Media Player Adobes Webfernsehen

Bewegte Bilder lassen sich schon seit Langem mithilfe von Adobe anzeigen. Ein Media Player fehlt allerdings in dem Repertoire der US-Firma - bis jetzt. Dabei ist der Name für das neue Programm irreführend: Die Software spielt nicht nur Videos ab, sondern entpuppt sich als Web-TV-Station mit einem Programm von "CSI" bis "Star Trek".

Hamburg - Media Player gibt es viele: Gemeinhin bezeichnet man damit Software zum Abspielen diverser Audio- und Videoformate. Vergleicht man Adobes vergangene Woche veröffentlichten Media Player damit, käme der schlecht dabei weg: Das Ding kann nichts als Videos zeigen, verfügt über eine nur rudimentär zu nennende Verwaltung eigener Dateien, beherrscht nur wenige Formate und keinerlei Musikdateien.

Klingt schlecht, ist aber klasse: Adobes Media Player  konkurriert nicht mit dem Windows Media Player, VLC-Player oder iTunes - sondern mit den Sendern auf Ihrem Fernsehapparat.

Dass Tech-Unternehmen ihre Multimediasoftware heute gern mit kostenlosen Videoprogrammen unterfüttern, ist längst Standard. Die Art und Weise, wie Adobe das tut und wie es den US-Amerikanern gelingt, ist dagegen eine echte Überraschung. Denn außer zahlreichen kleinen, gar exotischen TV-Angeboten finden sich auch zahlreiche attraktive Offerten im Programm, die man tatsächlich kennt - und die den Media Player zu einer echten Alternative zum Fernseher machen.

Dazu gehören unter anderem die CSI-TV-Serien der CBS. Der Witz daran: Die zeigt das US-Network auch über seine Homepage, nicht aber uns Europäern, denn dort müssen wir draußen bleiben. Die meisten amerikanischen TV-Sender verhindern mit Geo-IP-Technik, dass Zuschauer außerhalb der USA in den Genuss des hier auch deshalb noch immer als Zukunftsmusik empfundenen Web-TV kommen. Der CSI-Aufruf bei CBS führt darum zu einer "Europäer müssen draußen bleiben"-Fehlermeldung. Via Adobes Player aber gibt es keine Probleme.

Und was bekommt man dann dort geboten? Von allen "CSI"-Serien die jeweils letzten zwei bis vier Folgen, die der Player in hoher Qualität zeigt und auch abspeichert. Adobes Media Player verbindet die Mediendateien, wo die Anbieter das wünschen, mit einem Digital Rights Management (DRM), das dafür sorgt, dass wir die Dateien nicht auf alle Ewigkeit unser eigen nennen oder sie nach Lust und Laune auf DVDs brennen können.

Besseres Angebot als Joost

Macht nichts, denn was will man mehr: Aktuelle TV- und Filminhalte hält der Player für einige Zeit vor, betrachten kann man sie dann online wie offline. Das hat natürlich Nebenwirkungen: Da der Player alles, was er zeigt, auch als temporäre Datei archiviert, produziert er auch Unmengen an Datenmüll.

Der Begeisterung tut das wenig Abbruch. Von exotischen Comedyformaten über aktuelle Crime-Programme, klassische Filme der 40er und 50er Jahre bis hin zum online abrufbaren Archiv aller Folgen der ursprünglichen "Enterprise"-Folgen (die Kirk/Spock-Variante), von Sportberichterstattung bis zu Musik-Videoclip-Shows reicht das Angebot. Damit hat Adobe das im Programm, was das im vergangenen Jahr mit viel Vorschusslorbeeren an den Start gegangene Joost gern hätte, aber nicht zu bieten hat.

Auflösung teils besser als TV

Auflösung teils besser als TV

Europäische Nutzer werden an dem Programm vor allem die Freiheiten schätzen, die es uns bietet: Wir bekommen Dinge zu sehen, die uns normalerweise verbaut sind. Und das alles ist zudem noch völlig unkompliziert: Der Media Player setzt natürlich auf Flash, das sich heute auf so gut wie allen Rechnern installiert findet und im Zweifelsfall binnen weniger Minuten auf den letzten Stand gebracht ist.

Denn das muss es sein. Adobes Media Player zeigt nur Inhalte, die mit den Adobe-eigenen FLV-Codecs (Spark oder VP6) oder dem H.264-MPEG4-Codec komprimiert sind. Im Klartext: Das Ding wurde dafür gemacht, HD-Bilder über das Web zu übertragen.

So gehören dann auch die gezeigten Fernsehbilder mit zum Hochwertigsten, dass man seit der bedauerlichen Schließung des DivX-Angebotes Stage6 vor einigen Wochen überhaupt im Netz zu sehen bekommt. Schon eine kurze Testfahrt macht klar: Wenn Web-TV so aussieht, dann lohnt sich langsam auch die Anschaffung einer netzwerkfähigen Medienbox, um den Fernseher im Wohnzimmer mit der Netzwelt zu verbinden.

