Internetpionier "Musik kann man nicht einsperren"

Früher, bevor er das Internet für sich entdeckte, war Stefan Glänzer DJ. Heute ist er erfolgreicher Unternehmer und Business Angel. Im Gespräch mit manager-magazin.de erklärt er, wie man mit Musik im Internet Geld verdienen kann, was ihn am Webradio Last.FM fasziniert und warum ihm trotzdem der Groove fehlt.

mm.de: Herr Glänzer, welches Lied haben Sie sich zuletzt im Internet heruntergeladen?

Glänzer: Da muss ich überlegen. Ich glaube, das war vor ein paar Wochen, als ich den schottischen Künstler Paolo Nutini auf Last.FM entdeckt habe.

mm.de: Das ist ja schon recht lange her …

Glänzer: Ja, das liegt wohl daran, dass ich kein großer Fan davon bin, Musik durch Herunterladen zu "besitzen".

mm.de: Warum nicht?

Glänzer: Heutzutage kann man über so viele legale Kanäle an Musik kommen. Bei Last.FM etwa sind einige Millionen Songs für dreimaliges Hören frei verfügbar, davon über 250.000 als freier Download.

mm.de: Sie haben in den 70er und 80er Jahren als DJ gearbeitet. Hat sich Ihre Einstellung zur Musik durch das Internet verändert?

Glänzer: Damals war mir das Haptische, also das Anfassen der Platten und Plattenteller, extrem wichtig. Später habe ich zwischenzeitlich den Zugang zur Musik verloren. Erst 2004 habe ich wieder zur Musik gefunden, als ich bei Last.FM eingestiegen bin.

mm.de: Wie kam es dazu?

Glänzer: Ich war Mitgründer der Blogging-Plattform MyBlog. Zu diesem Zeitpunkt haben viele Blogger über Last.FM geschrieben. Das Konzept der Webseite, über eigene gehörte Musik neue Musik zu entdecken, hat mich gepackt. Nicht der DJ oder der Musikjournalist sollten entscheiden, was ich höre. Die Weisheit der Massen kann das wesentlich besser. Wir tun nämlich nichts anderes, als mitzuschneiden, welche Lieder jeder Einzelne hört. Diese Daten werden mit den 40 Millionen anderen Musikprofilen verglichen. Irgendwo gibt es Menschen auf der Welt, die einen ähnlichen Musikgeschmack haben und die Lieder hören, die man selbst noch nicht gehört hat.

Dabei spielte auch meine Erfahrung als DJ eine Rolle: Früher hat man Stunden um Stunden in Plattenläden gesessen, um gute Musik zu finden.

Last.FM war damals zwar noch schwer zu bedienen. Aber ich konnte den Willen der drei Gründer, die Musikindustrie zu verändern, aus jeder Pore spüren. Ich wollte den Jungs helfen.

"Polen entwickelt sich stark dynamisch"

mm.de: Das war 2004. Damals waren die Rahmenbedingungen für Start-ups nicht gerade rosig. Hat Sie das in Ihrem Tatendrang nicht gehemmt?

Glänzer: Was die Wahrnehmung von Start-ups in den Medien angeht, ist das sicherlich richtig. Was aber die Nutzerzahlen betrifft, wuchsen sie damals unverändert stark.

mm.de: Von Ihnen stammt der Satz: "Ein Künstler will primär gehört werden." In zweiter Linie muss er mit seiner Musik aber auch Geld verdienen. Wie macht Last.FM Musik zu Geld?

Glänzer: Unser Geschäftsmodell basiert auf drei Säulen. Zum einen haben wir eine aktive Community von rund 40 Millionen Nutzern; das lässt sich gut über zielgerichtete Werbung vermarkten. Zweitens sind über zehn Millionen Songs bei uns zum Kauf respektive Download erhältlich, für die wir eine Provision erhalten. Und wir testen gerade ein monatliches Abo-Modell.

mm.de: Welcher Geschäftsteil bringt am meisten Erlöse?

Glänzer: Da wir seit einem Jahr zur CBS gehören und damit zu einem öffentlich notierten Unternehmen, möchte ich mich dazu nicht äußern.

mm.de: War der Verkauf an den amerikanischen Medienkonzern CBS für 280 Millionen Dollar im Rückblick der richtige Schritt?

Glänzer: Absolut. In den USA hatten wir zwar von Anfang an die meisten User, aber wir wollten den amerikanischen Markt dominieren. Das schafft man nicht aus Europa heraus. Dafür braucht man starke Unterstützung vor Ort. Unser zweitgrößter Markt ist Deutschland, gefolgt von England und Polen.

mm.de: Polen belegt Rang vier?

Glänzer: Ja, das Land entwickelt sich stark dynamisch. Wahrscheinlich ist es der am meisten unterschätzte Internetmarkt. Es gibt dort eine große Anzahl von jungen, internetaffinen Usern. Wenn man sich beispielsweise Nasza Klasa anschaut, das polnische StudiVZ: Das Portal ist innerhalb von 14 oder 15 Monaten wahrscheinlich dreimal so schnell wie StudiVZ gewachsen.

"Kriminalisierung der Nutzer war falsch"

mm.de: Insbesondere die vier großen Plattenfirmen Universal, EMI, Sony BMG und Warner haben sich in der Vergangenheit gegen Musik-Downloads im Internet gewehrt, weil sie um die klassischen Vertriebswege fürchten. Hat sich daran etwas geändert?

