Auszeit Invasion von Pac Mans Vettern

Zeit, das Internet zu entdecken: Wie kleine Computerspielfiguren unsere Innenstädte unterwandern. Wo sogar die Vereinsmeierei digitalisiert wird. Und auf welcher Webseite es Big Brother mit Störchen gibt.

"Allah ist groß, Allah ist mächtig, bald kostet der Sprit zwei Mark und sechzig." Die Empörung war groß im Deutschland der frühen achtziger Jahre, praktisch jedes Mal, wenn die Tankstellenpächter auf ihre Leitern stiegen, um einen neuen Preis an ihre Schautafeln zu schrauben. Denn der war eigentlich immer höher als der alte.

Trotzdem blieb vielen Autofahrern noch genug Geld, um sich Aufkleber mit dem benzinlüsternen Reim auf die Kofferraumhaube zu pappen. An Allah und seinen Schäfchen allein liegt es allerdings nicht, dass wir heute sehnsuchtsvoll an jene Zeit zurückdenken, da der Sprit noch 2,60 DM kostete, nach Milchmädchenart gerechnet: 1,30 Euro. Gemäß dieser Rechnung durchstieß er in der vergangenen Woche die Drei-DM-Marke.

Überhaupt würde man heute eher nicht so platte Verse zum Thema schmieden. Einerseits, weil Autos heute oft noch genauso viel verbrauchen wie damals. Dumm genug. Wer mit einem schottischen Schloss herumfährt - der einzig passende Vergleich zu SUVs in puncto Gewicht, Platz und Aerodynamik -, der sollte nicht ausgerechnet beim Sprit knausern.

Andererseits aus stilistischen Gründen: Was reimt sich auf Spekulationsblase? Und auf Ölgewinnungsinfrastruktur? Für manchen würde auch Political Correctness eine Rolle spielen. Die Allah-Illustration auf den damaligen Aufklebern empfände man womöglich als riskant - die dänischen Karikaturen waren dagegen zurückhaltend. Überhaupt: Allah verdingt sich im Ölgeschäft?

Zum Glück erübrigt das Internet heute manchen Weg. Online-Banking, Online-Dating, Online-Shopping: Dafür muss man nicht das Haus verlassen, den teuren Sprit kann man sich sparen. Dass der Paketbote ihn verfährt, lässt sich getrost verdrängen. Auch für solche Geistesleistungen gab es in den 80ern Aufkleber, auf denen es sinngemäß hieß, man wolle den Strom nicht aus dem Kraftwerk, aber aus der Steckdose.

Derart strombetrieben bringt einen das Internet überall hin: Zum Beispiel mitten in die unberührte Natur des Spreewalds, wo noch Störche aus Fleisch und Blut ihre Jungen großziehen. Oder mitten in den eigenen Verein, was immer der auch macht: Sitztanz, Karaoke, Aufkleber sammeln.

So hilft moderne IT-Technik Benzin sparen. Und wenn Sie die Seiten, die wir Ihnen in dieser Auszeit vorstellen, vom Büro aus ansurfen, sparen Sie sogar Strom. Den zahlt Ihr Arbeitgeber.

Lassen Sie sich nicht erwischen!

Räume, für Eroberer

Hinterlassenschaft: Barcelona ist für die Space Invaders abgehakt

Hinterlassenschaft: Barcelona ist für die Space Invaders abgehakt

SpaceInvaders.com

Komisch, mancher reist dennoch in die weite Welt, wer es sich halt noch leisten kann. So zum Beispiel ein - wir vermuten: junger Mann, der sich Invader nennt. Weiter kennen wir ihn nicht, denn nur unter diesem Pseudonym betreibt der Franzose ein skurriles Kunstprojekt: "SpaceInvaders.com" .

