Digital-TV Stressfaktor Standard

Mit Standards ist es so eine Sache: Halten sich alle daran, macht er vieles einfacher. Besteht die Norm aber nur auf dem Papier, weil ihr jegliche Unterstützung fehlt, herrscht Chaos. Leidtragende sind meist die Verbraucher - so auch im Fall des Common Interface, dem vermeintlichen Standard für das digitale Fernsehen.

Unterföhring/Stuttgart - Common Interface (CI) heißt jene Schnittstelle für den digitalen TV-Empfang, die zwar von den Geräteherstellern fröhlich verbreitet wird, der aber Sender wie Premiere  oder Kabel Deutschland die Gefolgschaft versagen. Abhilfe soll ausgerechnet ein neuer Standard schaffen, der CI Plus heißt.

Zum leichteren Verständnis eine kurze Begriffsklärung: Beim Common Interface handelt es sich um eine Schnittstelle, mit der viele Receiver für DVB (Digital Video Broadcast), also für digitales Fernsehen, ausgestattet sind. Diese Schnittstelle in Form eines Einschubschachtes nimmt Karten auf, die CI-Module genannt werden. Und zu den CI-Modulen zählen wiederum die sogenannten Conditional Access Module (CAM). In den CAMs steckt eine Smartcard zur Entschlüsselung verschlüsselt gesendeter Signale - wie sie vor allem von Bezahlsendern genutzt werden.

Doch CI gilt manchen Sendern nicht als sicher genug: So lässt sich beispielsweise beim CI unter bestimmten Voraussetzungen der Jugendschutz aushebeln - Sendungen, die erst ab 16 Jahren freigegeben sind, sind dann nicht mehr durch eine vierstellige Pin vor unbefugtem Zugriff geschützt. Zudem verlangten die Inhalteanbieter, zum Beispiel Filmstudios, von den Fernsehsendern bei der digitalen Verbreitung bestimmter Inhalte einen Kopierschutz, erklärt Christoph Schaaf, Leiter Neue Technologien bei Kabel Deutschland.

Darüber hinaus sieht CI Plus im Gegensatz zum älteren CI laut Schaaf den Schutz der digitalen Schnittstelle vor. Somit seien mit CI Plus erstmalig bei einem steckbaren Common Interface Modul zusätzlich auch die Jugendschutzanforderungen des Gesetzgebers und die Anforderungen der Rechteinhaber auf der Basis eines offenen Standards erfüllbar.

Auch Premiere stehe CI Plus grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber, sagt Sprecher Michael Jachan. Vor allem wenn die Jugend- und Kopierschutzfunktionen in CI Plus sicher umgesetzt werden, würde Premiere den neuen Standard wohl unterstützen. "Es ist auch für uns von Vorteil, wenn vieles einfacher wird", sagt Jachan. "Wir bräuchten dem Kunden dann nur noch das Modul und die Karte zu geben." Für die Bestandskunden würde das nichts ändern. "In den von Premiere zertifizierten Geräten ist ja schon umgesetzt, was mit CI Plus kommen soll."

Werbung lässt sich nicht herausschneiden

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Vorausgesetzt, es findet sich ein großer Kreis aus Sendern und Geräteherstellern, die CI Plus unterstützen, könnte das auch für den Verbraucher eine Erleichterung sein. Er müsste sich beim Kauf eines Endgerätes nicht mehr darum kümmern, ob es vom Sender X oder Y für dessen Bezahlinhalte zertifiziert worden ist. Der Käufer muss nur noch entscheiden, ob er sein Digitalfernsehen über Kabel oder Satellit empfangen will. Und er muss darauf achten, dass eine CI-Plus-Schnittstelle vorhanden ist. Wechselt er dann zum Beispiel seinen Bezahlsender, braucht er nicht gleich den Receiver austauschen.

Auf den Receiver könnte ohnehin verzichtet werden, wenn im TV-Gerät direkt ein CI-Plus-Schacht sowie der Digitaltuner stecken. Hannes Rügheimer von der Zeitung "Video" sieht in CI Plus daher vor allem Vorteile für den Verbraucher: Der Digital-TV-Gucker benötige weniger Geräte und kann seine Programmauswahl und Einstellungen im besten Fall über eine einzige Oberfläche steuern.

Einen Nachteil wird es jedoch auch geben: "Wir müssen davon ausgehen, dass das Aufnehmen von Sendungen, wie wir es bisher kennen, nicht mehr so einfach möglich sein wird", sagt Rügheimer. Klaus Merkel vom Institut für Rundfunktechnik schätzt, dass sich aufgrund der Kopierschutzmaßnahmen Werbeeinblendungen dann nicht mal eben ausschneiden lassen.

Erste Vorführungen mit Prototypen von CI-Plus-Geräten sollen laut der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu) auf der Ifa in Berlin zu sehen sein. Mit ersten Seriengeräten rechnet Schaaf von Kabel Deutschland im ersten Quartal 2009. Sein Unternehmen hoffe, mit dem Angebot von vielfältigen Endgeräten die Digitalisierung im Kabel voranzutreiben. Es bleibt abzuwarten, ob sich CI Plus durchsetzt. Kritiker glauben nicht daran, dass CI plus breite Unterstützung erfährt, sondern das Formatchaos größer wird.

Sven Appel, dpa

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