Glänzer: Auf jeden Fall. Es gibt steile Lernkurven bei den Plattenfirmen. Sie haben verstanden, dass die Kriminalisierung der Nutzer falsch war. Und sie haben verstanden, dass man Musik nicht einsperren kann. Alles was digital gebaut wird, kann man auch digital hacken.

Am Ende müssen die Künstler und die an der Wertschöpfung Beteiligten natürlich auch Geld verdienen. Wenn wir ihnen das Geld entziehen, entziehen wir ihnen auch die Kreativität. Und das wäre schlimm.

mm.de: Welche Möglichkeiten gibt es denn, mit Musik, aber ohne den traditionellen Verkauf von Tonträgern Geld zu verdienen?

Glänzer: In der Hauptsache sind das der Verkauf von Konzerttickets und Merchandising. Aber es gibt auch andere Wege: Digitale Musik besteht ja nicht nur aus Downloads, sondern beispielsweise auch aus Klingeltönen. Gerade in Asien haben sie einen großen Anteil am gesamten digitalen Musikmarkt.

Außerdem bietet das Internet fantastische Möglichkeiten, um zwischen dem Künstler und dem Fan eine enge Beziehung herzustellen. Auf eine Weise, wie es sonst wohl kein Kulturgut auf der Welt zulässt. Das lässt sich monetarisieren, wenn man unter kaufmännischen Gesichtspunkten einen Künstler als Marke versteht.

Ich glaube, dass diese Möglichkeiten erst anfangen. Die Plattenfirmen reagieren darauf, indem sie die 360-Grad-Vermarktung angehen. Also indem sie nicht nur die Platten in den Laden bringen, sondern sich darum kümmern, aus dem Künstler einen nationalen oder globalen Star zu machen.

mm.de: Neben Last.FM waren Sie schon an zahlreichen Start-ups beteiligt oder haben sie mitgegründet. Sind Sie Business Angel? Oder doch Unternehmensberater?

Glänzer: Ich bin ein Business Angel, Schrägstrich Investor, mit einem sehr großen unternehmerischen Herzen. Derzeit bin ich bei 20 Start-ups beteiligt, fast alle davon kommen aus Europa. Meine Investments bewegen sich zwischen 10.000 und 500.000 Euro.

"Ich komme nicht mehr in den Groove"

mm.de: Haben Sie ein Erfolgsrezept für Start-ups?

Glänzer: Nein. Ich mag einfach die Phase von der Idee für ein Produkt oder einen Dienst bis zur Marktreife extrem gern. Ich habe mich 1991, direkt nach der Uni, zusammen mit zwei Freunden selbstständig gemacht und einen Buchverlag gegründet. Dann hatten wir gemeinsam die Idee, Onlineauktionen im Internet anzubieten, woraus Ricardo.de entstanden ist.

Das hat mein unternehmerisches Leben stark verändert, denn es war eine der wohl intensivsten New-Economy-Geschichten. Wir haben Ricardo.de am 21. Juli 1998 gegründet. Damals haben viele Leute Onlineauktionen für schwachsinnig gehalten. Genau ein Jahr später erfolgte die Notierung am Neuen Markt, wir waren mit 350 Millionen Euro bewertet. In den folgenden acht Monaten stieg unser Wert auf über zwei Milliarden Euro. 2000 folgte der Zusammenschluss mit QXL, die komprimierte Firma war vier Milliarden Euro wert. Zwischen 2000 und 2004 fiel der Wert auf 30 Millionen Euro. 2005 und 2006 war QXL/Ricardo.de die Aktie mit der besten Entwicklung an der Londoner Börse, 2007 wurde das Unternehmen für 1,8 Milliarden Dollar an eine südafrikanische Gruppe verkauft. Alles in allem die gesamte Achterbahn innerhalb von neun Jahren.

mm.de: Welches Ihrer Start-ups ist Ihnen das liebste?

Glänzer: Die 28 Monate, die ich bei Ricardo.de verbracht habe und die 30 Monate bei Last.FM waren für mich die wichtigsten. Bei Ricardo.de zum ersten Mal zu spüren, dass eine Idee tatsächlich einschlägt, gepaart mit der Begeisterung und der Identifikation des gesamten Teams. Und bei Last.FM die volle Leidenschaft zu erleben, ohne das Unternehmen gegründet zu haben.

mm.de: Haben Sie auch in Start-ups investiert, die gefloppt sind?

Glänzer: Na klar, zum Beispiel Mundwerk in Berlin. Aber aus dem Flop ist immerhin eine ganze Start-up-Generation hervorgegangen, Lukasz Gadowski von Spreadshirt, Christian Vollmann von MyVideo, die Gründer von Smava und Hitflip - alle haben dort gearbeitet oder ein Praktikum gemacht.

Ich habe auch Investments in Unternehmen und Portale abgelehnt, die später sehr erfolgreich wurden, zum Beispiel StudiVZ oder DocMorris. Das muss man akzeptieren. Das ist so ähnlich wie beim Fußball: Wenn es keine Fehler geben würde, würde jedes Spiel 0:0 ausgehen. Und das wäre langweilig.

mm.de: Angenommen, sie würden heute wieder als DJ arbeiten. Wie sähe das aus?

Glänzer: Ich habe das mal zum Spaß versucht, mit Laptop und iPod. Aber das kann ich nicht. Ich brauche was zum Anfassen, sonst komme ich nicht in den Groove.

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