Freenet Spoerr gewinnt Machtprobe

Nach einer hitzig geführten Hauptversammlung hat Freenet-Chef Eckhard Spoerr seine Abwahl verhindert. Die Aktionäre votierten mehrheitlich gegen einen Antrag der Großaktionäre United Internet und Drillisch, die dem Vorstand das Vertrauen entziehen wollten. Die Ablehnung fiel allerdings relativ knapp aus.

Hamburg - Von einer Schlammschlacht, einem Show-Down und einem beispiellosen Akt war im Vorfeld die Rede. Eckhard Spoerr, Vorsitzender des Telekommunikationsunternehmen Freenet , sollte am Freitag auf der Hauptversammlung in Hamburg gestürzt werden.

Aber die Marathonsitzung nahm für den Freenet-Gründer ein gutes Ende. Der Antrag der Großaktionäre United Internet  und Drillisch , die 26 Prozent kontrollieren, fand keine Mehrheit. Immerhin knapp 36 Prozent der Aktionäre unterstützen den Antrag. Spoerr machte seinen Gegenspielern sogar ein Friedensangebot: "Wir können auch ein Bier gemeinsam trinken, so schlimm ist es doch nicht."

Die Aktionäre hatten zuvor eine ihrer Meinung nach fehlende Transparenz beim milliardenschweren Kauf des Telekomunternehmens Debitel kritisiert. Sie lehnten zudem eine Abwahl von Teilen des Aufsichtsrats ab. Auch eine Sonderprüfung, mit der die Übernahme von Debitel durchleuchtet werden soll, wird es nach ihrem Beschluss nicht geben.

Der Redebedarf aufgebrachter Aktionäre bei der HV war so groß, dass mitunter das Mikrofon abgestellt wurde. Zornige Aktionäre, die Klarheit beim milliardenschweren Kauf des Mobilfunkanbieters Debitel fordern, Nachfragen, ob Spoerr einen Teil seines Vermögens nach Südafrika transferiert habe und nicht zuletzt Klagen über den ewigen Streit zwischen Vorstand sowie Drillisch und United Internet. "Diese ständigen Streitigkeiten um Macht und Geld gehören endlich beendet", ruft ein Aktionär.

Der 40-jährige Spoerr hatte alles getan, um eine Mehrheit zu organisieren. Ein Insider verrät: "Schon im Vorfeld wurde heftig in den Kulissen geschoben, damit Spoerr den Posten behalten kann." Und Drillisch-Vorstand Vlasios Choulidis griff schon am Morgen der Entscheidung voraus: "Ich glaube nicht, dass wir die nötige Mehrheit dafür erhalten werden." Das Anti-Spoerr-Lager hatte eine Armada an Anwälten aufgeboten, die das Aktionärstreffen mit Dutzenden Wortmeldungen und Nachfragen in die Länge zogen. So oder so: In Unternehmens- und Aktionärskreisen wird erwartet, dass Spoerr den Posten in den kommenden Monaten niederlegen könnte.

"Versuch der Aktionärsverdummung"

Wie kam es zu der Eskalation? Für United-Internet-Gründer Ralph Dommermuth und Drillisch-Vorstand Choulidis war Ende 2007 die Zerschlagung von Freenet beschlossene Sache. United Internet wollte die Internet-Sparte, Drillisch das Handygeschäft. Doch im Frühjahr holte der Freenet-Chef zum Gegenangriff aus: Mit dem Kauf des doppelt so großen Mobilfunkanbieters Debitel schaffte Spoerr den mit 19 Millionen Kunden drittgrößten Handy-Anbieter nach T-Mobile und Vodafone .

Die langfristige Entscheidung über den Verbleib Spoerrs fällt einer, der am Freitag gar nicht gesondert in Erscheinung trat: der Investor Permira, der durch den Verkauf von Debitel nun 25 Prozent an Freenet hält. Dem Vernehmen nach sorgt Spoerrs Vorgehen auch bei Permira für Irritationen - zumal keine Ergebnisverbesserung in Sicht ist.

Die Aktionäre im Congresszentrum Hamburg waren wütend - viele standen aber trotz allem hinter Spoerr. Einen solch "grotesken Versuch der Aktionärsverdummung" habe er in 30 Jahren auf Hauptversammlungen noch nicht gesehen, sagte ein Aktionär. Statt ein attraktives Übernahmeangebot zu machen, wollten United Internet und Drillisch die freien Aktionäre für ihre Abwahlpläne gewinnen und so versuchen, "ohne einen Cent zu zahlen" Freenet einfach zu übernehmen.

Der Freenet-Aufsichtsratsvorsitzende und frühere RTL-Manager Helmut Thoma macht klar, dass der Aufsichtsrat "keine wie auch immer geartete Grundlage" für eine Abwahl sehe. Hermes-Vertreter Stephan Howaldt fordert, sich wieder mehr ums Tagesgeschäft zu kümmern.

Robert Weber, Anwalt der Drillisch AG, sprach sich erneut gegen die Übernahme von Debitel aus und erneuerte die Kritik am Freenet-Management. "Wir wünschen uns in Zukunft vor allem Transparenz, klare Ziele und klare Zahlen", sagte der Anwalt. Ein strategisches Konzept fehle, die Aktie habe 55 Prozent an Wert binnen eines Jahres verloren. Weber sagte: "Dies ist kein Kampf Gut gegen Böse, sondern Wertsteigerung gegen Wertvernichtung."

Mit der Akquisition der größeren Debitel hatte Spoerr eine Übernahme von Freenet durch die beiden Großaktionäre verhindert - United Internet und Drillisch wollten den norddeutschen Konkurrenten filetieren. Freenet muss sich nun aber von seiner Breitbandsparte trennen, um die Schuldenlast zu senken. Der Kauf von Debitel schlug mit 1,6 Milliarden Euro zu Buche.

Angesichts der scharfen Wortgefechte und vieler unzufriedener Aktionäre stellt sich die Frage, wie lange sich Spitzenverdiener Spoerr (etwa 4,4 Millionen Euro 2007) noch an der Spitze des 1999 gegründeten Unternehmens aus Büdelsdorf halten kann. Das Ergebnis schrumpft seit Monaten; ein Umsatzplus hält Spoerr erst in ein bis zwei Jahren für möglich. So sorgte seine Aussage, die Geschichte des Unternehmens sei "geprägt von kontinuierlicher Dynamik" bei so manchem für Kopfschütteln.

Fotostrecke: Freenets Angreifer und Verteidiger

manager-magazin.de mit Material von dpa und ddp

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