Experten-Chat Collaborative Computing

Enterprise Software im Wandel: Die traditionellen Anbieter bauen ihre Programme für die Anforderungen des Internet um, Startups bieten innovative Lösungen für Geschäftskunden. Vijay Sondhi, Finanzvorstand von IXOS, und Stefan Schmitgen, Leiter der Software Beratungspractice und Partner bei McKinsey, diskutierten das Thema im Experten-Chat von manager magazin online. Lesen Sie das Protokoll.

Moderator:

Herzlich willkommen zu unserem zweiten Chat in diesem Monat zum Thema E-Commerce im Geschäftskundenbereich. Wir freuen uns als Gäste Vijay Sondhi, Finanzvorstand von IXOS, und Stefan Schmitgen, Leiter der Software Beratungspractice und Partner bei McKinsey, begrüßen zu dürfen. Ich würde vorschlagen, das Thema in drei große Fragenblöcke zu teilen:

1.) Welche neuen Entwicklungen gibt es in der Enterprise Software-Industrie?

2.) Welche Chancen ergeben sich aus den Entwicklungen im Bereich e-commerce

3.) Welche Bedeutung hat diese Entwicklung für junge Start-Ups?

Wie gewohnt werden unsere Experten zunächst einen kurzen Überblick über das jeweilige Thema geben, um dann Ihre Fragen entgegenzunehmen. Herr Schmitgen, können Sie unseren Chattern zuerst kurz erläutern, was man unter Enterprise Solutions versteht und wie sich diese Anwendungen über die Zeit entwickelt haben.

Schmitgen - McKinsey: In einer ersten Phase waren Enterprise Solutions Software Lösungen zur Unterstützung firmeninterner Prozesse, z.B. in der Finanzbuchhaltung oder im Controlling. Diese sogenannten Back-Office Funktionen haben über die letzten Jahre ein rasantes Wachstum erlebt. SAP, ein Anbieter dieser "klassischen" Lösungen z.B. hat von 1993 bis 1998 ein durchschnittliches jährliches Umsatzwachstum von 40% genossen.

Moderator: Herr Sondhi, müssen diese Systeme nicht auf die besonderen Bedürfnisse eines jeden Unternehmens angepaßt werden?

Sondhi - IXOS: Sicher und dieses ist der zweite "traditionelle" Bereich im Enterprise Solutions Geschäft, nämlich das Projekt-Geschäft. Nach der Auswahl einer geeigneten Software muß diese den speziellen Geschäftsprozessen angepaßt werden und in die Systemarchitektur im Unternehmen integriert werden. Dieses geschieht meist nicht durch die Software Firmen selber, sondern durch deren Partner wie z.B. AC, PWC oder KPMG.

Moderator: Was aber hat sich nun über Zeit verändert?

Schmitgen - McKinsey: Die erste Veränderung betrifft die zunehmende Rolle der sogenannten "Front-Office"-Anwendungen, d.h. die Anwendung der Software-Systemen nicht mehr nur für den internen Datenfluß, sondern für die Interaktion mit Kunden und Zulieferern.

alexis: Können wir auf unsere EDI-Lösungen künftig verzichten und mehr auf das Internet verlagern?

Sondhi - IXOS: Langsam werden EDI-Lösungen von XML basierten Systemen ersetzt, aber XML fängt gerade erst an, sich als Standard zu etablieren.

Tommi: Was ist XML?

Sondhi - IXOS: XML heisst Extensible Markup Language und ermöglicht die Darstellung von Daten und Datendefinition in einem gemeinsamen Dokumentformat.

Schmitgen - McKinsey: Der Vorteil von Internet-basierten gegenüber traditionellen Lösungen ist, dass viele Käufer mit vielen Anbietern kommunizieren können.

Moderator: Können Sie mir Beispiele für solche Interaktionen nennen?

Schmitgen - McKinsey: Dell und Cisco können hier als Vorreiter genannt werden.

