Real Future Store Entdecke die Unwägbarkeiten

Die Metro-Tochter Real hat mitten in der Provinz den modernsten Supermarkt Deutschlands errichtet. Selbst mit dem Handy kann dort bezahlt werden. manager-magazin.de hat den Test gewagt, begleitet von Metro-Chef Eckhard Cordes und gemeinsam mit Cisco-Deutschland-Chef Michael Ganser - bis zum totalen Zusammenbruch.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Die Revolution soll aus der Abgeschiedenheit kommen. Ausgerechnet aus einer versunkenen Schlafstadt heraus will die Metro  ihre Real-Supermärkte zu neuem Leben erwecken. Von Tönisvorst aus. Irgendwo in der niederrheinischen Ackerzone zwischen Mönchengladbach und Düsseldorf gelegen, in der Nähe der Autobahn 44.

Über sie pendeln die Menschen hier morgens das knappe halbe Stündchen nach Düsseldorf zur Arbeit und abends zurück nach Hause. Heute schlägt das Pendel in die andere Richtung, zig Autos fahren am Morgen von Düsseldorf nach Tönisvorst. Deutschlands größtes Handelshaus Metro eröffnet dort seinen Future Store, den Testsupermarkt und das Vorzeigegeschäft für mehr als 350 Real-Supermärkte deutschlandweit. Heute, ab 12:00 Uhr, gesonderte Einladung erforderlich. Es gibt Namensschildchen.

Cisco-Deutschland-Chef Michael Ganser hat eines bekommen. Sein Unternehmen zählt zu den wichtigsten Elektronik-Entwicklungspartnern der Metro für den Tönisvorst-Markt, neben IBM , Intel , SAP  und T-Systems. "Ich brauche noch Sachen für die Fußball-Europameisterschaft", sagt Ganser lakonisch. Er will jetzt endlich rein in den Laden.

Es ist ziemlich genau dieser Moment, in dem Metro-Chef Eckard Cordes auf das kleine, schwarze Gerät in seiner Hand schaut. Es ist ein neuartiges Mobiltelefon, das niemand nur zum Telefonieren braucht, wohl aber zum Bezahlen in seiner neuen Einkaufswelt. "Wenn wir die Technik hier zum Erfolg bringen, etwa das mobile Einkaufen mit dem Handy, dann hat die Real-Kette auf jeden Fall eine gute Zukunft im Metro-Konzern. Das Ganze hier soll ja betriebswirtschaftlich Sinn machen. Wir sind keine Forschungseinrichtung", sagt Cordes. Er schaut noch einmal auf das Handy. Aus seinem Blick spricht Zuversicht.

Cordes Auftritt hier ist kein Spiel. Die Real-Kette ist eines der Sorgenkinder der 64 Milliarden Euro Umsatz schweren Metro. "Wir haben kürzlich mit einem umfassenden Sanierungsprogramm begonnen. Jetzt investieren wir, um von den Kunden als Nummer eins unter den Selbstbedienungswarenhäusern wahrgenommen zu werden. Denn hier waren wir bislang nicht in der Topposition", sagte kurz vor dem Eröffnungsrundgang Metro-Vorstand und Real-Chef Joël Saveuse.

Die Real-Leute wissen, was das bedeutet. Die Kassiererinnen folgen mit ihren Blicken den vorbeimarschierenden Chefs. So, wie Soldaten des Berliner Wachbataillons ausländischen Staatsgästen hinterherschauen, die ihre Ehrenformation abnehmen.

"Bitte manuell eingeben"

"Bitte manuell eingeben"

Cordes eilt vor in die Sportwarenabteilung. Sein Auftritt soll dort vom Heer der Pressefotografen abgelichtet werden, hat der Konzern entschieden. Denn in keinem anderen Real-Laden ist das Sportartikelsortiment bisher so breit, wie hier in Tönisvorst. "Haben Sie die Bezahltelefone eigentlich schon ausprobiert, Herr Cordes?" "Ja, gestern Abend. Einfach das Telefon gegen das Etikett halten, und das Gerät erkennt den Preis. Wir nennen das Handy übrigens mobiler Einkaufsassistent, oder kurz Mea", sagte der Metro-Lenker.

