Auszeit Fußballfreie Zone

Zeit, das Internet zu entdecken: Wer die Front der uniformen Modeklone durchbricht. Wie man selbst aus Ikea-Möbeln etwas Individuelles macht. Und wie sie nie wieder ohne Zahnbürste anreisen.

Sie werden diesen Text wohl nicht lesen. Wenn er erscheint, werden Sie ihr 75-Euro-Nationaltrikot übergestreift haben, mit 4000 Gleichgesinnten vor einer Großleinwand stehen und lauwarmes Pils aus einem Plastikbecher trinken, während drei Jugendliche hinter Ihnen Schmähgesänge über die polnische Mannschaft in den lauen Sommerabend bellen. Willkommen bei der Fußball-Europameisterschaft.

Dabei ist alles längst gelaufen. Das sorbische Team ist schon am Donnerstag im Achtelfinale ausgeschieden . Es unterlag im schweizerischen Trin der Auswahl der Dänen in Deutschland mit 1:3. Haben Sie nicht gesehen? Sie lassen sich ein Meisterschaftsspiel mit zwei deutschen Mannschaften entgehen?

Dann ist Ihnen wahrscheinlich völlig schnuppe, dass die Sorben vorher die rumänischen Kroaten mit 4:1 deklassiert und die Okzitaner mit 2:1 auf die Plätze verwiesen haben; einzig die Zimbrer hatten ihnen ein torloses Unentschieden abgerungen. Womöglich ist Ihnen ebenfalls entgangen, dass die sorbische Mannschaft im Turnier die deutsche Fußballhoffnung schlechthin war. Doch wenn Sie diese Zeilen lesen, ist die Europeada schon wieder vorbei, die Meisterschaft der europäischen Minderheiten. Und Sie haben nicht einen einzigen Abpfiff erlebt.

Sozialleben eines Nachtschattengewächses

Ein wahrer Fußball-Afficionado können Sie also nicht sein, trotz Abzock-Trikot und schwarz-rot-goldener Schminke. Ihr Fußballherz beginnt immer nur dann zu schlagen, wenn der Sport aus den Stadien in die Fanmeilen flutet und wenn die Autos mit knatternden Fähnchen durch die Stadt rauschen. Dafür haben Sie keinen Schimmer, warum Jogi Löw (so heißt der deutsche Nationaltrainer) doch noch mal Jens Lehmann ins Tor stellt (weil er ein antizipierender Torwart ist).

Das ist eine Möglichkeit. Die andere ist, dass sie zu jener artengeschützten Spezies gehören, für die Fußball lediglich ein Sport mit einem Lederball ist. Dann interessiert Sie an dem EM-Rummel allenfalls, warum eigentlich der Steuerzahler das ganze Sicherheitstamtam um die Fanmeilen bezahlen muss, obwohl der ein oder andere Fan seine Schäden doch ganz privat verursacht. Dann werden Sie in den kommenden drei Wochen das Sozialleben eines Nachtschattengewächses führen.

Und dann ist diese Auszeit doch etwas für Sie. Denn wir erklären feierlich den Rest dieses Artikels zur fußballfreien Zone: Auszeit im Abseits - und Spaß dabei.

Lassen Sie sich nicht erwischen!

Ikea, für Individualisten

Eigenbau: eine Ladestation für die unterschiedlichsten Elektronikgeräte auf "Ikea Hacker"

Eigenbau: eine Ladestation für die unterschiedlichsten Elektronikgeräte auf "Ikea Hacker"

Ikea Hacker

Wir leben in einer individualisierten Gesellschaft, zumindest glauben wir das. Kaum einer tritt noch einem Verein bei, bleibt Kirchenmitglied oder sitzt zur selben Uhrzeit vorm Fernseher wie seine Nachbarn. Einigende Bänder der Vergangenheit, als sich die Bürger aus der Neubausiedlung sogar im Urlaub begegneten, weil sie just am selben Strand des Gardasees campten.