Sondhi - IXOS: Zukünftig werden wir immer mehr von Collaborative Computing sprechen.

Moderator: Was genau heisst Collaborative Computing?

Schmitgen - McKinsey: Zum Beispiel können Daten im Netz gehalten werden, auf die gemeinsam zugegriffen wird. Käufer und Verkäufer können beispielsweise gemeinsam einen Produktdatenkatalog nutzen.

lludwig: Was ist notwendig um EDI-Anwendungen in Internet-Technologien zu integrieren? Wie sicher sind diese vertraulichen Daten heutzutage vor fremdem Einblick geschützt?

Sondhi - IXOS: Für eine gelungene Integration ist es notwendig, offene Standards wie z.B. XML zu benutzen.

Schmitgen - McKinsey: Verschlüsselung ist ein enorm wichtiges Thema, die Verfahren werden immer besser. Eine Garantie kann heutzutage aber niemand abgeben.

Moderator: Wird sich durch Collaborative Computing z.B. auch die Landschaft bei Archivierungssystemen verändern?

Sondhi - IXOS: Sicher. Die Archivierungssysteme von IXOS z.B. sind ergänzt um Internet-Technologien, so dass Benutzer innerhalb und außerhalb eines Unternehmens auf archivierte Dokumente zugreifen können.

Moderator: Wer liefert diese neuen Anwendungen, sind es noch die alten Software-Firmen oder gibt es neue Firmen, die sich auf diese Art von Anwendungen spezialisiert haben?

Sondhi - IXOS: Firmen wie FileNET oder Documentum arbeiten ebenfalls an solchen Lösungen.

Schmitgen - McKinsey: ...aber auch die traditionellen ERP-Anbieter bauen derzeit ihre Lösungen für die Anforderungen des Internet um.

Captain Picard: Muss künftig überhaupt noch jemand SAP kaufen? Oder schliesst man sich einem Remote-Hosting-Service an?

Sondhi - IXOS: In Zukunft wird es die Möglichkeit geben, Software wie SAP zu kaufen oder zu mieten.

Schmitgen - McKinsey: Derzeit entstehen in diesem Umfeld einige neue Firmen sogenannte ASP (Application Service Provider)-Anbieter.

lludwig: Wird sich der Teile-Einkauf von Zulieferern bald auf Auktions-Basis a la e-trade (ed. eBay) abspielen? Existieren hier bereits spezialisierte und etablierte Informations-Broker?

Schmitgen - McKinsey: Es gibt einige Spieler, die derzeit sogenannte Marktplätze im Netz mit Auktionsmöglichkeiten aufbauen. Beispiel FreeMarkets online für das B2B-Geschäft. Einige große Firmen versuchen auch selbst, durch E-Procurement Lösungen Potentiale im Einkauf zu erschliessen. Beispiele hierfür sind GE, Ford und GM. In Deutschland entstehen ausserdem derzeit ca. 40 Startups im B2B-Bereich.

Captain Picard: 40 Startups sind aber viel. Davon haben doch sicherlich nicht alle eine Chance. Wird sich der Markt konzentrieren?

Sondhi - IXOS: In der Regel haben nur 2 von 10 Start-Ups eine echte Chance, einen späteren Börsengang zu schaffen.

Moderator: Worauf kommt es denn beim Erfolg an?

Schmitgen - McKinsey: Wichtig ist es, sich ein fokussiertes Feld für einen Marktplatz zu suchen, z.B. eine bestimmte Industrie. Ausserdem benötigt man ein gutes Netzwerk, weil schnell ein hoher Traffic auf dem Marktplatz notwendig ist (d.h. viele Buyer und Seller müssen partizipieren).

lludwig: E-Commerce-Einkauf: Wie wird die Qualität gesichert ? Steht dieses Konzept nicht im Widerspruch zu der allgemeinen Konsolidierung von Suppliern in sogenannten Longterm-Supply-Chains?

