Googles Android "Wir sind offen für alle - auch für Nokia"

Der Kampf um das mobile Internet ist eröffnet. Google-Manager Rich Miner erklärt im Interview das von ihm mitentwickelte Handybetriebssystem Android und sagt, wie der Webkonzern mit seiner neuen Software Handydienste attraktiver und billiger machen will.
Von Anne Preissner

mm.de: Google  beherrscht mit seiner Suchmaschine das Internet. Was treibt den Konzern, mit Android auch noch eine eigene Handysoftware zu entwickeln und in den USA sogar Mobilfunklizenzen zu kaufen?

Miner: Weltweit werden jährlich nur 260 Millionen PCs verkauft, aber rund eine Milliarde Handys. In einigen Entwicklungsländern machen viele Menschen ihre ersten Erfahrungen mit dem Internet über ein Mobiltelefon.

In Ländern mit flächendeckendem Breitbandzugriff besitzt fast jeder ein Handy. Für manche dieser Handybesitzer ist das Angebot, über zusätzliche Suchdienste zu verfügen, praktisch und nützlich, für andere bedeutet es die Verbindung zum Rest der Welt, größere Bildungschancen und neue Perspektiven.

Was liegt also näher, als unsere Services auch mobil zugänglich zu machen? Schließlich ist es unsere Vision, die Informationen dieser Welt zu organisieren und jedermann zugänglich zu machen.

mm.de: Dienste wie Google Search, Google Maps oder Google Mail sind bereits auf zahlreichen Handys verfügbar. Ist Ihre Initiative nicht überflüssig?

Miner: Zurzeit gibt es noch keinen komfortablen Zugang zum Netz, das erlauben die vorhandenen, meist proprietären Softwareplattformen nicht. Auch die Entwicklung mobiler Anwendungen geht viel zu langsam voran.

mm.de: Woran liegt das?

Miner: Als ich noch für den Mobilfunkbetreiber Orange  arbeitete und ein Handy ankündigte, das mit dem Betriebssystem Windows Mobile lief, entdeckten wir einen Softwarefehler. Wir wandten uns an den Gerätehersteller, doch der konnte das Problem nicht lösen, weil er keinen Zugang zum sogenannten Source Code hatte. Am Ende dauerte es ein Jahr, ehe das Problem gelöst werden konnte.

"Mobiles Internet vorantreiben"

mm.de: Solche Pannen schließen Sie bei Android-Software aus?

Miner: Ein Vorteil wird sein, dass Probleme viel schneller beseitigt werden können. Denn Android ist ein offenes Betriebssystem, auf das alle Entwickler, Handyhersteller und Mobilfunkbetreiber direkten Zugriff haben können. Außerdem verlangen wir keine Lizenzgebühren; jeder kann Android einsetzen.

mm.de: Google als Wohltäter klingt gut, aber Sie verfolgen doch handfeste kommerzielle Interessen.

Miner: Unsere Aktivitäten im mobilen Bereich sind darauf ausgerichtet, den Ausbau des mobilen Internets voranzutreiben und interessante Einnahmequellen für unsere Partner zu ermöglichen. Deshalb hat Google das Start-up Android gekauft und investiert seit drei Jahren beachtliche Summen in das Projekt. Wie richtig unsere Entscheidung war, sehen Sie daran, dass wir 33 Partner von T-Mobile bis Samsung für unsere Initiative gewinnen konnten.

mm.de: Was macht Ihr Android-Projekt so attraktiv?

Miner: Alle Marktteilnehmer wünschen sich mehr Innovation. Bislang ist die Branche hardwaregetrieben. Es gibt tolle Multimediahandys mit unendlich vielen Funktionen. Aber versuchen Sie mal, ein Foto, das Sie mit dem Handy gemacht haben, auszudrucken oder ins Web zu stellen.

Das ist heute noch eine sehr mühsame Angelegenheit. Wenn jedoch weltweit Tausende von Entwicklern an Anwendungen arbeiten, kommen rasch interessante Produkte auf den Markt, die auf allen Android-Geräten laufen können und den Nutzern helfen werden.

mm.de: Welche Vorteile bietet ein Android-Handy dem Nutzer?

Miner: Zuallererst bekommt der Nutzer eine leicht bedienbare Benutzeroberfläche, egal ob er Videos ansehen, Musik hören, ein Fotoalbum im Web anlegen, E-Mails verschicken oder einfach nur im Web surfen will.

