RFID im Handel "Tag it Easy"

Strichcode ist out, es lebe RFID: Handelskonzerne wie Metro singen bereits Loblieder auf die Funktechnik, die Logistik und Service einfacher und schneller macht. Doch auch mittelständische Unternehmen können von den intelligenten Funkchips profitieren, wie eine hessische Modefirma beweist.
Von Johannes Klostermeier

Überlingen - Der Kindermodenhersteller Lemmi Fashion aus Hessen setzt schon heute auf die Technik von morgen. Alle seine Kleidungsstücke werden bereits in der Fertigung in Ostasien mit kleinen Radio Frequency Identification (RFID)-Tags ausstattet. In der RFID-Technik sehen Experten die Zukunft des Handels, die Barcodes auf den Verpackungen ablösen wird.

Dabei ist das Modeunternehmen keines der Großkonzerne, die sonst bei fast jeder neuen Technologie die Nase vorn haben. Die RFID-Technik bei Lemmi Fashion besteht aus einer im Etikett integrierten Antenne und einem Siliziumchip, der Produktinformationen wie Artikelnummer, Farbe und Größe enthält. Passieren die Chips entsprechende Lesegeräte, dann werden sie per Funk mit Strom versorgt.

Ausgelöst durch diesen Impuls funken sie im Vorbeirollen die auf ihnen gespeicherten produktbezogenen Daten an das Lesegerät und an daran angeschlossene Anwendungen wie das Warenwirtschaftssystem. "Funkchips verbinden die physische Welt der Produkte mit der virtuellen Welt digitaler Daten", beschreibt Stefan Heng von Deutsche Bank Research den Vorgang.

Der Mittelständler aus Nordhessen verkauft mit rund 80 Beschäftigten rund eine Million Kleidungsstücke im Jahr in über 14 Länder. Dabei ist die Artikelvielfalt riesig: Insgesamt rund 60.000 verschiedene Varianten gibt es. Denn jedes Teil wird in zwei bis drei verschiedenen Farben und zwölf verschiedenen Größen produziert. "Hosen gibt es in vier Bundweiten. Wir haben deshalb immer eine sehr große Zahl verschiedener Einheiten im Jahr", sagt Götz Pfeifferling, IT-Leiter bei Lemmi Fashion.

Eine Schwierigkeit war, dass die vom Kindermodenhersteller beauftragten Produktionsbetriebe in der Vergangenheit nicht immer so zuverlässig gearbeitet haben, wie man es sich in Hessen wünschte. Da die Fracht per Schiff ins deutsche Vertriebszentrum nach Fritzlar transportiert wird, vergingen stets fünf Wochen, bevor die Verantwortlichen falsche Packlisten bemerken konnten. Da an den Handel aber immer nur komplette Kollektionen verkauft werden, war guter Rat teuer, wenn auch nur ein Teil fehlte. "Wenn sich mal einer vertan hat, hatten wir ein Riesenproblem. Dann konnten wir die ganze Kollektion nicht mehr absetzen", sagt der IT-Leiter.

Inventur nur noch für das Finanzamt

Inventur nur noch für das Finanzamt

Hier kommen die RFID-Chips ins Spiel: Vor zwei Jahren hat der Kindermodenhersteller damit begonnen, in den asiatischen Produktionsstätten alle Kleidungsstücke mit Funkchips auszustatten. Ihr Einsatz vereinfacht die gesamte Logistik. "Wir wissen dadurch, welche Ware fertig verpackt ist und merken schon beim Versand in Asien, wenn uns ein Stück fehlt." Dadurch könne man fünf Wochen früher reagieren, das Teil nachproduzieren oder per Luftfracht nachkommen lassen.