Schmitgen - McKinsey: B2B Auktionen müssen - anders als im B2C-Bereich - sorgfältig vorbereitet werden, um die Qualität zu sichern. Die Supplier müssen sich auch über ihren Produktkatalog qualifizieren. Natürlich ermöglichen Marktplätze, dass neue Supplier ins Spiel kommen, doch müssen die Beziehungen zu diesen nicht von kurzer Dauer sein.

Moderator: Wo speziell engagieren sich die traditionellen ERP-Hersteller: als Anbieter von Software-Produkten oder auch als Marktbetreiber, z.B. in einem Vertical Market?

Sondhi - IXOS: Hier gibt es unterschiedliche Formate: Spieler wie Oracle, SAP etc. bieten heute Lösungen z.B. im Bereich E-Procurement (Materialbeschaffung über das Internet) oder im Bereich Internet-Sales an.

Schmitgen - McKinsey: Gleichzeitig lesen wir von Ankündigungen von Business-Portalen, die einen Zugang zu Marktplätzen beinhalten: nehmen Sie beispielsweise mySAP.com.

Sondhi - IXOS: Gerade im Bereich E-Commerce gibt es eine Vielzahl von neuen Anbietern, die vor ein bis zwei Jahren keiner kannte, wie z.B. Ariba, FreeMarkets and Commerce One. Die hohe Geschwindigkeit der Veränderung in diesem Markt ermöglicht es, dass Newcomer schnell zu einer globalen Bedeutung kommen.

Moderator: Welche Chancen ergeben sich für neue Ventures?

Schmitgen - McKinsey: Hier kann man sich völlig unterschiedliche Ideen vorstellen: Hosting- oder E-Service-Anbieter, SW-Produkte, die neue Geschäftsprozesse unterstützen, das Betreiben von Marktplätzen, Content-Provider...

Moderator: Welche Stossrichtungen sehen Sie für IXOS im B2B E-Commerce Bereich, Herr Sondhi?

Sondhi - IXOS: Wir haben vor einigen Wochen angekündigt, dass wir eine E-Commerce Tochtergesellschaft gründen werden. Diese Firma wird XML-Dokumente, die durch E-Commerce-Transaktionen generiert worden sind, direkt im Internet - greifbar für Käufer und Verkäufer - zur Verfügung stellen.

Moderator: Hier noch eine Frage eines Chatters: wie groß ist der Markt für B2B? Auch ich würde dieses gerne wissen, gerade da alle Welt über B2C zu reden scheint.

Schmitgen - McKinsey: Der Markt im Bereich B2B wird ein Vielfaches der Göße des B2C-Marktes erreichen. Es gibt Abschätzungen, dass in Westeuropa im Jahr 2002 der B2B-Markt ca. 150 Mrd. US$ betragen wird, während der B2C-Markt "nur" ca. 30 Mrd. US$ umfasst.

lludwig: Internet -Transparenz - Geschwindigkeit: Wer verdient heute eigentlich das Geld im Internet ausser Beratern und Betreibern von IPOs?

Sondhi - IXOS: IXOS z.B. verdient als Software Firma, die im Internet aktiv ist, sehr wohl gutes Geld. Im letzten Fiskaljahr haben wir etwa 20 Mio. DM Gewinn erzielt.

gsoros: Das Geld verdienen sicherlich nicht mehr die, die sich bis jetzt mit SAP-Installationen beschäftigt haben. Was müssen die tun?

Schmitgen - McKinsey: Das stimmt so nicht ganz. Das Umfeld von SAP-Installationen ist immer noch ein großer Markt. SAP selbst spielt im Internetfeld mit und die neu entstehenden Lösungen müssen mit den Backoffice-Lösungen integriert werden: ein oft unterschätzter Aufwand.

