IT-Markt "Diesmal ist alles anders"

Der Konjunktur geht die Puste aus, doch der IT-Markt zeigt sich unbeeindruckt. Laut einer Studie des Marktforschers Gartner bleibt der Bereich auch in den kommenden Jahren auf Wachstumskurs. Analyst Jim Tully erklärt, warum die Krise der IT-Branche diesmal offenbar nichts anhaben kann - und wo die Zukunft liegt.

mm.de: Herr Tully, die Inflation in den USA und Westeuropa zieht an, die Konjunktur schwächelt, und Sie sagen dem IT-Markt sowohl für dieses als auch die nächsten Jahre ein deutliches Wachstum voraus. Können Sie uns das erklären?

Tully: Zugegeben, das wirtschaftliche Umfeld ist düster - allerdings scheint die Verschlechterung der Lage einigen Schlüsselmärkten nichts anhaben zu können. Von IBM über Microsoft bis hin zu Oracle verzeichnen Große der Branche weiter sehr starkes Wachstum.

Natürlich gibt es von Bereich zu Bereich Unterschiede. Aber es wird deutlich, dass Unternehmen Ausgaben für Informationstechnologie nicht vermeiden können, wenn sie im Wettbewerb bestehen wollen - trotz des wirtschaftlichen Abschwungs.

Allerdings geht ein großer Teil der von uns vorhergesagten rund 8 Prozent Wachstum in diesem Jahr auf Kosten des entwerteten Dollar. Rechnet man die Währungsfaktoren heraus, liegen wir noch so zwischen 4 und 4,5 Prozent.

mm.de: Worin liegt der Unterschied zum Abschwung nach dem Platzen der Dotcom-Blase? Damals wurde die IT-Branche ja ziemlich hart getroffen.

Tully: Wir haben es jetzt mit einem anderen Szenario zu tun. Vor dem Platzen der Dotcom-Blase hatten die Unternehmen enorm viel Geld in IT gesteckt. Viele hatten angesichts des Millenium-Problems die Systeme ausgewechselt, und es erfolgte die Umstellung auf den Euro.

Als es dann mit der Wirtschaft bergab ging, war die Versorgung so gut und die Notwendigkeit, mehr für IT auszugeben, nicht mehr vorhanden, sodass der Markt einfach zusammenbrach. Das ist diesmal nicht der Fall. Diesmal ist alles anders.

"Traumzuwächse im Mobilsektor"

mm.de: In welchen Bereichen dürfte das Wachstum Ihrer Analyse zufolge am stärksten ausfallen?

Tully: Geografisch gesehen sind das ganz klar Wachstumsregionen wie China, Asien, Lateinamerika, Osteuropa und der Nahe Osten. Vor allem Letzterer. Die Region hat sich unter IT-Gesichtspunkten zur weltweit am stärksten wachsenden Region entwickelt - im Gegensatz zu Japan und den USA.

mm.de: Und unter Produktgesichtspunkten? Welche Bereiche entwickeln sich am besten?

Tully: Am stärksten wachsen die Bereiche Software und Services, während es für das Hardwaregeschäft insbesondere bei Servern und Druckern nicht so rosig aussieht. Die Sache mit der Hardware ist, dass die Verbraucher aufgrund der technischen Fortschritte einfach exponentiell bessere Leistung für das gleiche Geld bekommen.

mm.de: Laut Ihrer Studie wird allerdings der PC-Markt deutlich wachsen. Wieso?

Tully: Die Zahl von Computernutzern, speziell in Asien, wächst stetig, insbesondere die der privaten Nutzer. Hinzu kommt, dass aktuelle technische Weiterentwicklungen die Unternehmen derzeit vermehrt dazu veranlassen, ihre PCs früher als ursprünglich geplant auszuwechseln. Und auch der Trend zu Laptops tut das Seinige: Die gehen nämlich in der Regel schneller kaputt als Desktop-Geräte, was den normalen Austauschzyklus um etwa ein Jahr verkürzt.

mm.de: Und welche Rolle spielt der mobile Sektor?

Tully: Das ist ein Riesending mit enormem Wachstumspotenzial. Der mobile Sektor schwingt sich von einer Stärkephase zur nächsten. Schauen Sie sich einfach mal den massiven Gebrauch von Smartphones und Blackberrys im Geschäfts- und Privatleben an. Einige Unternehmen nutzen bereits Mobiltelefone anstelle normaler Telefone. Mobile durchdringt alles. Alles läuft auf die eine mobile Einheit hinaus - vom Entertainment über das Social Networking bis zum Einkaufen.

"Potenzial mit Cloud Computing"

mm.de: Wie sieht das mit dem Cloud Computing aus. Halten Sie das Szenario, dass Unternehmen künftig immer mehr Programme und Anwendungen in "Wolken" aus riesigen Serverfarmen auslagern, für realistisch? Oder wird das Ganze an mangelnder Akzeptanz scheitern?

Tully: Unserer Erkenntnis nach ist die Bereitschaft dazu und der Bedarf bei den Unternehmen sehr groß. Schließlich erweitert Cloud Computing die Möglichkeiten der Firmen, während sie gleichzeitig umfangreiche eigene Anschaffungen vermeiden können.

Einzelne Dinge wie Buchhaltung werden ja jetzt schon ausgelagert. Und unsere Erfahrung ist: Sobald derartige Dienstleistungen existieren, und die Unternehmen das Gefühl haben, dass Anbieter vertrauenswürdig sind, nehmen sie solche Dinge gern an - in großem Ausmaß. Im privaten Bereich gibt es das ja schon längst, Facebook und Googlemail sind nichts anderes, nur kostenlos.

mm.de: Und welche Konsequenzen hat das für die Branche?

Tully: Vom heutigen Standpunkt aus ist es schwer, die Auswirkungen zu beurteilen. Wir wissen, dass die Unternehmen eigene Anlagen loswerden wollen und auf transaktionsbasierte Modelle umstellen wollen. Das würde bedeuten, dass die Unternehmen ihre eigenen Investitionen in diesem Bereich zurückfahren und das andere für sie übernehmen.

Allerdings wäre die Auslastung so wahrscheinlich höher, was sich wiederum etwas negativ auf den Markt auswirken könnte. Aber auf der anderen Seite besteht so die Möglichkeit, dass so neue, bislang unbekannte Anwendungen entstehen, die sich die einzelnen Unternehmen nie selbst hätten leisten können, die sie als Angebot, bei sie dem nur pro Transaktion zahlen, aber durchaus nutzen. Wie genau sich das auswirken könnte, ist von der Dimension her allerdings schwer vorherzusagen.

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