Das Google-Imperium Aufstieg oder Niedergang?

Ein Missbrauch des unglaublichen Datenpools von Google ist nicht auszuschließen. Für Google könnte er das Ende bedeuten, denn ohne das Vertrauen der Nutzer ist Google schnell aus dem Spiel. manager-magazin.de präsentiert Auszüge aus dem Buch "Das Google-Imperium" von Lars Reppesgaard.

Die Tatsache, dass Microsoft es im Frühjahr und Sommer 2008 nicht schaffte, Yahoo wie geplant zu übernehmen, spielt Google  in die Hände. Die beiden größten Konkurrenten von Google kämpften gegeneinander, statt gemeinsam eine mächtige Nummer zwei im Such- und Werbemarkt aufzubauen. Das Management von Yahoo hat lieber mit Google bei der Onlinewerbung kooperiert, als sich vom ungeliebten Monopolisten aus dem Nordosten übernehmen zu lassen. Offensichtlich war es für die smarten Jungs aus dem Silicon Valley vor allem wichtig, Bill Gates und Steve Balmer in die Schranken zu weisen.

Auf dem Markt der reinen Suchmaschinen ist ebenfalls kein ernsthafter Herausforderer erkennbar, obwohl es technisch und konzeptionell einige interessante Suchansätze jenseits von Google gibt. Erste Anbieter haben zwar bereits das Konzept der semantischen Suche in die Praxis umgesetzt, die für einige Fachleute als Suchkonzept der nächsten Generation gilt. Bei der australischen Suchmaschine Lexxe.com etwa kann man komplette Fragen stellen. Die Suchsoftware versteht auch diese und kann nicht nur Schlüsselbegriffe aus einem Index heraussuchen.

Der alte Google-Konkurrent Ask.com hat bei der Darstellung der Suchergebnisse clevere Anzeigenleisten integriert, die helfen, Antwortstränge, die zum Beispiel auf Golf als Sport verweisen, von denen zu trennen, bei denen es um den VW Golf geht. Die Blog-Suchmaschine Technokratie ist der beliebteste Wegweiser für Surfer, die Weblogs durch suchen wollen. Blinkx.tv ist ein neuer Spezialist für die Suche von Onlinevideos.

Andere Spezialsuchmaschinen verstehen sich besser als Google darauf, zum Beispiel im Internet verfügbare Fernseh- und Radiosendungen oder Bilder zu durchsuchen. Einige Anbieter zeigen inzwischen nicht nur Links, sondern auch Fotos oder Standbilder von Videos als Ergebnisse an. Die Suchmaschine Cuil.com, eine Neuentwicklung aus dem Silicon Valley, an der auch einige Xoogler beteiligt sind, wird wegen der 120 Milliarden Internetseiten, die das Unternehmen indexiert hat, ebenfalls von einigen Experten als Google-Herausforderer gehandelt.

Doch insgesamt ist niemand am Horizont zu sehen, der durch seine Innovationen Google die Nutzer kurz- und mittelfristig massenhaft abspenstig machen könnte. Googles Anziehungskraft als Marke ist ungebrochen groß. Auch wenn sich in letzter Zeit kritische Berichte über das Unternehmen und seine Datenschutzpraxis häufen, dauert es Monate, wenn nicht Jahre, bis solche Diskussionen in Fachkreisen eine Auswirkung auf die breite Öffentlichkeit haben.

Google steckt unterdessen gehörige Ressourcen in die Weiterentwicklung der Suchtechnik. Man arbeitet an Verfahren zur semantischen Suche und hat mit dem Unified Search Engine einen Dienst veröffentlicht, der neben Textlinks auch Fotos und Videobilder anzeigt. Vor allem im Google-Büro in New York sitzen Software-Entwickler daran, diese Form der Suche weiter zu verbessern. Dazu kommt der riesige und immer größer werdende Datenpool, der es den Googlern erlaubt, besser als andere zu analysieren, ob eine Innovation angenommen wird und ob sie bessere Ergebnisse anzeigt. Außerdem verfolgt Google durch seine Trendanalysewerkzeuge, was im Internet passiert. Sollte eine neue Form der Suche urplötzlich viele Anhänger finden, ist anzunehmen, dass Google darauf zeitnah reagieren wird und eben falls in dieses Feld investiert.

Daten in Gefahr?