Auch anderes ist dank der Funktechnik unkomplizierter geworden: Die bisherigen Mitarbeiter am Wareneingang in Deutschland mussten früher jedes Stück per Hand zählen, das Ergebnis in Listen schreiben und diese abtippen. Heute senden die Kleidungsstücke die nötigen Informationen per Chip automatisch aus, die beim Eintreffen ausgelesen werden. "Wir rollen die Ware nach der Qualitätskontrolle und dem Aufbügeln durch ein Tor, wo sie vom Lesegerät erfasst wird", sagt Pfeifferling.

Und der Computer arbeitet auch noch viel schneller und präziser als der Mensch. Statt 3000 Teile am Tag per Hand, ist die Technik in der Lage, 15.000 Teile zu erfassen. Zusätzlich verfügt das Unternehmen nun immer über einen aktuellen Artikel-, farb- und größengenauen Überblick seines Lagers. Denn die Qualität der Daten, die am Wareneingang erfasst werden, liegt bei der Ware, die auf Bügeln hängt, zwischen 99,3 und 99,7 Prozent. "Spätestens beim nochmaligen Durchschieben erreichen wir 100 Prozent", sagt Pfeifferling.

Die bisherige hauseigene Inventur muss wegen dieser hohen Erkennungsraten eigentlich nur noch für das Finanzamt stattfinden. Denn die Container werden auf den Schiffen verplombt transportiert. Das "Soll" des Warenwirtschaftssystems muss zum Jahresende nur mit dem vom RFID-Lesegerät gemeldeten "Ist" verglichen werden. Und wenn die Kleidungsstücke in die Geschäfte geliefert werden, scannen die Antennen den Warenausgang ebenfalls fast fehlerfrei.

Auch der Datenschutz sei gewährleistet, versichert die Firma. Weil die Funketiketten in den Kleidungsstücken nicht eingenäht, sondern nur angeheftet werden, könne sie jeder Kunde sehen und nach dem Kauf abschneiden. Auf ihren Webseiten verspricht das Unternehmen: "Mit dieser Technologie schaffen wir nicht den gläsernen Kunden. Es werden im gesamten Prozess keinerlei personenbezogene Daten gespeichert. Alle auf dem Chip befindlichen Daten sind identisch mit dem visuellen Aufdruck auf dem Etikett." Zusätzlich sei die Lesbarkeit der Chips durch physikalische Grenzen auf eine Distanz von 30 bis 60 Zentimeter begrenzt.

RFID in der Umkleidekabine

RFID in der Umkleidekabine

Da es keine RFID-Standards gab, haben die Hessen zunächst selbst welche gesetzt und in den maßgeblichen Standardisierungsgremien mitgearbeitet. Gerade erst haben sie von der bisherigen High Frequency- (HF) auf Ultra High Frequency-(UHF)-Technologie umgestellt.

Die Frequenzbereiche sind weltweit festgelegt, fallen aber für jedes Land verschieden aus. In Deutschland sind die bevorzugten Frequenzbereiche 13,56 MHz (HF) und 868 MHz (UHF); beide haben ihre Vor- und Nachteile. Die Höhe der Chipkosten, die heute nur noch bei wenigen Cent liegen, hat bei der Entscheidung des Unternehmens für die RFID-Technik übrigens nur eine sehr nachrangige Rolle gespielt. Es komme dabei eben immer auf die Wirtschaftlichkeit des Gesamtprozesses an.

Warum Lemmi Fashion bei RFID die Nase vorn hat? Der IT-Chef meint: "Die Integration in die IT-Systeme ist für viele Konzerne sehr schwierig und kostet viel. Wir konnten bei uns alles von Null an neu aufsetzen." Was er anderen rät, die nachziehen wollen? "Bei einer RFID-Einführung müssen alle an einem Strang ziehen, angefangen vom Geschäftsführer. Denn dabei geht es um eine Änderung der Prozesse des Unternehmens."