Cisco-Deutschland-Chef Ganser ist mit seinem Mea bereits tief in die Sportartikelabteilung vorgedrungen - und löst dabei Oli Pochers Nationalmannschaftslied aus: "Schwarz und weiß, wir stehen auf eurer Seite …".

"Das sind unsere neuen Klangwelten", sagt ein Metro-Begleiter zu uns. "Je nachdem, wo Sie hingehen, hören Sie Einspieler, die speziell zu den Artikeln vor Ihnen passen." Derart angestachelt entscheidet sich Cisco-Chef Ganser für einen schwarz-weißen Deutschland-Schal, zückt sein Einkaufstelefon und hält es vor das Preisschild.

Sein Mea beginnt zu zoomen, versucht den Strichcode für sich selbst scharf zu bekommen, zoomt näher heran, zoomt weiter weg, verschiebt den Fotoausschnitt nach links, dann nach rechts, um nochmal von vorne zu zoomen - und dann doch aufzugeben. "Barcode manuell eingeben", bittet der Mea den Cisco-Chef um Hilfe. Die fummelige Tastatureingabe der 13-stelligen Ziffernfolge gelingt. "Prozess in Bearbeitung - bitte warten", sagt das Telefon erst, dann "Produkt gespeichert". Der Deutschland-Schal wandert in Gansers Einkaufswagen.

"Vielleicht hat es nicht automatisch funktioniert, weil das Etikett etwas schmutzig war", sagt Ganser. Er will das jetzt wissen und legt nach, entscheidet sich schnell für zwei Deutschland-Fähnchen. Und dieses Mal geht alles glatt: Das Telefon erkennt die Fahnen problemlos und speichert den Kauf.

Metro-Chef-Cordes eilt jetzt aus dem Fotografengetümmel zurück, in der Hand hält er seinen eigenen Mea. "Sehen Sie, es ist ganz einfach", sagt Cordes, nimmt ein Toastbrot aus dem Regal und hält sein Einkaufshandy vor das Preisschild. Tatsächlich zoomt sein Gerät punktgenau auf den Strichcode. Und zoomt. Dann blockiert auch dieser Technikwinzling. "Barcode manuell eingeben", fordert der Mea jetzt seinen obersten Chef heraus.

"Produktgruppe unbekannt"

"Produktgruppe unbekannt"

"Manuell eingeben? Was ist das? Da brauche ich jetzt doch technischen Rat", sagt Cordes. Er schaut so verdutzt auf, dass ein flinker Begleiter hilft. "So jetzt müsste es eigentlich gehen", sagt Cordes, blickt wieder auf das Telefon in seiner Hand, doch sein Mea bleibt hart: "Produktgruppe unbekannt", leuchtet nunmehr im Anzeigenfeld des Telefons auf. "Ah, das ist der Vorführeffekt", sagt Cordes. "Am Eröffnungstag sind zwar nahezu alle Produkte hier im Supermarkt erfasst, aber offenbar noch nicht alle", sagt er. Er legt das Toastbrot lieber zurück in das Regal.

Cisco-Chef Ganser ist derweil in die Weinabteilung vorgestoßen. Alfred Biolek ist heute dort, weil er eine eigene Riesling-Cuvée für Real entwickelt hat. Und auch sein neues Rezeptbuch zu verkaufen hat. "Die Leute kennen ja meine Liebe zum Wein. Dieser Riesling hier ist sein Geld wert", sagt Biolek.

Rotweinfan Ganser vertraut dem Fernsehstar, nimmt zwei Flaschen Riesling und drei handsignierte Biolek-Bücher gleich dazu: "Alfred Biolek - Die Rezepte meines Lebens."

Das Etikett der ersten Riesling-Flasche lässt sich problemlos per Telefon fotografieren und speichern. Das zweite jedoch widersetzt sich Gansers Mea, bis der die Ziffernfolge von Hand eintippt: 4 026371 770317. Doch ausgerechnet Bioleks Rezeptbücher sollen es in wenigen Minuten an der Kasse werden, an denen sich der mobile Einkaufsassistent endgültig verschlucken wird.

