IT-Pannen Best of Datenschluder

Ob Adressen, Gehalt oder Kreditkartennummern: Manche Daten sind uns heilig. Dennoch geraten sie immer wieder in falsche Hände. Den heutigen Datenschutzgipfel der Regierung gäbe es nicht, wären nicht kürzlich besonders krasse Fälle von Adresshandel aufgeflogen. Viele Datenskandale dagegen bleiben unaufgeklärt.

Hamburg - Paris Hilton verliert ihr Handy, die Mobilnummern ihrer Freunde finden sich alsbald im Internet. Manche Datenpannen sind einfach erfrischend banal.

Andere dagegen bedrohen Menschen in ihrer Existenz. Als vor drei Jahren die Bundesagentur für Arbeit mit Hartz IV auch eine neue Verwaltungssoftware einführte, wurden Zigtausende von Arbeitslosen bei ihren Krankenversicherungen abgemeldet - entgegen den Bestimmungen.

"Nun stellen Sie sich mal vor, da steht ein Arbeitsloser beim Arzt, soll dringend an einem Tumor operiert werden und die Kasse sagt: Der ist gar nicht bei uns versichert." Jörg Trinogga, Sprecher bei der AOK Brandenburg, schüttelt den Kopf, wenn er an die Pannen denkt: "32.000 automatische Meldungen bekamen wir im August 2005 von der Bundesagentur, davon waren 18.000 fehlerhafte Stornos. Sämtliche Meldungen mussten wir von Hand überprüfen."

In seiner Krankenkasse wird man später 4500 Stunden Mehrarbeit zählen, es werden eigens Hilfskräfte eingestellt. Über Monate hinweg ist keine ordentliche Haushaltsplanung möglich, weil die Zahlengrundlage fehlt. Ähnlich wie in Brandenburg ist die Situation in fast allen gesetzlichen Krankenkassen. Bundesweit gehen die Betroffenenzahlen weit in den sechsstelligen Bereich. Die Kosten des Technikdesasters, geschätzte 80 Millionen Euro, tragen größtenteils die Beitragszahler.

"Besonders ärgerlich war die Reaktion von T-Systems, wo man die Fehler zunächst nicht eingestehen wollte", sagt Trinogga. Die Telekom-Tochter hatte die Software geliefert und schaffte es monatelang nicht, einen fehlerfreien Betrieb sicherzustellen. Am Anfang hätten deren Techniker so getan, als seien alle Beschwerden pure Hysterie, erinnern sich die AOK-Mitarbeiter.

Selbst in Fällen, wo der Datenschluder nicht so professionell betrieben wird wie damals bei T-Systems, ist der Ärger groß. Seit den aktuellen Skandalen um illegalen Adresshandel von Callcentern, die unter anderem für die Telekom und diverse Lotterien arbeiten, ist die Öffentlichkeit sensibler geworden.

Kreditkartendiebe entkommen

Kreditkartendiebe entkommen

Vertreter von Bund und Ländern, darunter Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und Justizministerin Brigitte Zypries treffen sich heute gar zu einem Datenschutzgipfel. Andererseits sammeln Staat wie Unternehmen immer mehr Informationen über Bürger und Kunden. Das erhöht die Gefahr von Fehlern und Missbrauch. Oft geht beides Hand in Hand.

Besonders grotesk ist die Situation in Großbritannien. Einerseits durchleuchtet kein europäisches Land seine Bürger derart umfassend. Andererseits reißt dort die Serie an Datenpannen teils bombastischen Ausmaßes einfach nicht ab. Da verschwinden einfach mal 25 Millionen Datensätze von Kindergeldempfängern auf dem Postweg. Diebstahl? Inkompetenz? Vielleicht beides.

Die Zeitung "Daily Mail" stellte kürzlich eine erschütternde Bilanz behördlicher IT-Bummelei auf. Seit 2001 hätten Regierungsstellen und Behörden 3200 Laptops und Handys mit vertraulichen Daten verloren. Ausgerechnet das Verteidigungsministerium sticht mit knapp 1000 verlustigen Mobilrechnern hervor.

Doch was Behörden können, schaffen Privatunternehmen auch. Der englische Computertechniker Andrew Chapman kaufte Ende August einen gebrauchten PC. Darauf fanden sich die Bank- und Kreditkartendaten von rund einer Million Menschen. Verkäufer war die Firma Graphic Data, die für verschiedene englische Banken IT-Dienste leistet.

Dagegen nimmt sich der Fall der Firma Kartenhaus harmlos aus. Das deutsche Webportal, auf dem man Tickets vor allem für Konzerte ordern kann, warnte seine Kunden im vergangenen Oktober, dass sich Hacker ihrer Kreditkartennummern bemächtigt haben könnten. Betroffen waren 66.000 Nummern, mit denen die Diebe hätten einkaufen gehen können.

"Glücklicherweise halten sich die Schäden in Grenzen", erklärt Kartenhaus nun, rund zehn Monate später. Aufgrund der schnellen Warnung hätten sich viele Kunden rechtzeitig mit ihrer Bank in Verbindung gesetzt. Dem Ticketverkäufer sind Ungereimtheiten "in einer Größenordnung von 20 Fällen" bekannt. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft die Suche nach dem Cyber-Dieb eingestellt - ohne Ergebnis.

Weil sich immer wieder Sicherheitslücken finden und weil Datenklau ein einträgliches, gut organisiertes und globalisiertes Geschäft ist, werden solche Fälle an der Tagesordnung bleiben. Und ja: Weil einfach überall geschludert wird. Graphics Data, die Firma, die Andrew Chapman blind Millionen von Bankdaten verscherbelte, sucht noch immer einen weiteren PC mit sensiblem Material. Verbleib unbekannt.

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