IT-Fachkräftemangel Hausgemachtes Problem

Noch vor vier Jahren haben sich die Unternehmen und IT-Dienstleister reihenweise von guten Spezialisten getrennt. Mittlerweile sind sie es, die händeringend nach Spezialisten suchen. Gelingt es ihnen nicht, die Lücken zu schließen, schlägt sich das schnell auf das laufende Geschäft nieder.
Von Hadi Stiel

Bad Camberg - Ausbildungsverpflichtung für die Industrie? Nein, danke! Nicht einmal vier Jahre ist es her, dass sich die Industrie massiv gegen solche Regelungen wehrte. "Der Staat soll sich nicht in die freie Wirtschaft einmischen", so das damalige Plädoyer von Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt.

Viel ist beim Ausbildungsengagement der Industrie nicht herumgekommen. Gut zwei Drittel des Zuwachses waren bis Ende vergangenen Jahres außerbetriebliche Ausbildungsstellen, organisiert durch die Bundesagentur für Arbeit. Hundt hat argumentativ eine Kehrtwendung vollzogen. Jetzt ruft er nach dem Staat. Er soll das richten, was die Industrie in puncto Qualifizierung und Ausbildung offensichtlich verpasst hat.

Der Spezialistenmangel nimmt in Deutschland immer dramatischere Züge an. "Vom Mangel betroffen sind vor allem die Unternehmen und Dienstleister, die sich damals allzu schnell vom Personal und von Ausbildungsplätzen getrennt haben", sagt Robert Heinrich, bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young verantwortlich für Beratungsservices. "Seit der Markt wieder anzogen hat, laufen sie dem geeigneten Fachpersonal buchstäblich hinterher."

Der Mangel treffe viele Unternehmen und Dienstleister umso härter, zumal ihre Anforderungen an Personal und Ausbildung drastisch gestiegen seien, so der Chefberater. Als Grund dafür macht er die Optimierung der Geschäftsprozesse in den Unternehmen aus. "Dafür müssen die gesamte IT, das Fachpersonal und die geschäftlichen Abläufe nahtlos zusammenspielen."

Da es an Spezialisten mit Allround-Ambitionen fehle, drohe vielerorts das Geschäft in Schieflage zu geraten. "Das betrifft die Seite der Anwender und die der IT-Dienstleister gleichermaßen", sagt Heinrich. Er rät den Unternehmen, die ihren Spezialistenmangel durch externe Unterstützung auszugleichen zu versuchen, vorab sicherheitshalber dort die personellen Voraussetzungen genau zu hinterfragen.

Mangelnde Corporate Responsibility

Der Fachkräftemangel schlägt, ungeachtet ob Anwender oder Dienstleister, unerbittlich zu. Willi Fuchs, Direktor des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), spricht von einem Fehlbestand an 95.000 Ingenieuren. "Jetzt droht Deutschland der Abstieg als Hightechnation", befürchtet er. Betroffen vom gravierenden Spezialistenmangel ist vor allem die Schlüsselbranche IT, also die Branche, die die innerbetrieblichen Prozesse und Geschäftsprozesse in den Unternehmen zunehmend stützen soll. Fehlt es hier an qualifiziertem Personal, drohen geschäftliche Einbußen.

"Börsengetriebene Fehler"

"Börsengetriebene Fehler"

"Die Organisationen, die sich damals allzu schnell und kurzsichtig aus der Personal- und Ausbildungsverantwortung gestohlen haben, sind heute die, die am meisten vom Spezialistenmangel betroffen sind und am lautesten werben", unterstreicht Winfried Materna, Geschäftsführer des IT-Dienstleisters Materna. Er spricht von einer mangelnden Unternehmensverantwortung und börsengetriebenen Managementfehlern.

Für das Dortmunder Unternehmen gehört eine gute Personalpolitik zur Erfolgsstrategie. Die Auszubildenden, derzeit 48, werden mit guten Abschlüssen und bestandener IHK-Prüfung übernommen. Teilnehmer an Traineeprogrammen sind fest angestellte Mitarbeiter des Dienstleisters. Er arbeitet eng mit Schulen und Hochschulen zusammen, um interessierten Schülern und Studenten Praktika oder Praxissemester anzubieten.

Intern werden Verbundstudiengänge gefördert, damit Mitarbeiter parallel zum Beruf studieren und den Abschluss als Bachelor oder Master erwerben können. In einer gemeinsamen Initiative mit Betrieben werden IT-Professionals am IT-Center Dortmund (ITC) ausgebildet. Die Teilnehmer verbringen bis zu 50 Prozent der Studiendauer bei dem IT-Dienstleister.

