Techniktrends "Machen, was man will"

Berührungsempfindliche Bedienflächen, Spielkonsolen, die zur Körperertüchtigung dienen, und immer smartere Smartphones - seit dem Start des iPhone überschlagen sich die Anbieter mit technischen Neuerungen. Cees van Dok, Kreativchef von Frog Design, über die Technik der Zukunft - und warum Image mittlerweile alles ist.

mm.de: Herr van Dok, als Kreativchef einer Design- und Beratungsagentur, die für die Großen der Software- und Elektronikbranche tätig ist, sind Sie technisch am Puls der Zeit. Welches sind die Themen, die derzeit bewegen?

van Dok: Ganz zentral ist derzeit natürlich das Thema mobiles Internet. In diesem Bereich hat sich in den vergangenen Jahren und Monaten eine ganze Menge getan. Es gibt weltweit etwa eine halbe Milliarde PCs - aber schon ungefähr zwei Milliarden Mobiltelefone. Eine Entwicklung die weitergehen wird - und das mit einem immer rasanteren Tempo.

mm.de: Wann werden wir wirklich im Zeitalter des mobilen Internet angekommen sein?

van Dok: Wenn die Verbindungsgeschwindigkeit stimmt und es vernünftige Telefone gibt, auf denen man die Seiten auch gut erkennen kann, wird das mobile Internet voll durchstarten. Ich schätze, innerhalb der nächsten zwei Jahre sind wir so weit.

Dann werden mobile Services, wie zum Beispiel mobiles Internet, E-Mail, TV- oder Musik-Streaming ein Verbrauchsgut sein wie Wasser aus dem Hahn - aber natürlich nicht für alle und jeden. Es wird natürlich auch künftig Leute geben, die ein Handy, wenn überhaupt, zum Telefonieren nutzen werden. Das ist immer auch eine Generationsfrage.

mm.de: Welche Rolle wird Social Networking bei der künftigen Entwicklung spielen? Ist das nur ein Hype oder bleibt es zentraler Bestandteil unserer Nutzungsgewohnheiten?

van Dok: Manche Social Networks werden sicher gehypt, aber es sind durchaus auch Erfolg versprechende Ansätze und Geschäftsmodelle dabei, wie zum Beispiel LinkedIn oder Xing. Ich glaube, dass das Ganze seinen Zenit noch längst nicht überschritten hat.

Angesichts der enormen Informationsmengen, mit denen wir täglich konfrontiert werden, wird das soziale Umfeld, werden Vertrauen und Empfehlungen nämlich immer wichtiger werden. Dieser am Menschen orientierte Blickwinkel wird immer mehr auch in traditionelle Anwendungen hineinwachsen.

mm.de: Was Sie am Menschen orientierten Blickwinkel nennen, sehen manche als Bedrohung ihrer Privatsphäre. Sie wollen nicht, dass ihre Freunde informiert werden, wenn sie etwas im Internet kaufen oder mit persönlich zugeschnittener Werbung bespielt werden.

van Dok: Das kann ich verstehen. Mir selbst ist Datenschutz auch nicht egal. Aber derzeit wächst eine Generation heran, der das Konzept Privatsphäre mehr und mehr fremd ist und die quasi ihr ganzes Leben ins Netz stellt. Ich kann mir sogar durchaus vorstellen, dass künftige Generationen mit dem Konzept Privatsphäre gar nichts mehr anfangen können.

Voller Körpereinsatz

mm.de: Wie werden sich der Bedeutungszuwachs und die Ausbreitung des mobilen Internets auf die Geräte auswirken?

van Dok: Aus Gründen der besseren Darstellbarkeit wird der Trend eindeutig hin zu größeren Bildschirmen gehen. Aber das Ganze hat ganz klar physische Grenzen. Ein Handheld muss bedienbar bleiben. Man muss das Gerät in der Hand und ans Ohr halten können.

mm.de: Und mal abgesehen von der Größe. Wie werden sich die Bedienoberflächen und der Umgang mit den Geräten verändern?

van Dok: Physischer Input wird wichtiger werden. Man wird mehr Dinge mit den Fingern oder Stiften realtime bewegen können, wie jetzt schon bei dem iPhone, das in dieser Hinsicht sicherlich ein Katalysator war.

mm.de: Wirklich neu ist der Ansatz mit dem Touchscreen aber doch nicht. Das gab es doch schon mal?!

van Dok: Ja, zum Beispiel bei dem Tablet PC von Microsoft. Dieser konnte sich aber unter anderem deshalb nicht durchsetzen, weil der Bildschirm zu groß war, um ihn bequem mit dem Stift bedienen zu können. Erst jetzt ist die Zeit reif dafür und die Technik funktioniert so, dass sie nicht frustriert. Um Erfolg zu haben, müssen die Dinge eben wirklich perfekt sein.

mm.de: Und darüber hinaus? Welche Trends im Interface-Design gibt es noch?

van Dok: In naher Zukunft werden Gesten einen Platz in der Oberflächengestaltung finden, wie beispielsweise schon jetzt bei der Spielkonsole Wii von Nintendo. Das fängt schon jetzt langsam bei einigen Handheld-Modellen an. Wenn man da den Bildschirm rotiert, rotiert das Bild mit in die Horizontale. Vielleicht können wir unsere Nachrichten auch schon bald mit Gesten verschicken, scheinbar mit magischen Kräften wie Harry Potter. So etwas wird sicher auch seinen Platz im Interface-Design finden.

mm.de: Was glauben Sie, macht die Faszination dieser Form der Interaktion aus? Wieso berühren die Leute lieber den Bildschirm mit der Hand, anstatt sich durch irgendwelche Untermenüs zu klicken?

van Dok: Direkte Interaktion mit dem Gerät gibt dem Nutzer das Gefühl der Kontrolle und ist daher für ihn zufriedenstellender. Wenn man ein Auto fährt, will man schließlich auch ein Lenkrad in der Hand halten und mit der Hand schalten. Das erzeugt eine physische und damit auch emotionale Nähe.

