Telekom-Liberalisierung Vom Call-by-Call zur Flatrate

Knapp einen Euro für ein Drei-Minuten-Gespräch? Vor zehn Jahren war das gang und gäbe. Doch mit Öffnung der Telekommärkte Anfang 1998 gerieten die Telefonpreise mächtig ins Rutschen. Ein Rückblick.

Bonn - Grenzenloses Telefonieren vom Festnetz und Handy, Surfen im Internet und Unterhaltung ohne Ende - und das alles zum Pauschaltarif? Undenkbar, als der Telekommunikationsmarkt noch eine uneinnehmbare Festung der Deutschen Telekom  war.

Doch alles wurde anders, als vor zehn Jahren, Anfang 1998, das Sprachmonopol des rosa Riesen fiel und die Wettbewerber zur Jagd auf den Platzhirsch bliesen. Zur Freude der Verbraucher gerieten die Telefonpreise bereits kurz nach Marktöffnung ins Taumeln. Bis zu 90 Prozent günstiger konnten die Verbraucher schon zwei Jahre nach Marktöffnung telefonieren - der Wettbewerb macht's möglich.

Die Call-by-Call-Gespräche waren der Schlüssel, um die Monopolstellung der Telekom zu knacken. Heute haben die Sparvorwahlen gegenüber Komplettanschlüssen und Flatrates an Bedeutung verloren. Michael Bobrowski von der Verbraucherzentrale Bundesverband ist erfreut über die Entwicklung. "Die Preise sind deutlich gefallen und es herrscht ein großer Wettbewerb bei Diensten und Anbietern, sagt der Fachreferent für Telekommunikation. Kostete ein Drei-Minuten-Gespräch im Fernbereich damals umgerechnet 86 Cent, sind es heute bei günstigen Sparvorwahlen weniger als drei Cent. Und wer erinnert sich nicht an den Wirrwarr unterschiedlicher Taktungen, an Haupt- und Nebenzeiten, den City-, Regional- und Ferntarif.

Unübersichtliche Vielfalt

Doch wie alles hat auch die Liberalisierung eine Kehrseite, weiß Bobrowski. Der Markt sei für die Verbraucher sehr unübersichtlich geworden. Die Beschwerden von Kunden, die ihre Telefonrechnungen nicht nachvollziehen könnten, häuften sich. Die Telekommunikation sei in den vergangenen zehn Jahren zu einem Beratungsschwerpunkt der Verbraucherzentralen geworden. "Es ist ein Ärgernis erster Güte, dass wir die Informationsarbeit der Unternehmen machen müssen", schimpft der Verbraucherschützer.

Von Beschwerden kann auch Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur, ein Lied singen. Rufnummernmissbrauch, unverlangte Werbemails oder Telefonrechnungen sind immer wieder Themen, mit denen sich die Aufsichtsbehörde herumschlagen muss. Doch der Regulierer sieht das große Ganze, wenn er ein Fazit über die Marktentwicklung zieht: "Zehn Jahre Regulierung und damit die Öffnung von früheren Monopolmärkten sind eine einmalige Erfolgsgeschichte", gerät Kurth ins Schwärmen. Die Angebote hätten sich vervielfacht und es gebe zahlreichen Innovationen und neue Dienstleistungen sowohl im Festnetz wie auch im Mobilfunk.

Mehr Umsatz trotz Preisverfall

Mehr Umsatz trotz Preisverfall

Mehr als 20 Milliarden Euro werden heute in der Branche trotz des dramatischen Preisverfalls mehr erlöst, als vor zehn Jahren. Grund: die Verbraucher greifen häufiger zum Telefon oder Handy und surfen immer öfter im Internet. Das DSL-Geschäft brummt und gleichzeitig kommt im Mobilfunk das UMTS-Datengeschäft in Schwung. Die Zahl der Breitbandanschlüsse, schätzen Branchenexperten, wird in diesem Jahr schätzungsweise um drei auf 18 Millionen Anschlüsse klettern. Tendenz weiter steigend.

Dabei führten "verbraucherfreundliche und günstige Preise zu mehr Umsatz und Wachstum", sagt Kurth. Vor allem Bündelangebote aus Telefonie und DSL in Form von Pauschaltarifen, mit welchen sich die Anbieter gegenseitig unterbieten, setzen sich immer mehr durch. Die Schlagworte lauten Triple oder Quadruple Play (Telefon, Internet, Fernsehen, Mobilfunk). Schon heute gilt und morgen erst recht: Die Kunden wollen Angebote aus einer Hand.

Und damit beginnt die Telekommunikation von morgen, wie sie in Ansätzen schon durch den Aufbau der Hochgeschwindigkeitsnetze VDSL durch die Telekom oder auch bei regionalen Betreibern wie Net Cologne oder Hansenet erkenntlich wird. Mit hohen Investitionen treiben sie den Glasfasernetzausbau voran. Es geht um ihre Unabhängigkeit, um neue Produkte und die Umstellung des Telekommunikationsnetzes auf das Internetprotokoll.

"Die Unternehmen rücken näher an den Endkunden heran", sagt Rudolf Boll von der Bundesnetzagentur. Bereits 2009 würden viele Unternehmen ihre Backbonenetze auf das Internetprotokoll umgestellt haben, glaubt Peer Knauer, Präsident des Verbandes der regionalen Telekom-Betreiber Breko. Doch bis daraus ein geschlossenes Zugangsnetz entstehe, würden noch viele Jahre vergehen. Der Telekom kann das nur recht sein. Sie darf weiter die Hand aufhalten - und sei es nur, um die Miete für die letzte Meile zum Kunden zu kassieren.

Peter Lessmann, dpa

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