Vor diesem Hintergrund ist es unwahrscheinlich, dass Googles wirtschaftlicher Erfolg in den nächsten drei bis fünf Jahren ernsthaft in Frage gestellt wird. Das ist nicht nur für Anleger eine gute Nachricht, sondern auch für alle Google-Nutzer, die sich mittlerweile Gedanken darüber machen, wie sicher die Angaben sind, die sie Google überlassen. Sollte sich mittelfristig etwas an Googles Umgang mit den Daten ändern, ist nicht anzunehmen, dass wirtschaftlicher Druck auf das Unter nehmen dafür die Ursache ist.

Daten in Gefahr?

Wäre es denkbar, dass eine Firma, die mit den Google-Daten Übles vorhat, das Unternehmen im Handstreich aufkauft, vorausgesetzt, sie verfügt über sehr viel Geld? Grundsätzlich ist das bei einem börsennotierten Unternehmen wie Google nicht ausgeschlossen. Larry Page, Sergey Brin und Eric Schmidt halten aber zusammen inzwischen gut zwei Drittel aller Google-Stimmrechte.

Dadurch, dass sie kein festes Gehalt beziehen, sondern mit Aktien bezahlt werden – und zwar mit denen, die ein zehnfaches Stimmrecht beinhalten –, ist ihre Kontrolle über die Firma im Vergleich zu den Jahren direkt nach dem Börsengang sogar gewachsen. Und solange sie sich nicht von ihren Aktien trennen, haben externe Investoren keine Chance, wesentlichen Einfluss auf die Firmenpolitik zu nehmen. Da bei den Bewerbungsgesprächen mit neuen potenziellen Mitarbeitern extrem stark darauf geachtet wird, dass die Noogler kulturell zu den Googlern passen, ist auch nicht zu er war ten, dass ur plötzlich ein völlig neuer Mitarbeitertypus, der keine Skrupel kennt, in den Führungsetagen unterhalb des Triumvirats die Mehrheit bekommt.

Eine Garantie, dass der Datenschatz auch in Zukunft in guten Händen bleibt, ist das alles nicht. Was, wenn die Gründer bei einem Flugzeugabsturz umkommen oder Google durch einen anderen Schicksalsschlag plötzlich führungslos wird? Was, wenn später einmal die Erben der Gründer nichts dagegen haben zu verkaufen? Was, wenn sie selbst die Kontrolle über Google behalten wollen, aber andere Auffassungen als ihre Väter haben, was für den Nutzer gut oder ihm zuzumuten ist?

Eine weitere, bereits sehr reale Gefahr besteht darin, dass Google gezwungen wird, Informationen aus dem Superindex den Behörden zur Verfügung zu stellen. Damit ist nicht die Situation gemeint, dass Ermittlungsbehörden mit einem konkreten Verdacht gezielt Verbindungsdaten oder andere Informationen von Google abrufen, um ein bestimmtes Verbrechen aufzuklären.

Das kann in einem Rechtsstaat, wo Richter maßvoll und mit genügend Zeit über die Herausgabe von Daten entscheiden, eine gängige und vernünftige Praxis sein. Es geht um Versuche von Ermittlern, riesige Datensätze in ihre Hände zu bekommen, um auch ohne konkreten Verdacht Informationen über Millionen Menschen für ihre eigenen Zwecke untersuchen zu können. Nicht immer gelingt es, solche Begehrlichkeiten abzuwehren, wie Google es bei der Anfrage des US-Justizministeriums im Jahr 2006 schaffte.

Problem Log-Files

Gab Ende des 20. Jahrhunderts bei der Abwägung zwischen dem abstrakten Interesse von Sicherheitsbehörden und dem Recht des Einzelnen oft der Schutz der Privatsphäre den Ausschlag, haben sich inzwischen – nicht nur in den Vereinigten Staaten – die Gewichte verschoben.

Es ist gut möglich, dass die Googler, als sie die technischen Weichen für den Index stellten, diese Gefahr unterschätzt haben. Schließlich entstand Google lange vor dem 11. September 2001. "Der Krieg gegen den Terror hat die Regeln dessen, was im Bereich der Bürgerrechte möglich ist, umgeschrieben", warnt Brad Templeton von der Electronic Frontier Foundation.

Wie real die Gefahr ist, dass den Googlern ihre Nutzerdaten aus der Hand genommen werden, zeigt das Beispiel des Viacom-Prozesses im Juli 2008. Google protestierte vergebens gegen die Herausgabe von Daten mit dem Hinweis, man sei zum Datenschutz verpflichtet. Aber das Unternehmen hatte sich selbst mit seiner defensiven Haltung bei Diskussionen um die Wahrung der Privatsphäre ein Bein gestellt.

