Auszeit "Ich hätte nicht von Scotch zu Martini wechseln sollen"

Zeit, das Internet zu entdecken: Wie entsetzte Hasen massenweise der schnöden Welt entsagen. Wo der Fußball lebt, obwohl ein Heft, das ihn feierte, tot ist. Und wie man in den Genuss letzter Worte kommt, ohne einen Verlust beklagen zu müssen.

Gewinn, Verlust, Dividende - Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, Politik: Unablässig schreiben wir über Nebensächlichkeiten. Nichts von alledem ist wirklich wichtig. Deshalb soll es diesmal um den Tod gehen.

Sie finden, das passt nicht zu den drolligen Osternestern, die sie gestern im Wohnzimmerfenster arrangiert haben? All die süßen Häschen und bunten Eier! Komisch, an Kreuzigungen denkt niemand mehr beim Stichwort Ostern - die Älteren erinnern sich vielleicht noch.

Gut, das war jetzt ein bisschen oberlehrerhaft. Soll nicht wieder vorkommen. Immer wenn es um den Tod geht - oder um ein mutmaßliches Leben danach -, wird der Ton so gravitätisch und überhaupt alles heikel. In den Medien spricht man das Thema besser gar nicht an, ohne Not.

Eine Ausnahme ist der Sender EtosTV. EtosTV hat nur ein Thema, das ist der Tod. 24 Stunden lang geht es um Särge, Bestattungsarten, Gräber und um allerlei transzendentes drumherum. "Etwa zur Jahresmitte", heißt es vage beim Gesellschafter, dem Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes, soll der Fernsehkanal seinen Betrieb aufnehmen.

Eine Spezialität werden filmische Nachrufe. Todesanzeigen im YouTube-Format, wenn man so will. Da wird man berühmt und erlebt es gar nicht mehr. Die Nachrufe, so der Plan, werden 60 mal ausgestrahlt und dann in einer Datenbank zwecks ewiger Abrufbarkeit gespeichert. Das ist im Preis von angeblich 2000 Euro drin. Ewigkeit ist eine Funktion des Festplattenspeichers, lernen wir so. Das hätte man sich wirklich komplizierter vorgestellt.

Somit reiht sich nun auch der Tod bei den Nebensächlichkeiten ein. Gewinn, Verlust, Dividende. Zehn Mitarbeiter wird EtosTV zunächst haben. Ein einstündiges Startprogramm soll in einer Endlosschleife laufen, bis ausreichend Material zusammenkommt. Sind Endlosigkeit und Ewigkeit dasselbe? Nur so 'ne Frage.

Aber als Umsatz generierende Nebensächlichkeit ist ja auch der Tod wieder ein adäquates Medienthema - und wir schreiben darüber. Im Netz findet sich dazu Passendes, das wir in dieser Auszeit vorstellen. Zum Beispiel große letzte Worte, eine völlig unterschätzte literarische Gattung. Zum Beispiel ein totgesagtes Medium. Zum Beispiel die grausame Wahrheit über den Osterhasen, der sein sinnentleertes Fest nicht mehr erträgt. Zumindest interpretieren wird das so. Es gäbe noch viel mehr, aber diese drei Websites haben wir für Sie ausgewählt. Schließlich bleibt uns allen nicht viel Zeit. Gerade beim Surfen im Büro.

Lassen Sie sich nicht erwischen!

Hasen, für die Ewigkeit

Hasenhorror: Kreative Kleinsäuger

Hasenhorror: Kreative Kleinsäuger

Bunny Suicides

Ein Häschen sitzt am Boden. Es ist ein süßes Häschen, mit wenigen Strichen gezeichnet. Es hält in einer Pfote eine Bohrmaschine, in der anderen ein Feuerzeug. Mit dem Bohrer hat es den Tank eines Autos aufgebohrt, Benzin tritt aus. Das Häschen wird in wenigen Momenten das Feuerzeug entzünden.

