigt unsere letzte Studie. Dabei gab jeder fünfte Befragte an, durch Xing bereits ein- oder mehrmals Neugeschäft mit Umsätzen generiert zu haben. Darüber hinaus haben wir noch so viele Ideen, wie wir den Nutzen für jeden Einzelnen deutlich steigern können. Und an der Umsetzung arbeiten wir gerade.

Frage: Würden Sie uns eins Ihrer Geheimnisse verraten, die gerade in Entwicklung sind?

Hinrichs: Wir haben auf einem Server angefangen Xing zu entwickeln. Mittlerweile sind wir bei knapp 200 in zwei unterschiedlichen Rechenzentren. Ich hätte nie gedacht, dass der Aufwand letztendlich so hoch ist und das bei gleichbleibendem Qualitätsumfang. Ich glaube, dass wir zu wenig zeigen, woran wir arbeiten. Derzeit beschäftigen wir uns mit einem Zahlungssystem, mit dem wir eine Infrastruktur schaffen, mit der Nutzer A und Nutzer B Geschäfte machen können. Diese Geschäfte können dann sofort über unser neues System abgerechnet werden.

Frage: Gibt es auch Momente – außer wenn Sie schlafen – in denen sie nicht online sind?

Hinrichs: Ich glaube, nicht online zu sein, wird ein Luxus. Wir leben mehr und mehr in dieser "always on" Gesellschaft. Wir werden mehr und mehr vernetzt. Und ich denke eigentlich permanent darüber nach, was man dabei verbessern kann. Das ist schon so ein innerer Antriebsmotor von mir. Dennoch: Abends vor dem Schlafengehen lese ich lieber ein Buch.

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