Verpasste Hausaufgaben

Die meisten Unternehmen und Dienstleister sind von einem solchen Personalengagement weit entfernt. Sie versuchen stattdessen über eine offensive Personalsuche zu retten, was noch zu retten ist. Davon profitieren vor allem Personalvermittler und Personalportale. Der akute Mangel an Spezialisten treibt ihre Vermittlungsgebühren in die Höhe. "Die Chancen, auf diesem Weg die eigene Spezialistenmannschaft zu komplettieren, sind gering", sagt Sandra Gehling, Managerin beim IT-Berater RDS Consulting. "Wer nicht vorher seine Hausaufgaben gemacht hat, wird so die Fehler der Vergangenheit kaum beheben können."

Das Beratungsunternehmen bietet ein umfangreiches Aus- und Weiterbildungsprogramm an. "Nur zufriedene Mitarbeiter mit einem hohen Ausbildungsstand und guten Perspektiven sind motiviert und engagiert und bleiben dem Unternehmen verbunden", sagt Gehling. Dadurch kann es sich das Unternehmen heute leisten, neben dem Projektgeschäft anderen Firmen mit Spezialisten auszuhelfen.

Derweil sucht das Gros der Unternehmen und Dienstleister weiterhin händeringend nach Fachkräften. Missliche Projekterfahrungen treiben sie zusätzlich zur Spezialistensuche an. Laut einer Studie der ISACA, einer IT-Branchenorganisation mit Fokus auf IT-Governance, werden mittlerweile fast die Hälfte aller IT-Projekte vorzeitig abgebrochen. Inhaltliche Veränderungen, unzureichende Zwischenergebnisse, Budgetüberschreitung und Abweichung von der Geschäftsstrategie werden dafür als hauptsächliche Gründe benannt.

Ernst & Young-Manager Heinrich vermutet jedoch einen anderen Grund, der für das Scheitern vieler Projekte verantwortlich ist. "Es fehlt an den Spezialisten, die das Projekt richtig aufsetzen und bei Korrekturbedarf wieder auf das richtige Gleis setzen können." Zudem bedeuten abgebrochene IT-Projekte nicht nur herausgeworfenes Geld. "Sie stellen die Fortentwicklung der IT und damit des Geschäfts infrage", so Heinrich.

Kein Ende des Mangels in Sicht

Kein Ende des Mangels in Sicht

Wie stark der Spezialistenmangel um sich greift, bringt die Studie "Skills Survey" des IT-Portals Silicon.com an den Tag. Letztes Jahr konnten 37 Prozent der befragten Unternehmen und Dienstleister ihre offenen IT-Stellen nicht mehr besetzen. Mittlerweile sind daraus 45 Prozent geworden.

Für Harald Popp, Geschäftsführer des IT-Anbieters PMCS, steht außer Frage. "Die mangelnde Bereitschaft vieler Manager, sich sozial verantwortlich für ihre Mitarbeiter zu erklären, wird den Spezialistenmangel weiter verschärfen. Solange das Personal nur Quartal für Quartal als Kostenfaktor gesehen wird und die Börsen eine Personalfreisetzung mit steigenden Kursen honorieren, wird sich kein Ende des Fachkräftemangels abzeichnen", sagt Popp. Angesichts dieser Rahmenbedingungen sei jedes Unternehmen auf sich selbst gestellt.

Der IT-Anbieter hat seinen Personalbestand jährlich um 20 bis 30 Prozent ausgebaut, die Ausbildungsquote liegt bei rund 20 Prozent gemessen an der Gesamtbelegschaft. Im Schnitt bewegt sie sich in Deutschland bei unter 5 Prozent. Mehr als 90 Prozent der Auszubildenden wurden bisher nach bestandener Prüfung übernommen. Die Mitarbeiter des IT-Anbieters haben zudem die Möglichkeit, ein Studium in den Bereichen Wirtschaftsinformatik und Dienstleistungsmarketing an der Berufsakademie zu absolvieren. "Das Studium können sie im dualen System absolvieren, bei durchgehender Vergütung", sagt Popp. Für die Zukunft ist anvisiert, einen Lehrstuhl im Studiengang BWL an der Europa Fachhochschule Fresenius in Idstein zu finanzieren.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

"Wer weniger gut qualifizierte Mitarbeiter übereilt freisetzt, statt mehr für ihre Qualifizierung zu tun, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem", sagt der freie IT-Berater Mathias Hein. Die potenziellen neuen Fachkräfte nähmen in diesem Fall die Offerten der Personalabteilung nicht ernst. Der Berater sieht auch bei der Gehaltsfrage in vielen Unternehmen Handlungsbedarf. "Wenn nur für die absolut Besten eine Gehaltssteigerung möglich ist, wird der positive Werbeeffekt nach draußen ausbleiben", sagt Hein. Die Mischung aus festem Gehalt, Leistungszulagen und Boni sollte demzufolge so ausfallen, dass für das Gros der Spezialisten unter dem Strich ein ansehnliches Plus stehe. "Das sollten gute Mitarbeiter in Zeiten des Personalmangels eigentlich wert sein."