Sprechen in Bildern

mm.de: Wird sich auch die Art, wie wir kommunizieren, verändern?

van Dok: Die Bedeutung von Bildern wird weiter zunehmen. Traditionelle Arten der Kommunikation wie Ton oder geschriebener Text werden mehr und mehr durch Bilder ergänzt werden, die völlig ohne Anmerkungen auskommen und selbst Teil einer Unterhaltung sind.

Es können sogar ganze Gespräche nur durch den Austausch von Bildern geführt werden. Schon heute werden Clips auf YouTube bewusst als Teil einer Unterhaltung eingesetzt. Nicht mehr im Sinne von "Ich will das mit dir teilen", sondern "Ich will dir damit etwas sagen".

mm.de: Wie sieht die technische Zukunft aus? Werden die mobilen Geräte und das, was früher der Heim-PC war, immer mehr ineinander übergehen? Oder wird jeder Einzelne ein ganzes Bündel an Geräten besitzen?

van Dok: Sicher werden die unterschiedlichen Erscheinungsformen erhalten bleiben. Wenn man effizient mit einem Computer arbeiten will, braucht man einfach einen großen Bildschirm und natürlich auch eine Maus. Daran wird sich nichts ändern. Im Wohnzimmer auf der Couch ist eine Fernbedienung bequem; dagegen ist eine Maus in der Küche beim Kochen, wenn man schmutzige Hände hat, einfach unpraktisch. Unterschiedliche Kontexte erfordern unterschiedliche Ausprägungen.

Und in je mehr Bereichen die Bedeutung von Computern wächst, desto mehr Ausprägungen werden wir sehen. Und die werden dann alle miteinander verbunden sein. Diese Vernetzung ist entscheidend - aber auch die Ordnung. Um in der Datenflut den Überblick zu bewahren, muss man gut organisiert sein.

mm.de: Sie sprachen eben vom iPhone als Katalysator für die ganze Industrie. Was ist das Besondere daran? Was hat das iPhone, was andere nicht haben?

van Dok: Es ist ein emotionales Gerät - schön und gleichzeitig verständlich. Jeder, der es berührt, versteht sofort, worum es dabei geht. Man muss es nicht umständlich erlernen. Das macht einen Teil der Schönheit aus.

Als es auf den Markt kam, haben sich viele in der Branche gefragt: Was haben wir eigentlich die ganze Zeit gemacht? Jetzt wird nach eigenen eleganten Lösungen gesucht, um zu erreichen, was das iPhone hat. Platte Kopien sind jedenfalls nicht die Lösung.

Image ist alles

mm.de: Welche Rolle spielt Image dabei?

van Dok: Der Leitsatz "form follows function" hat ausgedient. Früher war Funktionalität - wie PS im Auto - sehr wichtig. Mittlerweile aber zählt Funktionalität nicht ausschließlich, denn die meisten Produkte erfüllen heutzutage ihren Zweck und tun das, was man von ihnen erwartet.

Vielmehr dreht sich jetzt alles um andere unterscheidende, Identität stiftende Merkmale. Es geht jetzt mehr darum, sich mit den Produkten, die man benutzt, gut zu fühlen. Dinge zu kaufen, die der eigenen Persönlichkeit entsprechen oder dem Bild, was man von sich hat.

mm.de: Und was macht gutes Interface-Design dabei aus?

van Dok: Es funktioniert einfach intuitiv, ist quasi nicht wahrnehmbar und hindert einen nicht daran, das zu machen, was man will. Und es gibt noch eine ganze Menge Produkte, die genau das tun.

mm.de: Fällt Ihnen ein Beispiel für ein völlig gescheitertes Interface-Design ein?

van Dok: Ja, ein gutes Beispiel sind Bürotelefone. Die sind einfach unmöglich zu gebrauchen. Sie haben eine Unmenge Anzahl von Funktionen - von der Mailbox bis zur Rufnummernunterdrückung. Aber zeigen Sie mir einen Nutzer, der bei so einem Telefon durchblickt und die ganzen Funktionen im Alltag auch wirklich nutzen kann. Oder nehmen wir die Technik in modernen Autos. Kaum ein Hersteller überprüft, ob die ganzen Spielereien bei den Autofahrern tatsächlich ankommen.

mm.de: Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen. Wie stellen Sie sich die Zukunft des guten alten Handys vor?

van Dok: Das ist schwer zu beantworten. Überlegen Sie mal, wie ein Mobiltelefon noch vor zehn Jahren aussah. Die Industrie hat sich in einem atemberaubenden Tempo entwickelt. Und man hätte eine ganze Menge Vorstellungskraft gebraucht, um vorherzusehen, wo wir heute stehen.

Ich könnte mir vorstellen, dass wir uns von der traditionellen Formgebung wegbewegen werden und die Geräte flexiblere Formen annehmen, formbarer und vielleicht auch textiler werden. Denkbar wären beispielsweise in Jackenkragen integrierte Telefone oder Handhelds, die man wie eine Kette um den Hals oder als Armband tragen kann.

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