Musiksuchmaschinen Dem Ohrwurm einen Namen geben

Ohrwürmer können gemein sein - diese eine Melodie will nicht aus dem Kopf heraus. Wenn man die Tonfolge irgendwo aufgeschnappt hat, aber weder Titel noch Interpret kennt, gibt es Hilfe im Internet. Spezielle Onlinedienste identifizieren namenlose Lieblingshits.

Ilmenau/Hamburg - Viele Wege führen zum Lied. So ordnet die Melodie-Suchmaschine des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie einer Gesangsaufnahme des Nutzers den passenden Titel zu. Das nennen Fachleute dann "Query By Humming" - frei übersetzt ist das die Suche nach dem Gesummten.

Die Technologie hinter der Suchmaschine wurde von dem Fraunhofer-Institut in Ilmenau (Thüringen) entwickelt. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass eine Melodie zwar mehr als Tausend Worte sagt, aber sich viele Leute nicht trauen, im Geschäft dem Verkäufer das gesuchte Lied vorzusingen", erklärt Christian Dittmar, Leiter der für die Suchmaschine zuständigen Forschungsgruppe.

In der - relativen - Anonymität des Internets singen Musikfans offenbar lieber. Hier setzt die Fraunhofer-Suchmaschine an. Nutzer singen das Musikstück ihrer Wahl, die Töne werden analysiert und mit den Gesangsmustern einer Datenbank verglichen. Im Erfolgsfall zeigt die Suchmaschine eine Auswahl möglicher Treffer an. Benötigt wird ein angeschlossenes Mikro, ansonsten läuft alles über den Browser.

Laut Dittmar zeigt sich der Suchalgorithmus bei schiefen Tönen oder einer falschen Tonlage tolerant. Die besten Erfolgschancen hätten Anwender, die die Melodie mit "lalala" oder "nanana" vertonen. "Wer den Text singt, vernachlässigt oft die Melodie zu sehr", sagt Dittmar. Pfeifen oder Summen geht notfalls auch.

Genutzt wird der noch in den Kinderschuhen steckende Dienst bisher von Musicline , einem Webangebot der deutschen Musikindustrie. Die Datenbank deckt zwar viele Genres von Pop-Rock über Volksmusik bis Klassik ab. Mit 3500 Datensätzen ist sie aber noch sehr klein.

Trefferquote abhängig von Sangeskunst

Trefferquote abhängig von Sangeskunst

Weiter ist da schon das Mitmach-Projekt Midomi , das ähnlich wie die Fraunhofer-Lösung funktioniert, aber als Nutzergemeinschaft konzipiert ist. Weil viele Teilnehmer ihre Gesangsaufnahmen veröffentlichen, wächst die Datenbank kontinuierlich. Laut den Seitenbetreibern sind mehr als zwei Millionen Titeldaten verfügbar. Da ist die Chance relativ groß, den gesuchten Ohrwurm zu enttarnen.

Die Trefferqualität hängt von der Güte der eigenen Sangeskunst ab. Hintergrundgeräusche stören ebenfalls. Und die Seitenbetreiber empfehlen, dass nicht mehr als eine Person ins Mikro trällert. Bleibt die Melodiesuche erfolglos, ist ein weiterer Versuch per Textsuche möglich - vorausgesetzt, der Nutzer kennt ein paar Zeilen davon.

Als Gemeinschaftsquiz angelegt ist der englischsprachige Dienst Watzatsong : Suchende veröffentlichen ihre Gesangsaufnahme und lassen dann andere Nutzer rätseln, um welches Musikstück es sich handelt. Lösungsvorschläge werden per E-Mail verschickt. Um auf diese Weise den Songtitel erfahren zu können, ist eine Registrierung nötig.

Lange vor dem Web 2.0 gab es das Mitmach-Internet in Form von Diskussionsgruppen. Die gibt es immer noch: Mit dem Finden von Musikstücken beschäftigt sich etwa eine deutschsprachige Google-Gruppe . Suchende fragen nach dem gewünschten Titel in klassischen Textbeiträgen - in der Hoffnung, dass musikerfahrene Experten die Antwort kennen. Stichproben in der Beitragshistorie zeigen, dass diese Art der Titelidentifizierung offenbar erfolgreich ist. Allerdings kann wie bei Watzatsong unter Umständen etwas Zeit vergehen, bis die Antwort eintrudelt.

Wer solche Musik-Recherchedienste nutzen möchte, darf im Fall eines Misserfolgs nicht enttäuscht sein. "Nutzer müssen von einer gewissen Fehlerrate ausgehen", sagt Michael Knott vom Onlinemagazin "Netzwelt". Da diese speziellen Internetdienste nichts kosten, können Nutzer nicht viel falsch machen. Knott empfiehlt noch einen weiteren Weg, um an Informationen über Musikstücke zu kommen: "Im Grunde jeder Radiosender bietet auf seiner Internetpräsenz eine Liste der gespielten Lieder an." Nur Zeitpunkt und Sender muss sich der Hörer gemerkt haben.

Berti Kolbow, dpa

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