Sondhi - IXOS: Es gibt auch eine neue Klasse von System-Integratoren wie iXL Proxicom oder Razorfish, die sehr viel Geld verdienen, lediglich aufbauend auf Internet-Commerce Sites.

lludwig: Warum wird dem B2B ein solches Wachstum prophezeit? Welche Punkte kann man da aufführen?

Schmitgen - McKinsey: Die Transaktionskosten können erheblich gesenkt werden. Daher besteht ein sehr großes Interesse die Inter-Enterprise-Prozesse auf das Netz zu verlagern.

Moderator: Gibt es dafür besonders gute Beispiele?

Schmitgen - McKinsey: GE hat im Bereich Einkauf von MRO-Produkten, d.h. Klein- und Verbrauchsteilen, ein Einsparpotential von ca. 30% erzielt.

gsoros: Herr Sondhi, Ihre E-Com-Tochter konzentriert sich dann auch auf wenige Grosskunden?

Sondhi - IXOS: Die neue Firma wird beides, B2B und B2C adressieren.

lludwig: Die Transaktionskosten können aber auch beim B2C erheblich gesenkt werden. Warum trotdem dieser Unterschied ?

Schmitgen - McKinsey: Das Handelsvolumen ist um Dimensionen größer.

bluerunner: Werden sich im B2B-Bereich grosse, branchenübergreifende Portale ausprägen oder kleinere Vertikale?

Sondhi - IXOS: Wir haben von dem B2C-Bereich gesehen, dass Amazon.com versucht, alle Bereiche abzudecken. Vielleicht wird dieser Trend auch in B2B kommen.

Schmitgen - McKinsey: Gleichzeitig werden vertikale Portale entstehen. Beispiel VerticalNet, Chemdex ...

bluerunner: Gibt es ein Beispiel für einen Amazon.com im B2B-Bereich?

Sondhi - IXOS: Die Ankündigungen von Oracle.com und mySAP.com gehen in diese Richtung.

bluerunner: Sind B2B-Lösungen im Internet auch für kleinere Unternehmen unterhalb des Mittelstands interessant?

Schmitgen - McKinsey: Ja, gerade hier können z. B. Einkaufspotentiale gebündelt werden.

Sondhi - IXOS: Ein Beispiel in Deutschland: Portal-AG.com bietet on-line Einkauf für Fahrschulen an.

manager-magazin: Muss jemand, der im B2B-Bereich Marktanteile gewinnen will, nicht wieder versuchen, proprietäre Software-Standards zu setzen? Wenn alles für alle offen ist, ist das doch zuviel Wettbewerb?

Schmitgen - McKinsey: Das Spiel wird nicht über proprietäre Standards, sondern über Marktstandards und Branding gehen.

Moderator: Wir haben noch Zeit für eine letzte Frage:

lludwig: Warum zögern deutsche Unternehmen im Vergleich zu denen in den USA immer noch am B2B-Geschäft teilzunehmen? Was sind ihre Erfahrungen?

Sondhi - IXOS: Deutschland ist in diesem Bereich konservativer als die USA und die Internet-Durchdringung ist nur etwa halb so gross wie in den USA.

Moderator: Leider sind wir wieder einmal am Ende unseres heutigen Chats angelangt. Ich möchte mich bei unseren Gästen, Herrn Sondhi von IXOS und Herrn Schmitgen von McKinsey, für Ihre interessanten Einsichten und bei den Chattern für Ihre zahlreichen interessanten Fragen bedanken. Unser nächster Chat zwischen Markus Adam von realTech und Johannes Pruchnow von McKinsey findet am 16. Dezember 1999 von 19 bis 20 Uhr zum Thema Mitarbeiterbeteiligungen im "War for Talent" statt. Wir würden uns freuen, Sie auch dann wieder begrüßen zu dürfen. Hintergrundinformationen zum Thema des Monats IT finden Sie auch auf der gemeinsamen Web-page von Manager Magazin und McKinsey (www.manager-magazin.de/venture).