Mit unserem Riesling, Deutschland-Schal, Fahnen, Mützen und Bios Rezeptesammlung sowie zwischenzeitlich erstandenen Ricola-Bonbons und frischer Wurst, überholen wir die Kassenschlange. Metro-Chef Cordes gibt seinen Mea ab und marschiert zum nächsten Blitzlichttermin voraus. Niemand außer uns steht sonst an den Mea-Lesegeräten. Komfortables, schnelles Shoppen also?

"Einkauf abschließen?" fragt das Gerät. "Genau", sagt Ganser und drückt die OK-Taste. Sein Telefon reagiert, ermittelt eine Schlussrechnung, blendet zur Kontrolle den Euro-Betrag ein und erstellt daraus einen eigenen Strichcode, der im Display des Telefons erscheint. Das Gerät mit diesem Barcode im Anzeigenfeld soll Ganser jetzt unter den Scanner der Mea-Kasse halten. Und tatsächlich: Die Summe wird erkannt, der Cisco-Chef zahlt per EC-Karte seine Rechnung und schiebt seinen Einkaufswagen aus der Kassenzone.

Mein Mea möchte indes nicht so schnell beiseite gelegt werden. "Prozess in Bearbeitung - bitte warten", steht seit zehn Sekunden im Anzeigenfeld meines Telefons zu lesen - anstelle der fertigen Einkaufsrechnung. 15 Sekunden, 20 Sekunden. Ein dunkler Verdacht steigt auf: Was passiert, wenn das ganze System zusammengebrochen wäre? Nach weiteren zehn Sekunden rufe ich um Hilfe.

"Prozess in Bearbeitung - bitte warten"

"Prozess in Bearbeitung - bitte warten"

Ein Metro-Mann nimmt sich der Sache an - und schaltet das Telefon kurzerhand aus und wieder ein. "Leider müssen wir jetzt nochmal alle Waren scannen", sagt der Techniker. Riesling, Ricola, Deutschland-Mütze, Wurst. Bios Rezepte-Lebenswerk aber fliegt unbeachtet in die Ecke. Der Artikel ist noch gar nicht im System enthalten, das hat der Metro-Mann mittlerweile herausgefunden. Cisco-Chef Ganser beginnt E-Mails per Blackberry zu schreiben, um die Zeit zu überbrücken.

Mittlerweile hat der Metro-Techniker meinen Einkauf komplett neu gescannt. "Einkauf abschließen?" Ja, bitte. "Prozess in Bearbeitung - bitte warten", sagt das Gerät wieder. Wir warten. Nach zehn Sekunden erbittet sich das Gerät weitere Wartezeit. Dann will der Mea nicht mehr und schaltet sich ab.

Der Metro-Mann nimmt das arbeitsscheue Gerät leise beiseite und scannt alle Waren mit einem anderen, neuen Mea: Riesling, Ricola, Deutschland-Mütze, Wurst - Bioleks Rezepte-Lebenswerk bekommt wieder keine Chance. Ganser beantwortet die nächste Mail.

"Prozess in Bearbeitung - bitte warten" erscheint nun unerbittlich auf dem Anzeigenfeld des Ersatzgeräts. Auch kleine Schlieren kann man darauf jetzt gegen das Licht erkennen. Kleine Schweißperlen. Der Metro-Techniker schaut in immer kürzeren Abständen über seine Schulter. Er schätzt, wie lange die Schlange hinter uns wird. "Prozess in Bearbeitung - bitte warten". Nach weiteren Sekunden haben wir Gewissheit: Auch dieses Gerät hat den Dienst quittiert. "Netzwerk deaktiviert". Cisco-Chef Ganser schreibt eine weitere Mail.

"In diesem Fall haben Sie im Prinzip immer noch die Möglichkeit, an einer der herkömmlichen Kassen zu zahlen", sagt unser Metro-Begleiter. Dann zögert er. "Nur in diesem Fall leider nicht: Bioleks Rezeptebuch ist auch den übrigen Kassen unbekannt, weil es nicht in die Warenliste aufgenommen worden ist." - Und jetzt? "Am Ende der Kassenzone ist der Future-Store-Infostand. Dort kann man das Problem lösen."

Das konnte man. Nur Tüten gab es dort nicht. Die Revolution beginnt auch in der Abgeschiedenheit langsam.

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