Das klingt bedrohlicher als es sein soll. Er selbst erklärt, ihm gehe es ganz einfach darum, Raum zu erobern ("to invade space"), was aber mit Gewalt nichts zu tun haben soll. Anstatt sich also wie wir Internetreisende allerlei Information in einen Raum zu holen, den man dabei nicht verlässt, bereist er die Welt, erobert in acht Jahren für sich den Raum von 35 Städten auf allen fünf Kontinenten - und sammelt die Belege seiner Eroberungen wiederum auf einer Internetseite.

Was macht daraus ein Kunstprojekt und nicht bloß ein Reiseblog? Nun, Invader hinterlässt in den Städten Spuren, kleine Klötzchengrafiken, die an die Figuren aus Computerspielen der 80er Jahre erinnern, Pac Man, Donkey Kong und deren weitläufige Verwandtschaft. Seine Figuren heißen, leicht zu erraten, Space Invaders.

Sie finden sich auf zahlreichen Suchbildern auf der Internetseite, geschossen an den jeweiligen Reiseorten, aber ohne deren altbekannte Sehenswürdigkeiten. Von Berlin sieht man nicht das Brandenburger Tor, sondern einen Kiosk in der Skalitzer Straße; von Paris nicht den Eiffelturm, sondern eine namenlose Häuserecke. Immer findet sich irgendwo der künstlerische Pac Man, und gerade weil die Figuren so beiläufig platziert sind, wirken sie wie geheime Zeichen einer außerirdischen Unterwanderung.

Einer solchen Invasion nicht unähnlich, entwickelt das Projekt sogar Eigendynamik. Wie der Macher schreibt, bekommt er inzwischen aus aller Welt Fotos von Fremden, auf denen sich ähnliche digitale Monster finden. All das wird säuberlich vermerkt auf einer Weltkarte, die nun doch den Eindruck einer Kriegsplanung macht, jeder Ort versehen mit Hinweisen wie "in progress" oder "successfully invaded".

Richtig Spaß machen die Fotos erst in großer Zahl: Ein Suchspiel mit Wiedererkennungswert. Außerdem ist jede Figur ein Unikat, mit individuellen Details. Das tröstet über die vorsintflutliche Navigation der Seite hinweg, bei der man ohne den Zurück-Button des Browsers nicht weiterkommt.

Unausgesprochen schwingt immer die Einladung mit: Tragen Sie zur Space Invasion bei. Hinterlassen auch Sie Ihren Pac Man, um ihn zu fotografieren. Irgendwo, in der großen weiten Welt - sofern Sie sich den Sprit leisten können.

Netzwerke, für Soziale

Vereinsmeier: Offen für geschlossene Gesellschaften

Vereinsmeier: Offen für geschlossene Gesellschaften

MeinVerein.de

Uwe kommt aus Hamburg, züchtet Kaninchen und hat einen Rammlerverein gegründet. Mit seinen Vereinskollegen Gabi und Klaus tauscht er sich über die neuesten Zuchtvorschriften, die jeweiligen Erfolge bei Zuchtschauen und die richtige Ernährung der Rammler aus. Auch Fotos werden bei den Vereinssitzungen gern herumgereicht.

Eines Tages bringen Gabi und Klaus Freunde mit, die ebenfalls dem Rammlerverein beitreten möchten. Und die wiederum kennen weitere Kaninchenfans. Im Nu wächst die Gemeinschaft auf 30 Mitglieder an und Uwe hat zunehmend Schwierigkeiten, die Vereinsaktivitäten zu organisieren.

Wenn es Ihnen mit Ihrem Club - egal ob Rammler-, Squaredance-, Mittelalter- oder Irgendwas-Verein - ähnlich geht, sollten Sie einen Blick auf "MeinVerein.de"  werfen. Hier können Sie eine eigene Seite für Ihren Verein einrichten, über die Sie Termine koordinieren, Fotos austauschen und Berichte online stellen können, eine Art virtuelles Schwarzes Brett.