Die Log-Files von Youtube enthalten die IP-Adresse des Rechners, mit der ein Nutzer ein Video betrachtet hat, den Zeitpunkt des Starts des Filmbeitrags, des sen Identifizierungsnummer sowie gegebenenfalls den Login-Namen des Anwenders. EU-Datenschützer haben immer wieder darauf hingewiesen, dass es sehr einfach ist, bei der Auswertung solcher Daten den Bezug zum tatsächlichen Nutzer herzustellen. Google hatte dagegen immer angeführt, dies sei nicht der Fall, und deshalb müssten die Informationen nicht als besonders schützenswürdige personenbezogene Daten betrachtet werden. Mit Bezugnahme auf genau diese Argumentation verpflichtete der Richter Google zur Herausgabe der Log-Files.

Viacom will die Log-Daten gezielt nach Raubkopien durchforsten, um vor Gericht Belege für seinen Vorwurf zu sammeln, dass Google zu wenig gegen Urheberrechtsverletzungen tut. Mit dem, was in diesem zwölf Terabyte großen Datenberg zu finden ist, lassen sich aber auch problemlos Millionen einzelner Nutzer identifizieren, die Filmausschnitte aus rechtlich geschützten Werken bei Youtube eingestellt haben.

Zwar er klärte sich Viacom schließlich bereit, anonymisierte Daten ent gegen zu nehmen, anhand derer man einzelne Surfer nicht identifizieren kann. Doch das muss sich beim folgenden Prozess nicht zwangsläufig wie der holen. Beim nächsten Mal könnte es sein, dass ein Gericht irgendwo auf der Welt darauf besteht, die kompletten, nicht anonymisierten Daten zu erhalten. Und vielleicht geht es in dem Fall dann nicht bloß darum, die Zahl der unrechtmäßig eingestellten Ausschnitte aus Fußballspielen oder Zeichentrickserien bei Youtube zu ermitteln, sondern herauszubekommen, wer regierungskritische Filme platziert oder betrachtet hat.

Zudem besteht die Gefahr, dass jemand, der Daten aus dem Google-Index nutzen will, auf nicht legale Weise an sie gelangt. Auch auf diesem Wege könnte aus der potenziellen eine reale Gefahr werden, ohne dass ein Googler, der beim Aufbau dieses Systems geholfen hat, Böses im Schilde führte. Computersysteme, die fehlerfrei arbeiten, gibt es nirgendwo auf der Welt. Auch nicht bei Google.

Auch Googler sind keine Heiligen

2004 gelang es Studenten der Rice University, die Google Desktopsuche so zu manipulieren, dass sie die Suchergebnisse von fremden Computern mitlesen konnten. Ende 2006 musste man in Mountain View einräumen, dass einige E-Mails und ganze Gmail-Konten im Daten-Nirvana verschwunden waren. Im Januar 2007 entdeckten Sicherheitsspezialisten einen Weg, um die Konten angemeldeter Google-Nutzer zu kapern und die dort enthaltenen Informationen einzusehen und sogar zu verändern.

Im April 2008 fanden die Experten Schwachstellen im Software-Entwicklerdienst Google Code, durch die man Programmierern, die sich dort angemeldet hatten, ihre Zugangspassworte stehlen konnte. Wenig später entdeckten sie Lücken in der Programmierung von Googles Onlinetabellenkalkulation. Durch sie, schrieb ihr Aufspürer Billy Rios, sei es möglich, "die Gmails von Opfern zu lesen, Hinter türen in ihren Code auf code.Google.com einzubauen, ihre Google-Dokumente zu stehlen" – und im Grunde bei Google alles zu machen, was auch der Eigentümer des geknackten Kontos tun könnte. Im Juli 2008 beobachteten Computerexperten, dass etliche Links zu Nachrichten in den Diskussionsgruppen von Google Groups keineswegs zu den gewünschten Informationen, sondern zu Hackerseiten führten, die unter anderem versuchten, Spionagesoftware zu installieren.

Keine dieser Schwachstellen in Google-Systemen und kein Datenverlust hatte bisher, soweit bekannt geworden, katastrophale Folgen. Sie zeigen aber, dass auch die Googleware selbstverständlich nicht immer zu 100 Prozent zuverlässig arbeitet, sondern Angriffsflächen bietet, die für Hacker erfolgversprechend sind.

Doch es gibt nicht nur den Angriff von außen. Vielen Unternehmen werden Daten von Tätern gestohlen, die aus den eigenen Reihen stammen. Dass Mitarbeiter wegen Schulden, Suchtproblemen oder emotionalen Ausnahmesituationen an einen Punkt kommen, wo ihre Loyalität nicht mehr Google und den Google-Nutzern gilt, ist ebenso wenig auszuschließen wie die Gefahr, dass kriminelle Organisationen gezielt Leute bei Google einschleusen.

