Google Health "StudiVZ für Kranke"

Die Erde, das Weltall, und jetzt die Gesundheitsbranche - Google betritt mit seinem Angebot Google Health wieder einmal Neuland. Und auch in diesem Fall ist die Rollenverteilung klassisch: Selbstloser Konzern versus misstrauische Datenschützer. Untypisch ist dagegen, dass Google der Konkurrenz dieses Mal hinterhinkt.

Hamburg – Zehn Euro, eine Versichertenkarte und idealerweise einen Termin. Das ist bislang alles, was man in Deutschland braucht, um im Krankheitsfall bei einem Arzt vorsprechen zu können. Wenn es nach dem größten Onlinekonzern der Welt geht, wird es in absehbarer Zeit eine weitere Voraussetzung geben, um beim Doktor vorstellig zu werden: Google Health.

Die Idee des neuen Angebots von Google  ist es, Daten zu Krankheiten und Laborwerten im Internet zu speichern und zu verwalten und somit immer und überall Zugriff auf die Informationen zu haben. Auch Ärzte, denen man sein Profil zugänglich macht, haben die Krankenakte via Internet parat und können Befunde und Röntgenbilder einstellen. In den USA ist der Dienst in dieser Woche an den Start gegangen. "Wir sind aber daran interessiert, den Dienst auf andere Länder auszudehnen", sagt Google-Sprecher Stefan Keuchel. Google Health könnte in absehbarer Zeit also auch in Deutschland verfügbar sein.

In den USA haben Google-Health-Nutzer bereits jetzt Zugriff auf die Chronologie all ihrer Krankheiten, Impfungen, ihrer Rezepte und eingenommenen Medikamente. Daneben bietet das Portal in Zusammenarbeit mit Partnerunternehmen Services wie etwa die "digitale Pillendose", die Patienten per SMS darauf aufmerksam macht, ihre Medikamente einzunehmen.

Google tummelt sich nun also auch in der Gesundheitsbranche – und damit auf einem für den Webgiganten neuen Gebiet. Doch ausnahmsweise ist der US-Konzern hier nicht der Erste: Der ewige Konkurrent Microsoft  war dieses Mal schon vorher da. Unter dem Namen Health Vault (zu Deutsch: Gesundheitstresor) startete der Konzern im Oktober vergangenen Jahres eine Online-Gesundheitsakte, in die Nutzer sämtliche Daten zu ihrem Wohlbefinden eintragen und sie Personen ihrer Wahl zugänglich machen können.

Werbung nur für Willige

Werbung nur für Willige

Auch Microsoft  kooperiert mit Partnerunternehmen wie etwa der Firma Polar, einem Hersteller von Pulsmessgeräten. So wird die Herzfrequenz des Health-Vault-Nutzers, der mit einer Polar-Uhr joggen geht, direkt ins Internet übertragen. Obendrein bietet Health Vault Informationen zu Krankheiten und Medikamenten an und spürt weiterführende Foren und Communities auf. "Infotainment rund um das Thema Gesundheit" nennt Microsoft das.

Ein Angebot also, das dem von Google  täuschend ähnlich ist. "Ich als Nutzer entscheide von Fall zu Fall, was ich von mir preisgebe und wer meine Daten einsehen kann", sagt Jens Dommel, Healthcare-Manager bei Microsoft. Eine Betonung, auf die auch Google Wert legt. Und doch gibt es einen Unterschied, der für einige Nutzer für die Wahl des Angebots ausschlaggebend sein könnte: Bei Google Health bleibt man bislang von Werbung verschont, Microsoft schaltet Reklame. Jedoch nur, wenn man das will, wie Dommel betont: "Der Nutzer wird bei der Anmeldung gefragt, ob er in seinem Profil Werbung zulässt oder nicht."

Während Google also seine Gesundheitsoffensive bisher als reinen Mehrwert für die Nutzer auslegt, hat Microsoft daraus schon ein Geschäftsmodell gemacht. Fragt sich nur, warum der User freiwillig auf Werbung umsteigen sollte, wenn er den gleichen Inhalt auch ohne Reklame bekommen kann. "Nicht nur für Nutzer, die an seltenen Krankheiten leiden, ist Werbung für Know-How, Service und Produkte interessant, die ihnen in ihrer Situation helfen können", erklärt Microsoft-Manager Dommel. Zielgerichtete Werbung macht's möglich.

Ob diese Hilfestellung vom Verbraucher tatsächlich erwünscht ist, könnte unter anderem die Anzahl der Nutzer von Health Vault in den USA zeigen. Microsoft ist damit aber äußerst zurückhaltend. Der Konzern äußert sich weder zur Nutzerzahl noch zu der Frage, wie hoch der Anteil derjenigen ist, die auf ihrem Profil Werbung zulassen. Ebenfalls unklar ist, ob das Angebot den Sprung über den Atlantik schaffen wird. "In Deutschland sehen wir großes Potenzial. Wir befinden uns derzeit in der Evaluationsphase", sagt Dommel.

"Die Daten wecken Begehrlichkeiten"

"Die Daten wecken Begehrlichkeiten"

Verbraucherschützer sind skeptisch, ob Gesundheitsportale wie Google Health und Microsoft Health Vault hierzulande eine Chance haben. Schließlich handelt es sich bei Daten über den Gesundheitszustand um empfindliche Informationen, die auf den Servern der Konzerne lagern - und die im Zweifelsfall gestohlen und an Dritte verkauft werden können.

Hartwig Meyer, Vorsitzender des Verbands für Patientenschutz, hält es deshalb für gefährlich, wenn Nutzer Daten über ihre Krankheiten im Internet sammeln. "Wenn es solche zentrale Sammlung über Patienten gibt, könnte das Begehrlichkeiten etwa bei Arbeitgebern und Krankenkassen wecken", sagt er im Gespräch mit manager-magazin.de. Es wäre beispielsweise möglich, Versicherte aufgrund ihrer Krankheitsgeschichte in eine höhere Risikoklasse einzuteilen.

"Die Gesundheitsportale sind wie StudiVZ für Kranke", sagt Frank Rosengart, Sprecher des Chaos Computer Club. Der Verein, in dem sich Hacker zur Wahrung von Informationsfreiheit und Datenschutz zusammengeschlossen haben, ist generell skeptisch gegenüber Web-2.0-Angeboten, die Nutzerdaten sammeln. "Wer nun ausgerechnet seine Krankengeschichte freiwillig ins Internet stellt, dem ist nicht mehr zu helfen." Denn letztlich seien die Datenbanken für die intimen Informationen auch nicht sicherer als andere.

Auch Dietmar Müller, Sprecher des Bundesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit, ist misstrauisch: "Jeder, der Informationen über seine Gesundheit ins Internet einstellt, muss sich bewusst sein, dass sie dort nicht 100-prozentig sicher sind und in der Regel nie wieder vollständig gelöscht werden können. Die Gründe, warum man seine Gesundheitsdaten im Internet preisgeben sollte, sind uns deshalb nicht plausibel."

Google/Microsoft: Die Gesundheitsportale in Bildern

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