Ein anderes Häschen, an Bord von "Raumschiff Enterprise". Sie erinnern sich, es gibt da die Anlage, die gleichzeitig drei Personen beamen kann. Links steht Commander Spock, in der Mitte Captain Kirk, rechts das Langohr. Aber: Hasilein hat sich nur zur Hälfte in den Kreis am Boden gestellt, der den Bereich markiert, den die Anlage transportiert. Als die beiden Serienhelden verschwinden, wird das Häschen halbiert.

Wir befinden uns auf "Bunny Suicides" , einer Internetseite, die, gäbe es eine Wahl zur skurrilsten Webpräsenz, ein heißer Favorit wäre. Hier kann man nichts selbst anstellen, muss sich nicht anmelden, tritt in kein Netzwerk ein. Eine einzige Seite, mehr nicht, und die baut sich noch recht langwierig auf. Das liegt an der selbst für DSL-Anschlüsse großen Zahl von Grafiken, die hier geladen werden.

Ein italienischer Computerfreak hat "Bunny Suicides" ins Netz gestellt, lauter Cartoons von suizidalen Kleinsäugern. Mehr wissen wir auch nicht. Keine Vorgeschichte, kein offensichtlicher Zweck, nicht einmal eine Angabe darüber, wer all die Cartoons gezeichnet hat, findet sich hier. Bloß Hasen, Unmengen von Hasen. Ein Schelm, wer da an Ostern denkt.

Nur, dass diese Hasenpopulation kollektiv depressiv ist. Alle wollen sie sich ins Jenseits befördern, oft mehrere auf einmal, koste es, was es wolle. So verstecken sich in einer Zeichnung gleich Dutzende von ihnen in den alliierten Landungsbooten beim Sturm auf die Normandie, andere lassen sich im revolutionären Paris guillotinieren, ziehen ein Sonnenbad der Fahrt mit Noahs Arche vor oder signalisieren dem Terminator per Holzschild, dass sie sein gesuchtes Mordopfer sind.

Makaber ist das alles, ja. Aber die Haserl sind schon ganz schön süß, in ihrem selbstzerstörerischen Eifer und ihrem Erfindungsreichtum. Die Seite ist ein Labsal für alle, denen die Schokoosterhasen bereits im Januar in den Supermärkten auf die Nerven gingen. Und wenigstens wird hier mit dem Tod kein Geschäft gemacht.

Bälle, für Sportsfreunde

IT-Rasen: Webadresse für Fußballfreunde

IT-Rasen: Webadresse für Fußballfreunde

Rund

Totgesagte leben länger - Sie wären überrascht gewesen, hätten wir diese Floskel ausgerechnet in diesem Artikel ausgespart. Immerhin, hier passt sie wirklich. Denn kaum etwas sichert so gut das Nachleben wie das Internet. Zumindest gilt das für frühere Printmedien. "Max" ist ein Beispiel. Als Hochglanzheft zuletzt ein Flop, hauchte der frühere Trendsetter seinen Geist ins Netz hinaus und erscheint fürderhin exklusiv dort. Ob ihm da ewiges Leben beschert ist, bleibt freilich eine Glaubensfrage.

Es gibt aber auch ein Beispiel, das wir ohne seinen zweiten Frühling im Netz vermissen würden: Das im August 2005 im Vorfeld der nahenden Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland vom Olympia-Verlag gegründete Fußballmagazin "Rund" .

Die gedruckte Ausgabe wurde vor fast einem Jahr eingestellt. Der Grund: Aus dem Sommermärchen sollte kein finanzieller Alptraum werden, nachdem sich die Verkaufszahlen immer stärker an der sportlichen Performance des MSV Duisburg orientierten. Doch ganz verzichten wollten die Macher auf ihre spannenden Hintergrundgeschichten rund um das Leder nicht. Im Internet lebt seitdem die Idee einer intellektuellen Alternative zu den herkömmlichen Angeboten um den Sport weiter.