Zusätzlich kann er sich ständig neue Anwendungen auf sein Handy laden, ohne von einem Unternehmen und dessen Entwicklungen abhängig zu sein. Ich bin sicher, dass unsere offene Plattform für den Endkunden auch die Handypreise günstiger machen wird.

"Gesamte Industrie herausgefordert"

mm.de: Bislang dominiert Nokia  mit seinem Betriebssystem Symbian den Markt für Smartphones. Wie viel Marktanteile wollen Sie dem Handyriesen abjagen?

Miner: Keine. Denn wir wollen mit Android weder Geld verdienen noch planen wir den Einstieg in das Endgerätegeschäft. Unser Ziel ist es, unsere Google-Dienste auf das Handy zu bringen - egal unter welchem Betriebssystem, um so den Nutzern standortunabhängig den Zugang zu Informationen ermöglichen zu können.

mm.de: Aber mit Android konkurrieren Sie direkt mit dem Betriebssystem der Finnen, das derzeit den Markt dominiert.

Miner: Wenn die Nutzer künftig Android bevorzugen, dann steht es Nokia jederzeit frei, auch diese Plattform zu benutzen - wir sind offen für alle. Denn sicher ist: Zurzeit investiert Nokia Unsummen in ein Softwaresystem, das nicht offen zugänglich ist und Lizenzgebühren kostet.

mm.de: Was macht Sie so optimistisch, dass das mobile Internet ein geschäftlicher Erfolg wird?

Miner: Wir sind davon überzeugt, dass das Potenzial des mobilen Internets ein größerer Markt ist als das Festnetz-Internet. Wenn die Geräte benutzerfreundlich sind, und die Betreiber akzeptable Tarife anbieten, werden die Leute auch mobil surfen. Wie schon erwähnt, gibt es zahlreiche Entwicklungsländer, die niemals über ein Festnetz verfügen werden, sondern ausschließlich mobil kommunizieren. Für sie wird das Handy der einzige Zugang zum World Wide Web sein.

mm.de: Sind nicht die kleinen Handydisplays ein Hindernis für die Nutzung des mobilen Webs?

Miner: Die gesamte Industrie ist herausgefordert, innovative Geräte zu entwickeln. Wir werden in Zukunft viele Handys mit Touchscreen sehen, schon jetzt gibt es Prototypen mit ausziehbaren, hauchdünnen Displays. Eine offene Plattform wie Android eröffnet auch den Hardwareherstellern ein riesiges Potenzial.

Googles Partner der Handy-Allianz

34 Freunde: Googles Partner in der Handy-Allianz

Firma Branche
Aplix  Software (Java-Umgebung für Handys)
Ascender Corporation  Software (Schriften für Mobilgeräte)
Audience  Hardware (Audio-Verarbeitung)
Broadcom  Chiphersteller (GPS, VoiP, W-Lan)
China Mobile  Netzbetreiber (China)
eBay  E-Commerce
Esmertec  Software (Java-Umgebung für Handys)
Google  Software
HTC  Hardware (Handys)
Intel  Chiphersteller
KDDI  Netzbetreiber (Japan)
Living Image 
LG  Hardware (Handys)
Marvell  Chipherstellung (Prozessoren)
Motorola  Hardware (Handys)
NMS Communications  Software/Hardware (Server-Systme für mobile Multimedia-Anwendungen, Software zur Verbesserung der Sprachqualität)
Noser  Software (Unternehmenssoftware wie Fleet- und Service Management)
NTT DoCoMo  Netzbetreiber (Japan)
Nuance  Software (Spracherkennung)
Nvidia  Chiphersteller (Grafik)
PacketVideo  Software für mobile Multimedia-Anwendungen
Qualcomm  Software/Hardware (Chipdesign)
Samsung  Hardware (Handys)
SiRF  Chipsätze (GPS)
SkyPop 
SONiVOX  Audiosoftware
Sprint Nextel  Netzbetreiber (USA)
Synaptics  Hardware (Touchpad)
TAT - The AstonishingTribe  Software
Telecom Italia  Netzbetreiber
Telefonica  Netzbetreiber (Spanien, Deutschland, Südamerika, Großbritannien)
Texas Instruments  Chiphersteller
T-Mobile   Netzbetreiber
Wind River  Software (Middleware)
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