TV und Co. Umweltbewusst? Fehlanzeige!

Was verbraucht mehr Strom, TV oder Kühlschrank? Beim Kauf von Küchengeräten achten wir auf Stromverbrauch und Ökosiegel - bei Unterhaltungselektronik hört das Umweltbewusstsein jedoch auf. Es wird Zeit für eine Effizienzkennzeichnung für TV und Co.
Von Helmut Merschmann

Berlin - Ökologisches Bewusstsein hört oft an der Schwelle zum Wohnzimmer auf. Würde dort eine 100-Watt-Birne mehrere Stunden am Tag brennen, würde sie sofort durch eine Energiesparlampe ersetzt. Über den Dauerbetrieb des Fernsehgerätes, dessen Stromverbrauch in der Regel deutlich höher ausfällt, macht sich niemand große Gedanken. Die Stereoanlage dudelt tagsüber vor sich hin, der iPod lädt die ganze Nacht, der Fernseher läuft und läuft und läuft - und ist er einmal ausgeschaltet, glimmt ein rotes Licht.

Gemäß einer Aufstellung der Deutschen Energieagentur verschlingt ein altes Röhrengerät mit 76 cm Bildschirmdiagonale 176 Kilowattstunden Strom im Jahr. Ein neuer 141 cm großer Plasmabildschirm bringt es sogar auf 730 Kilowattstunden. Das sind, je nach Stromanbieter, rund 130 Euro.

Zum Vergleich: Gute Kühlschränke verbrauchen zwischen 100 und 200 Kilowattstunden - trotz Dauerbetriebs. Für den Strompreis eines einzigen schicken Plasmafernsehers ließen sich also bis zu sieben Kühlschränke parallel betreiben.

"Fernsehgeräte werden ganz selten unter Berücksichtigung des Stromverbrauchs gekauft", sagt Stéphanie Zangl vom Freiburger Ökoinstitut. "Die Verbraucher sind nicht sensibilisiert."

Bei weißer Ware ist das anders. Peinlich genau studieren Konsumenten die Hinweisschilder zu den Energieeffizienzklassen von Kühlschränken und Waschmaschinen, rechnen im Kopf nach, wann sich der Aufpreis für besonders Strom sparende Modelle über die Energiekosten amortisiert.

Bei brauner Ware: Fehlanzeige. Hier gibt es bislang keine verlässlichen Auskünfte zum Stromverbrauch des Fernsehers oder Verstärkers, zumal die Herstellerangaben oft auf unterschiedlichen Messmethoden basieren und nicht vergleichbar sind. Deshalb fordern das Ökoinstitut und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) eine eindeutige Kennzeichnungspflicht für den Stromverbrauch von TV-Geräten.

Doppelter Stromverbrauch bis 2010

Seit Längerem sind Energielabel für Unterhaltungselektronik im Gespräch. Derzeit läuft ein Gesetzgebungsverfahren bei der Europäischen Kommission, für das vom Fraunhofer Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (IZM) die Studie "Ecodesign of EuP Products"  erstellt worden ist. Mit ernüchterndem Ergebnis: Zwischen 2005 und 2010 wird sich der fernsehbezogene Stromverbrauch in Europa verdoppelt haben, von derzeit 50 auf dann 100 Terawattstunden.

Grund dafür sind die vielen Zweitgeräte, die nach der Anschaffung eines schicken LCD-Screens weiterhin betrieben werden, sowie die Decoder, Digitaltuner, DVD-Player und Festplattenrekorder, die am Fernseher und Stromnetz hängen. Auch die Nutzungsdauer ist durch Videogames und Internet-TV angestiegen. Hinzu kommt, dass die Neugeräte immer größer werden und ihre Auflösung besser, was gleichzusetzen ist mit vermehrtem Appetit auf elektronischen Saft.

Qualität hat ihren Strompreis

Qualität hat ihren Strompreis

Auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa), die am heutigen Freitag in Berlin beginnt, wird man das Größer-Dünner-Lauter wieder feiern können. Die Veranstalter preisen Bildschirme an mit einer Diagonalen von 150 Zoll (381 Zentimeter). Die schmalsten Fernseher sind "so dünn, dass sie beinahe mit der Wand verschmelzen", nämlich nur 3,8 cm tief. Moderne Heimkinoanlagen verbreiten über "eine einzige Lautsprecher-Komponente plastische Raumklänge aus bis zu sieben Kanälen" (Presseinfo).

Auf der dröhnenden Leistungsschau stimmen nur einige Hersteller leise, grüne Töne an. Sharp hat immerhin über 40 Fernsehgeräte im Programm, die das EU-Umweltzeichen, die grüne Blume tragen, womit nicht nur geringer Stromverbrauch, sondern auch Recycling und ein Umweltmanagementsystem verbunden ist. Die neue XF-Serie des japanischen Herstellers soll "dramatisch weniger Strom verbrauchen", wie ein Sprecher ankündigt. Dass allerdings das Herunterdimmen des LCD-Backlight als Weisheit letzter Schluss verkauft wird, muss kurios erscheinen. Die 30-prozentige Stromersparnis geht eindeutig auf Kosten von Helligkeit und Kontrast, lässt Tageslichtszenen schnell zur Nachterfahrung werden.

Samsung hat sich etwas anderes einfallen lassen: "LED Local Dimming". Die gesamte Hintergrundbeleuchtung des LCD-Screens wird beim Modell 950 von 1000 Einzelleuchtdioden besorgt, die zu Feldern angeordnet sind. Im Eco-Modus werden die LEDs für dunkle Bildpartien heruntergedimmt beziehungsweise ganz ausgeschaltet.

Wie viel Strom dadurch gespart werden kann, darüber möchte der Hersteller keine Angaben machen. Sein "Crystal Design", welches auf Klavierlackanstriche verzichtet, ist ihm aber noch heute den Marketinghinweis wert, dass die Produktion vollkommen ohne Quecksilber auskommt – wie es im Übrigen die RoHS-Richtlinie der EU seit 2002 vorschreibt.

Den für 2010 angekündigten Energieeffizienzklassen der EU sehen die meisten Hersteller gelassen entgegen. "Das Energielabel wird zu einem gewaltigen Marketinginstrument", schätzt Lutz Stobbe vom Fraunhofer IZM und rechnet damit, dass sich spätestens mit dem Label auch das Bewusstsein der Verbraucher steigern wird. Wer sich rechtzeitig als "grüner" Hersteller positioniert, könnte dann besonders erfolgreich verkaufen. Zugleich weist Stobbe darauf hin, dass das Energielabel noch nichts über "Qualitätsbenchmarking" aussagt.

Das EU-Label wird nur den Stromverbrauch ausweisen. Über die Langzeitstabilität der LEDs, die im Lauf der Jahre verblassen können, und über die Qualität des Bildes gibt es keinerlei Aufschluss. Das Label könnte folglich schon bei seiner Einführung zur Billigmarke werden, von der sich Hersteller im Luxussegment durch Qualität leicht abgrenzen können. Qualität hat schließlich ihren Strompreis.

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