On Demand auf Bestellung

Die Bedienung dieses Web-TV-Angebotes ist denkbar einfach. Man sucht entweder frei "Search" oder blättert auf verschiedenen Wegen: entweder per Tagcloud, die die vorhandenen Filme oder Sender nach Genres oder inhaltlichen Aspekten bündelt ("Politics", Sports", "Entertainment" et cetera), oder per Sendername ("Networks") oder Gesamtverzeichnis ("Catalog"). Auf der zweiten Ebene des Programms lassen sich eigene Videos in die persönliche Playlist integrieren ("Personal Videos").

Die Killerapplikation des Media Players dürfte aber die Funktion "My Favorites" sein. Wieder gelingt es Adobe, einen allgemein gebrauchten Begriff, der in diesem Fall gemeinhin für die Lesezeichenverwaltung internetfähiger Programme steht, haarscharf neben dieser etablierten Bedeutung zu nutzen.

Denn bei Adobe verbirgt sich dahinter eine Art Abomodell: Wer beispielsweise eine "CSI"-Folge in seine persönlichen Favoriten übernimmt, merkt sich damit mitnichten die Adresse dieses Videos - sondern bestellt quasi alle Folgenden. Jedes Mal, wenn nun aus dieser Serie eine neue Folge erscheint, lädt der Player diese herunter und speichert sie temporär, um sie auch offline zugänglich zu machen.

Nur eine Freiheit auf Zeit?

Nur eine Freiheit auf Zeit?

Das ist am PC nur sehr eingeschränkt sinnvoll, verfügt man doch über den hinreichend schnellen und sehr stabilen Stream von Adobe: Wenn man da etwas sehen will, kann man das quasi in "Echtzeit". Interessant wird es dagegen, wenn man den Player auf mobilen Geräten einsetzt, wozu im Augenblick allerdings nur Laptops zählen dürften. Adobe bietet den Media Player für Windows und Mac an, setzt bei beiden die Systemvoraussetzungen aber relativ hoch an.

Die genauen Spezifikationen kann man auf der Webseite von Adobe einsehen, wo das kostenlose Programm auch zum Download bereit liegt. Was nicht heißt, dass Adobes Media Player nichts kostet: Zumindest Zeit wird der TV-Junkie gern in Mengen investieren.

Fazit: eines der derzeit interessantesten Web-TV-Angebote, obwohl das Programm vielleicht eher als Showcase gedacht war. Optisch elegant, in den Funktionen auf das absolut Wesentliche reduziert, dafür vergleichsweise unflexibel. Ein Fernseher für den Desktop, der einen Ausblick darauf bietet, was Web-TV in Kürze bedeuten mag.

Wenn wir Pech haben, könnte sich dieses Fenster allerdings schnell auch wieder schließen. Denn ob man die attraktiven Inhalte auch hier in Europa zu sehen bekommt oder nicht, ist den Anbietern der Mediendateien überlassen. Adobe bietet seinen Kooperationspartnern sowohl die Möglichkeit eines DRMs, als auch einer Geo-IP-Technik, mit der sich die Auslieferung außerhalb der USA prinzipiell verhindern lässt.

Richtet sich nur an den US-Markt

Aus diesem Grund, erklärt ein Sprecher des Unternehmens, bewirbt Adobe das Programm hier auch nicht: Der Media Player ist ein Angebot, dass sich an den amerikanischen Markt richtet. Man kann ihn auch hier herunterladen - ob man auch auf Dauer etwas zu sehen bekommt, ist aber den jeweiligen Rechteinhabern überlassen.

Die lassen sich in den USA offenbar gern auf Adobes Angebot ein, weil der Player ihnen erlaubt, dynamisch wechselnde Werbespots in das aktuelle Angebot einzuspielen. Aus ihrer Perspektive ist der Webvertrieb somit eine durch Werbung refinanzierbare Reichweitenvergrößerung.

Wobei Zuschauer in Europa dabei eine Art Überreichweite bedeuten, die von den Anbietern zurzeit toleriert wird, aber wohl kaum beabsichtigter Teil einer Vertriebsstrategie sein dürfte. Denn natürlich kassieren auch US-amerikanische Produzenten gern mehrfach ab, indem sie ihre Inhalte für verschiedene Regionen an verschiedene Abnehmer lizenzieren.

Ausprobieren, solange es noch geht

So, wie die TV-Landschaft hier tickt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass man uns den Spaß wieder verderben könnte: Während IPTV- und Web-TV-Angebote in den USA mittlerweile 25 Prozent und mehr der TV-Zuschauer auch über das Netz erreichen - und das oft mit kostenlosen, attraktiven Angeboten - verweigert sich die Branche hier hartnäckig oder bietet im Web allenfalls alte Kamellen oder C-Produktionen.

Es wäre eine angenehme Überraschung, wenn die Rechteinhaber es auf Dauer in Kauf nehmen würden, die vergleichsweise kleine Zielgruppe der Fans originalsprachlicher TV-Inhalte einfach per Web versorgen zu lassen. Also: Zeit nutzen, reinschauen - und einen Eindruck davon gewinnen, was Sender auch hier bieten könnten, wenn sie nur wollten.

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