Im Querschnitt sieht das in Deutschland ganz anders aus. Die Spezialisten brachten es im letzten Jahr beim Grundgehalt im Schnitt gerade mal auf ein Plus von 0,5 Prozent. Das ist eines der Ergebnisse, die eine Studie der Zeitschrift "Computerwoche" gemeinsam mit den Experten von "Personalmarkt" aufdeckt. Hein plädiert außerdem für soziale Leistungen als feste Bestandteile der Mitarbeiterhonorierung, um bestehende Mitarbeiter zu halten und neue Mitarbeiter hinzuzugewinnen.

Neue Vergütungssysteme

Neue Vergütungssysteme

Der IT-Dienstleister Vanco konzentriert sich auf die Vernetzung internationaler Standorte über große geografische Distanzen. Das Unternehmen hat für seine Mitarbeiter weltweit ein sogenanntes Cafeteria-System entwickelt. "Daraus können sich unsere Mitarbeiter bedienen. Das zusätzliche Vergütungssystem setzt sich sowohl aus Entgeltbestandteilen als auch aus Sozialleistungen zusammen", erläutert Joachim Trickl, Geschäftsführer von Vanco Deutschland. Mit der Betriebszugehörigkeit und der Stellung des Mitarbeiters wächst das Volumen des persönlichen Vergütungssystems.

Teile davon sind verpflichtend, wie Urlaub oder betriebliche und private Altersvorsorge. "Aus anderen Teilen kann der Mitarbeiter flexibel auswählen", so der Geschäftsführer. Er nennt als Beispiele Sprachkurse, Mitgliedschaft im Fitnessclub, Yoga-Kurse, zusätzliche Urlaubstage, Gutscheine fürs Mittagessen, Geschäftswagen und Benzingutscheine. Damit der Vergütungskorb immer zum Mitarbeiter passt, kann er einmal im Jahr, bei Veränderung der persönlichen Situation öfter, neu ausgehandelt werden.

Eines können sich die Unternehmen und IT-Dienstleister nicht länger leisten: ein Personalkarussell, das sich immer schneller dreht, mit Mitarbeitern ohne gewachsene Kompetenz und ohne Teamgeist darauf. "Das alles brauchen heute die Spezialisten, um für das Unternehmen die IT, die Organisationsstrukturen, das Personal und die Geschäftsprozesse unter Dach und Fach zu bringen", weiß Ernst & Young-Chefberater Heinrich.

Stattdessen produzierten die meisten Organisationen über ein rigoroses Kosten- und Leistungscontrolling Einzelkämpfer, die weder nach links noch nach rechts schauen - sondern bestenfalls, ihre eigene Karriere im Auge, nach oben. "Gute Voraussetzungen haben Generalisten mit vielen Spezialgebieten, die sich schnell auf neue Umgebungen, Situationen und Menschen einstellen", sagt Materna. Auch für den Geschäftsführer rücken damit Sozialkompetenz und Teamgeist neben einer breiten Qualifikation in den Mittelpunkt.

IT-Bereich dreifach mit Wandel konfrontiert

Wäre da nicht der permanente Wandel. Er rückt immer mehr Firmen und Dienstleister mit dem bestehenden Personal an den Rand ihrer unternehmerischen Möglichkeiten. Dazu kommt der Druck durch die Globalisierung, der zu einer effizienteren und flexibleren Aufstellung zwingt. "Solche massiven Veränderungen ausschließlich mit dem bestehenden Personal und Spezialisten zu meistern, ist nicht möglich", sagt Andreas Ziegenhain, Deutschland-Chef von Siemens IT Solutions and Services.

Auch ein starkes betriebliches Engagement in die Weiterbildung und Qualifizierung für andere hausinterne Jobs, wie sie der IT-Dienstleister verfechtet, helfe angesichts dieser Umwälzungen nur bedingt weiter. "Dort, wo Mitarbeiter dem Wandel nicht mehr folgen können, müssen auf dem Arbeitsmarkt neue Kräfte rekrutiert werden", sagt er. "Anders können gerade global agierende Konzerne die geschäftlichen Herausforderungen nicht mehr bewältigen."

Der IT-Bereich sei in dreifacher Hinsicht - Markt, Organisation und Technologien - mit dem Wandel konfrontiert, so Ziegenhain. "Letztlich sind es auch die Kunden, die gerade vom IT-Dienstleister eine zeitgemäße Aufstellung erwarten. Denn nur mit einer qualitativ hochwertigen Unterstützung sind die Unternehmen in Zeiten des Spezialistenmangels überhaupt in der Lage, ihre IT-Projekte zum Geschäftserfolg zu führen."

Hadi Stiel ist freier Journalist in Bad Camberg

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