Heute geht jeder einem anderen Freizeitvergnügen nach, schläft sonntags aus und guckt DVDs, wann es ihm passt. Für eins aus Hunderten von Urlaubszielen entscheidet man sich zur Not erst am Flughafen. Sind wir deshalb alle individualisiert?

Wer das glaubt, verkennt die neuen einigenden Bänder. Morgens in der U-Bahn hat jeder Dritte weiße Stöpsel in den Ohren, zum Beispiel. Immer mehr Menschen sind sich einig, nicht mehr wählen zu gehen. Und was in den kommenden Wochen in Kneipen und auf öffentlichen Plätzen so getrieben wird - Sie wissen schon, dieses Sportdings -, das wollten wir ja gar nicht mehr erwähnen.

Noch etwas macht fast alle gleich: Ikea. Das Möbelhaus mit dem elchigen Charme ist verdammt erfolgreich, der Umgang mit dem mitgelieferten Imbusschlüssel einigendes Leid. Ob Single oder Familie, reich oder arm, in unzähligen Haushalten finden sich Stücke aus dem schwedischen Sortiment: "Billy" den Hütten, "Expedit" den Palästen.

Wer da ausscheren will, wer wirklich individuell sein will, der muss schon selbst Hand anlegen. Und Ideen haben. Davon finden sich viele in dem Blog "Ikea Hacker" . So, wie Schäuble unsere Computer hackt, greifen die Schreiber der Beiträge in die Substanz der vertrauten Produkte und machen daraus etwas Neues.

Zum Beispiel ein gewisser Jules, der für sein Badezimmer einen rustikalen Waschtisch suchte. Er wurde fündig, hatte aber einfach nicht 900 Dollar dafür übrig. Also kaufte er den Küchenwagen "Bekvam" bei Ikea, für magere 50 Dollar, sägte eine Aussparung aus der Tischplatte und lasierte das ganze dunkelbraun. Die Oberfläche wurde wasserschutzversiegelt und ein Waschbecken aus einem anderen Möbelhaus aufgeschraubt - fertig. So ähnlich hätte Jules' Wunschwaschtisch auch ausgesehen, für fast das sechsfache Geld.

Die Schreiberin Cassandra nahm ebenfalls "Bekvam" als Basis, als sie einen platzsparenden Käfig für ihre Katze suchte. Sie versah die untere Regaletage, die relativ hoch ist, außen mit Kaninchendraht und mit einer Klappe. So bleibt ihr oberhalb des Stubentigers noch immer ein Regal und eine Tischplatte.

Auf "Ikea Hacker" gibt es mehr Lösungen als man Probleme bei der Einrichtung haben kann - eine echte Fundgrube also, mit hohem Unterhaltungswert. Und vielleicht lässt sich ja der ein oder andere Leser des Blogs zu einer wirklich individuellen Einrichtung inspirieren. Allerdings wird er dafür mehr Werkzeuge beherrschen müssen als den legendären Imbusschlüssel.

Mode, für Gelangweilte

Ein Bild von einer Modezeitschrift: Diese Doppelseite ist das Editorial der Lula-Ausgabe Nr. 5

Ein Bild von einer Modezeitschrift: Diese Doppelseite ist das Editorial der Lula-Ausgabe Nr. 5

Lula

Reden wir nicht immer über Sport. Reden wir über Mode. Ein heikles Thema, weil kein Schiedsrichter klärt, wer im Abseits steht. Männer fremdeln da oft, zumindest was den professionalisierten Glamour der Szene angeht: Schick anziehen, schön und gut, aber muss das so eine antiseptische Kunstwelt sein? Und muss das alles so - pardon - gleichgeschaltet daherkommen? Couturiers erscheinen oft weniger als Musengeküsste, die einen Trend erspüren, sondern eher als Stilgeneräle, die die Laufstegaufmärsche der kommenden Monate befehligen. So sehen sie dann halt eine Weile lang aus, die Fashionfrauen. Bis die nächste Order kommt.

Da ist eine wie die andere. Nehmen Sie Germany's Next Topmodel . Gerade hat doch glatt wieder Heidi Klum gewonnen. Oder war das die Gercke? Hm. Sehen Sie da Unterschiede?