Und das Ganze ist absolut lesenswert. So berichtet der ehemalige italienische Erfolgstrainer Arrigo Sacchi, wie es zum Sündefall im Land des Fußball-Weltmeisters kam und warum Stadien mittlerweile Gefängnissen ähneln. Neues gibt es auch von Charlotte Roche - oder wussten Sie, dass die in England geborene Moderatorin und Schriftstellerin bekennender Fan von Schalke 04 ist?

Das Fazit nach gefühlten 90 Minuten Lesevergnügen: "Rund" bleibt weiter am Ball. Und der Umzug von Print zu Online hat sicher eine Menge Kosten und Logistik gespart - von lebenden und toten Bäumen mal ganz zu schweigen.

Worte, für die Nachwelt

Letzte Worte: Literarische Minimalismen

Letzte Worte: Literarische Minimalismen

Letzte Worte

"Ein Mann, der etwas auf sich hält, sollte seine letzten Worte beizeiten auf einen Zettel schreiben und dazu die Meinung seiner Freunde einholen. Er sollte sich damit keinesfalls erst in seiner letzten Stunde befassen und darauf vertrauen, dass eine geistvolle Eingebung ihn just dann in die Lage versetzt, etwas Brillantes von sich zu geben und mit Größe in die Ewigkeit einzugehen."

Es waren dies keinesfalls die letzten Worte von Mark Twain, mit denen der große amerikanische Autor letzte Worte auf das reduziert, was sie eigentlich sind: Eine literarische Gattung. Trotzdem umweht sie eine besondere Aura, sei es, weil man einem Sterbenden eine besondere Nähe zum Jenseits und damit manch göttlichen Einblick zutraut, oder weil man schlicht glaubt, er sage die Wahrheit - schließlich hat er nichts mehr zu verlieren.

Autorenlesungen sind in diesem Genre für die meisten Menschen selten, man vermisst sie allerdings auch nicht. Vom feuilletonistischen Standpunkt aus ist das schade, denn abgesehen vom Anlass sind letzte Worte - zumindest die, die überliefert werden - oft erfreulich: Knapp, kenntnisreich, kapriziös. Abhilfe schafft da die Sammlung "Letzte Worte"  auf "Wikiquote".

"Wikiquote"  ist ohnehin eine Website, die Sie kennen sollten. Mit der bewährten Wikipedia-Technik werden hier Zitate gesammelt, von allen nur erdenklichen Personen der Geschichte und Zeitgeschichte. Dank Suchmaschine ist das Kompendium eine wahre Fundgrube. Erfreulich auch, dass zwischen gesicherten und nur zugeschriebenen Zitaten unterschieden wird.

Im gleichen Verfahren wurden auf "Letzte Worte" große Erkenntnisse großer Menschen im Moment ihres Ablebens versammelt. Darunter sind die Klassiker wie der des Frankfurters Johann Wolfgang von Goethe ("Mehr Licht!", was gestandene Hessen allerdings als Ausdruck von Rückenschmerzen deuten: "Mer lischt hier so schlescht.") oder des Griechen Archimedes' ("Störe meine Kreise nicht."). Es findet sich Launiges wie bei Humphrey Bogart ("Ich hätte nicht von Scotch zu Martini wechseln sollen."), Selbstverliebtes wie bei Kaiser Nero ("Welch ein Künstler geht mit mir zu Grunde!" - erwähnt sei auch der Hinweis "fälschlich zugeschrieben") oder Tiefschürfendes wie bei Bob Marley ("Geld kann Leben nicht kaufen"). Beneidenswert, wer sich für die letzten Atemzüge etwas Respektloses zurechtlegt wie der irische Dramatiker Brendan Behan. Der soll zu der Nonne, die ihn zuletzt pflegte, gesagt haben: "Gott segne Sie, Schwester. Mögen alle Ihre Söhne Bischöfe werden."

Damit ist auch die Zeit für unsere letzten Worte gekommen - bis in zwei Wochen die nächste Auszeit erscheint. Schließen wollen wir, einer Wirtschaftsseite angemessen, mit Karl Marx: "Hinaus! Letzte Worte sind für Narren, die noch nicht genug gesagt haben."

Zur vorigen Auszeit: Schwarze Schafe in Myanmar

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