Aber auch, wenn Sie einen Verein in Ihrer Nähe suchen, kann MeinVerein.de vielleicht weiterhelfen. Geben Sie das entsprechende Schlagwort in das entsprechende Suchfeld ein. Mit ein bisschen Glück hat sich eine Gemeinschaft, die keine zehn Gehminuten vom eigenen Wohnort entfernt ist, bereits auf dem Portal angemeldet. Mit einem Klick lässt sich dann die Anfrage starten, ob und wie man Mitglied werden kann.

Wer seine Vereinsaktivitäten lieber von der Internetöffentlichkeit fernhält, kann sowohl sein Profil als auch seinen Verein für Neugierige sperren. Der Aston Martin Owners Club beispielsweise möchte zwar die Vorteile von MeinVerein.de nutzen, aber nicht der ganzen Webwelt erzählen, wer von ihnen einen Aston Martin fährt (und wo der vielleicht gerade parkt).

Schön ist auch, dass die Community noch frei von Werbung ist. Das liegt wohl daran, dass MeinVerein.de erst Ende 2007 online ging und noch fleißig auf Mitgliedersuche ist. Im Erfolgsfall könnte es da auf den Seiten bald bunter werden.

Der derzeitige Status als Geheimtipp ist aber auch ein Nachteil. Eine Community lebt von ihrer Mitgliederzahl und den Aktivitäten der Gemeinschaft. Die ist bei MeinVerein.de vergleichsweise gering. Aber wenn Sie beispielsweise gleich Ihren 500 Mitglieder starken Tauchverein anmelden und ihren Kollegen diesen Artikel weiterleiten, könnte sich die Situation schlagartig bessern.

Wildvögel, für Stubenhocker

Adebar: Beruhigender Natureinfluss für den PC

Adebar: Beruhigender Natureinfluss für den PC

Storchennest.de

So überrascht es wenig, dass sich bei der überschaubaren Zahl digitaler Vereinsmeier noch niemand zur Rettung oder Beobachtung von Störchen eingefunden hat. Wozu auch, der Vogelschutzbund - seit ein paar Jahren: NABU - hat ja einen eigenen Internetauftritt.

Überdies gibt es die Seite "Storchennest.de" . Näher als dort kann man Störchen wohl kaum kommen, außer man kommt ihnen zu nahe. Die einfache Idee: In der Ortschaft Vetschau im Spreewald wurde eine Webcam an einem Storchennest montiert. Die liefert Livebilder direkt aus Adebars Kinderstube. So wird das Nest zum Big-Brother-Container der geschützten Vögel.

Lehrreich ist das allemal, denn wie die Betreiber betonen: "In das Brutgeschehen wird nicht eingegriffen!" Das Storchenpärchen hat drei Junge und die Chancen stehen gut, dass man bereits beim ersten Ansurfen der Seite ein Elternteil dabei antrifft, wie es auf einem Bein über den drei grauen, leicht zerzausten Küken wacht.

Neben den Bewegtbildern aus dem Nest gibt es Informationen über den Betreiber, das Storchenzentrum Niederlausitz, sowie allerlei Wissenswertes über die selten gewordenen Vögel und darüber, wie man ein Grundstück besonders einladend für eine Storchenbrut einrichtet. Zumindest wir Großstädter werden uns da aber mit dem Videostream begnügen müssen.

Anfangs braucht man ein wenig Geduld, denn auch bei schnellen Internetverbindungen vergeht ein Weilchen, bis der Livestream aufgebaut ist. Abgesehen davon funktioniert das Angebot tadellos. Man kann auf modernen PCs sogar das Bild einfach im Hintergrund mitlaufen lassen, ohne die Arbeitsgeschwindigkeit arg zu beeinträchtigen.

Der Effekt ist sehr entspannend, gerade an sonnigen Frühlingstagen, die man gar nicht so gerne im Büro verbringt. Allein die Geräuschkulisse der tschilpenden Sperlinge, die die PC-Boxen dann verbreiten, weckt Freizeitgefühle. Und hin und wieder können Sie dann kontrollieren, ob sich auch kein Space Invader am Nest zu schaffen macht.

Zur vorigen Auszeit: Wo ist Madonnas Pott?

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