Uniform sind auch Modemagazine. Androgyn und kühl, bilden sie am Kiosk eine einheitliche Front. Direkt neben den Fersehzeitungen, die sich alle mit demselben blonden Zombie voneinander abheben.

Eine Ausnahme ist "Lula" . Hochglänzend ist das Magazin, das eben mit seiner sechsten Ausgabe erschienen ist, natürlich auch. Hier geht's ja nicht um Second-Hand-Ware. Aber die Redaktion hat Mut zu einem eigenen Stil mit merkwürdig verträumten Fotostrecken und meist wenig bekannten Models in flippigem Styling. Statt der üblichen Frisur-, Flirt- und Diättipps gibt es dazu Kunst und Kultur. Eigentlich reicht das schon, um in dem Metier etwas Besonderes zu sein.

Dazu kommt bei "Lula" ein mindestens ebenso stilsicher aufgesetzter Internetauftritt. Bis auf die aktuelle Nummer kann man hier alle Ausgaben in einer schönen Flash-Animation durchblättern, indem man auf die Eselsohren am Seitenrand klickt. Zum Lesen reicht das bei den meisten Texten zwar nicht, aber in die Fotostrecken lässt sich auf diese Weise fast genau so abtauchen, als wär's das echte Heft. Gut so, denn das ist in Deutschland kaum zu bekommen.

Vielleicht ist "Lula" in den kommenden Wochen ja eine Alternative für alle Frauen, die von der schwarz-rot-goldenen Schminke Ausschlag bekommen.

Gepäck, für Zerstreute

Und los geht's: Mit der elektronischen Gepäckliste ist an alles gedacht

Und los geht's: Mit der elektronischen Gepäckliste ist an alles gedacht

Gepaeckliste.de

Irgendwas vergisst man immer. Aber eventuell können Sie sich ja die Internetadresse "Gepaeckliste.de" merken. Diese Seite eines holländischen Betreibers ist nämlich praktisch für alle, die aufs Vergessen abonniert sind.

Für diese Leser also noch mal von vorne: Vielleicht wollen Sie in diesem Jahr noch verreisen. (Wenn es das Zeitbudget hergibt - manch einer verjubelt ja alle Urlaubstage 2008 in Österreich und in der Schweiz.) Dann listet Ihnen "Gepaeckliste.de"  alles auf, was Sie dabeihaben sollten. Ein Traum wird Wirklichkeit: Nie mehr ohne eigene Zahnbürste anreisen.

Der kleine Service ist kostenlos und frei von Hintergedanken. Für den ein oder anderen Bereich gibt es einen Sponsorenlink, um die Seite zu finanzieren, etwa auf Amazon, wenn es um Reiseliteratur geht. Das sollte aber wirklich nicht abschrecken.

Zwar ist die Benutzeroberfläche ein bisschen dröge, dafür klar und übersichtlich. Schritt für Schritt fragt das System ihre Reiseplanung ab: Reisezeit und -ort, Temperaturen, Verkehrsmittel, Unterbringung, Aktivitäten, Alter und ihre Einschätzung, ob Sie für gewöhnlich viel oder wenig Gepäck mitnehmen. Schließlich spuckt das System eine Liste aus, gegliedert nach Utensilien für unterwegs, Kleidung, Reiseunterlagen und beispielsweise der Golf- oder Angelausrüstung. Die Liste lässt sich ausdrucken oder per Mail versenden und, wenn nötig, durch ein Häkchensystem verkürzen.

Zwecks Sponsorenbindung kann man von der Seite aus auch gleich ein Hotel reservieren. Der kleine Text allerdings, der einen von der Buchung überzeugen soll, ist wohl per Computer vom Niederländischen ins Deutsche übersetzt worden. Sehr unterhaltsam.

Vielleicht wenden Sie jetzt ein: Das, was "Gepaeckliste.de" kann, kann ich auch ohne Computer. Stimmt. Aber irgendwas vergisst man immer.

Zur vorigen Auszeit: Invasion von Pac Mans Vettern

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.