Schließlich sind auch die Googler keine Heiligen. Warum sollten Einzelne nicht unbeobachtet den Blick in die Datenschatzkammer wagen, etwa um in einem Beziehungsdrama Näheres über einen Nebenbuhler zu erfahren oder die Neugier über das Surfverhalten eines Prominenten zu befriedigen?

Eine weitere Frage ist, welchen politischen Verhältnissen Google in Zukunft ausgesetzt sein wird. Sollte ein autoritäres Regime in den Besitz dieses Datenschatzes gelangen, hätte es ein erstklassiges Repressionsinstrument in der Hand, um jene, die eine abweichende Gesinnung an den Tag legen, schnell aus der Masse der Nutzer herauszusieben.

Megaindex ohne Hintergedanken

Angesichts dieser realen Bedrohungsszenarien braucht man keine Verschwörungstheorie, um in dem Riesenindex ein Problem zu erkennen, das Millionen von Menschen betreffen kann. Die zentrale Frage ist nicht, ob Larry Page und Sergey Brin oder irgendwer anders bei Google in Wirklichkeit all die Daten sammelt, um irgendwann die perfekten Werbeprofile von Millionen Google-Nutzern – Name, Adresse und heimliche Vorlieben inklusive – zu verkaufen oder um die Kontrolle über die Aktienmärkte und gar die Weltherrschaft anzustreben.

Es ist auch nicht nötig, dass Google seine Firmenethik über Bord wirft, damit aus der gut gemeinten Flut an Produkten und gesammelten Daten ein Albtraum wird. Ob jemand beim Entwerfen dieses Systems tatsächlich finstere Pläne hatte oder einfach von der Sorge getrieben war, dass man in Zukunft irgendeine Möglichkeit zur Datenauswertung verpassen könnte, spielt bei der Bewertung des grundsätzlichen Problems, das Google als Datenkoloss darstellt, keine Rolle.

Vermutlich ist der Megaindex wirklich völlig ohne dunkle Hintergedanken entstanden. Integraler Bestandteil des Innovationsmodells bei Google ist, die Brauchbarkeit aller Ideen durch die Analyse riesiger Datenmengen zu testen. Die Datenmassen erlauben es den Googlern, an ihren altbewährten Verfahren festzuhalten, die im Wesentlichen dar aus bestehen, etwas einfach auszuprobieren und zu sehen, ob es funktioniert. Die automatische Rechtschreibkorrektur, ein paar Algorithmen, die Worte und Sätze von einer Sprache in eine andere übersetzen, und das Aufspüren von Klickbetrügern werden immer wieder als Begründung für den Nutzen dieser Bestände angeführt.

Doch ein Datenmissbrauch hätte nicht nur für die Betroffenen schwerwiegende Folgen. Für Google könnte er das Ende bedeuten, denn ohne das Vertrauen der Nutzer ist Google schnell aus dem Spiel. Allerdings ist derzeit ist noch nicht erkennbar, dass Google trotz aller Lippenbekenntnisse zu Datenschutz und Privatsphäre von sich aus genug Sensibilität entwickelt, um diese Themen im Sinne der Nutzer grundsätzlich und anders anzugehen.

Eine Reihe im Frühjahr 2008 angemeldeter Patente deutet im Gegen teil darauf hin, dass Google sein Know-how im Bereich der Verhaltensanalysen weiter ausbaut. Offenbar sollen sogar auch die Daten von Menschen zu Profilen zusammengefasst werden, die das gar nicht wollen und sich deshalb für einen bestimmten Dienst bewusst nicht angemeldet haben.

Bei dem von Google angemeldeten US-Patent 20,080,077,614 geht es beispielsweise um "Systeme und Methoden, um Benutzerprofile zu er zeugen", indem man die gesamte elektronische Kommunikation in einem Netzwerk überwacht und den Einzelnen anhand dessen identifiziert, was ihm an Inhalten geschickt wird. Auch wer sich nicht bei Google angemeldet hat, kann einem solchen von Google angelegten Benutzerprofil zugeordnet werden, wenn er beispielsweise anhand der Nachrichten, die er typischerweise immer wieder von Google News abruft, identifiziert wird.

Dies ist der vierte und letzte Teil der Auszüge aus Lars Reppesgaards Buch "Das Google-Imperium".

Das Google-Imperium: Software aus der Wolke Das Google-Imperium: Ein Roboter der Werbung Das Google-Imperium: Der Klick in die Unabhängigkeit


Zehn Jahre Google: Zwischen Faszination und Angst

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