Zusammen mit seinen Partnern im Handel probiert der hessische Modehersteller weitere Projekte aus, um die RFID-Technik auch an den Kassen nutzen zu können. Dabei denkt Pfeifferling nicht nur an eine bessere Diebstahlskontrolle oder den Einsatz von RFID-Selbstbedienungskassen. "Wir wollen, dass Computer an den Regalen in den Geschäften den Kunden weitere Informationen zum Produkt geben und Empfehlungen, welche Teile der Kollektion gut dazu passen könnten."

Genau das testet jetzt der Warenhauskonzern Kaufhof in seinem Essener Warenhaus. "Durch den Einsatz von RFID bei Galeria Kaufhof bieten wir den Kunden einen deutlich besseren Service", verspricht der Konzern. In der Herrenmodeabteilung gibt es intelligente Umkleidekabinen, Regale und Spiegel. Diese erkennen die Kleidungsstücke und zeigen auf einem Bildschirm weitere Informationen über Preis, Material und Pflegehinweise. Im nächsten Schritt, der noch in diesem Jahr geplant ist, wird man in der Kabine Hinweise zu anderen passenden Kleidungsstücken sowie über weitere verfügbare Größen und Farben erhalten.

Will der Kunde RFID?

Will der Kunde RFID?

Ob der Kunde das will? Man wird sehen. "Wir werden mit Hilfe von Befragungen und Studien erfahren, wie unsere Kunden die neue Technologie erleben", versprach Kaufhof-Vorstandsmitglied Uwe Schlick bei der Präsentation in Essen. Auf jeden Fall wolle man in Essen über einen längeren Zeitraum überprüfen, inwieweit die Angestellten durch den Einsatz von RFID von Nebentätigkeiten entlastet werden können, um so mehr Zeit für den direkten Kundenservice zu haben.

Die Verkäufer bei Galeria Kaufhof haben tragbare Lesegeräte, mit denen sie jeden vorhandenen Artikel im Laden aufspüren können. Aber auch die Warenverfügbarkeit lässt sich mit der Funktechnik verbessern: Auf Knopfdruck können die Kaufhof-Mitarbeiter feststellen, wie viele Artikel eines bestimmten Produkts noch vorrätig sind und je nachdem neue Ware ordern.

Die Mutterfirma von Kaufhof, Metro  (unter anderem Real, Media Markt, Galeria Kaufhof) engagiert sich schon seit Längerem, um die RFID-Technik in Deutschland bekannter zu machen. Im Rahmen ihrer Initiative "Metro Group Future Store" erprobt sie zusammen mit SAP , Intel , IBM , T-Systems und rund 60 weiteren Partnern technische Konzepte für den Handel. Seit Ende Oktober können Anlieferungen an 180 Standorten von Metro Cash & Carry und Real sowie in den Zentrallagern der Metro Group Logistics automatisch per RFID registriert werden.

Mehr als 180 Lieferanten beteiligen sich. Im nächsten Jahr sei die Umstellung der restlichen Standorte geplant, teilte Metro mit. Ab Ende des Jahres sollen außerdem rund 100 Hersteller in China und Vietnam an dem RFID-Pilotprojekt "Tag it Easy" teilnehmen und ihre Exportkartons mit RFID-Transpondern ausstatten. "Damit lassen sich auch in der Lieferkette zwischen Asien und Europa deutliche Effizienzsteigerungen erzielen", so ein Metro-Sprecher.

Der Warenhauskonzern Karstadt testet seit September ebenfalls RFID-Technik - in seiner Filiale in Düsseldorf. Im ersten Schritt läuft der Versuch in den Bereichen Jeans- und Jeanswear sowie "modern man". Ein an den Kleidungsstücken angebrachtes Chip-Etikett ermöglicht einen aktuellen Überblick über die Bestände und den Lagerort. Preisänderungen könnten nun schneller umgesetzt werden, heißt es. Statt bisher rund drei Wochen werden diese künftig nur noch drei Tage dauern. Auch hier gehört die Jahresinventur der Vergangenheit an. In Zukunft werden sicherlich noch weitere Firmen "funken gehen".

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