Dokumentenstandard Goliath gegen David

Gegenwind für Microsoft: Der mächtige Konzern ist vorerst damit gescheitert, sein OOXML-Format zum Tausch von Dokumenten zum weltweiten Standard zu machen. Zu verdanken hat Microsoft dies der Open-Source-Gemeinde, die mit ODF bereits den ersten offenen Standard in diesem Bereich etabliert hat.
Von Johannes Klostermeier

Überlingen - In der Welt der Informationstechnologie toben ab und zu Auseinandersetzungen, die für Außenstehende an Glaubenskriege erinnern. Eine der wichtigen Streitfragen ist etwa, ob sich proprietäre, also in sich geschlossene und urheberrechtlich geschützte, oder (quell-)offene Anwendungen, wie sie von der Open-Source-Gemeinschaft propagiert werden, durchsetzen. Der Softwarekonzern Microsoft  hat über die Jahrzehnte hinweg sehr gut von seinen Quasi-Standards mit Windows als Betriebssystem und Word als Textverarbeitung im Büropaket Office gelebt. Fast 90 Prozent der Unternehmen in Deutschland arbeiten damit.

Offene Software wie das Betriebssystem Linux und das Paket fürs Büro, Open Office, gewinnen hingegen nur langsam an Fahrt. Zu schwierig ist es, umzusteigen. Erstens ist die Microsoft-Software jedem gut bekannt, die Hürden der Umstellung hoch. Zweitens kennt man die Kompatibilitätsprobleme, die auftreten, wenn man Kollegen ein Dokument schickt, das in einem anderen Format abgespeichert wurde. Wie schön wäre da ein offener Standard für Büroanwendungspakete zum unkomplizierten Daten- und Dateienaustausch.

Genau darum entbrennt gerade ein erbitterter Streit der beiden Lager. Es gibt zwei Formate, um deren zukünftige Dominanz und internationale Anerkennung gerungen wird. Zum einen ist da ODF, das Open-Document-Format, von OpenOffice.org entwickelt und der Organization for the Advancement of Structured Information Standards (OASIS) als offener Standard für den Austausch von Office-Dateien übergeben. ODF ist schon ein ISO-Standard. Die ISO wiederum ist die Internationale Organisation für Normung mit Sitz in Genf.

Es geht um Geld, Macht und Marktanteile

Microsoft hingegen setzt auf ein anderes Format. Es heißt Office Open XML (OOXML) und ist bereits im neuen Office-Paket 2007 integriert. OOXML ist zwar auch ein Standard, aber bislang nur bei der europäischen Organisation ECMA, einer herstellergetriebenen Normungsorganisation zur Standardisierung von Informations- und Kommunikationssystemen sowie Unterhaltungselektronik.

Das soll jetzt anders werden. Die mit dem Konkurrenzformat gleichberechtigte Anerkennung durch die ISO war und ist Microsoft sehr wichtig. Denn gerade gegenüber staatlichen Stellen wiegt sie mehr als das bereits erreichte ECMA-Siegel. Wenn Teile der eigenen Entwicklung als offizieller Standard fest geschrieben werden, geht es aber stets auch um Geld, Macht und Marktanteile. So ist es nicht verwunderlich, dass es im Standardisierungsverfahren zu einem heftigen Schlagabtausch kam.

Was international die ISO ist, heißt in Deutschland "Deutsches Institut für Normung e.V.", kurz DIN, mit Sitz in Berlin. Die DIN-Normen für Papiergrößen, etwa das DIN-A4-Format, kennt jeder. Im Zeitalter des PCs wird das digitale Dokumentenformat immer wichtiger. Beim DIN ist man über das Interesse am Streit schon selbst ein bisschen genervt. "Eigentlich läuft so ein Standardisierungsverfahren in aller Stille ab", sagt Sprecher Peter Anthony. "Doch hier haben sich schon am nächsten Tag Ausschussmitglieder gegenüber der Presse geäußert."

Voll von technischen Mängeln

Voll von technischen Mängeln

Seit 2006 streiten sich die deutschen Mitglieder darüber, ob Microsofts Format zweiter Standard neben dem bereits anerkannten ODF werden soll. Geleitet vom Obmann Gerd Schürmann vom Berliner Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme diskutierten dort Firmenvertreter von Microsoft, IBM, Sun Microsystems, PC-Ware, Open Limit, CIT und Dialogika. Aus dem E-Government-Bereich kommen Vertreter des niedersächsischen Justizministerium, dem norddeutschen IT-Dienstleister Dataport, von Bremen Online Services, der Hamburger Finanzbehörde, dem Auswärtigen Amt, dem Bundesinnenministerium und dem Deutschen Städte- und Gemeindebund.

"OOXML ist qualitativ schlecht gemacht, enthält zahlreiche Fehler und Inkonsistenzen", urteilt Georg Greve, Präsident der Free Software Foundation Europe. "Der Vorschlag ist so schlecht, dass jeder andere ausgelacht worden wäre, wenn er ihn unterbreitet hätte", sagt ein anderer Experte. Einige Ausschussmitglieder waren auch der Ansicht, dass eine Norm ausreicht, und die hätte man ja mit ODF bereits verabschiedet. "Man braucht nur dann einen zweiten Standard, wenn der erste einen Bereich nicht abdeckt", so Greve.

Auch bei IBM heißt es: "Wir glauben, dass die Welt nicht noch einen Standard benötigt, genauso wenig wie verschiedene Browser, die nur mit bestimmten Websites funktionieren. Dass wir ein anderes Dokumentenformat haben könnten, bedeutet nicht, dass wir es brauchen." Microsoft hingegen setzt auf einen "Wettbewerb der Standards".

Microsoft wird Manipulation vorgeworfen

Die Mitglieder des DIN-Ausschusses wollen nicht zitiert werden und wurden gerade erst wieder auf ihre Verschwiegenheitspflicht hingewiesen. Hinter vorgehaltener Hand monieren sie aber ebenfalls technische Mängel und eine trotz ihres enormen Umfangs von 6000 Seiten unzureichende Dokumentation von Microsoft. Diese sei zudem "gewürzt mit potenziellen patentrechtlichen Problemen." Firmen, die OOXML einsetzten, könnten nicht sicher sein, später verklagt zu werden. Michael Grözinger, National Technology Officer bei Microsoft Deutschland, weist diese Vorwürfe zurück: "Wir haben entsprechende Freistellungsdokumente unterzeichnet und veröffentlicht." Niemand müsse fürchten, später wegen Patentverletzung verklagt zu werden.

Mit der Materie befasste IT-Experten beklagen sich auch darüber, das OOXML nicht wirklich offen sei, weil immer noch nur ein Konzern - nämlich Microsoft - den Standard kontrolliere. "Die Spezifikation verweist auf proprietäre Standards des Konzerns", so Greve.

Dazu kommt, dass die eine Seite behauptet, Microsoft hätte in einigen Ländern dafür gesorgt, dass vor allem dem Softwarekonzern gewogene Freunde über den Standard abstimmten. Im Internet war die Rede vom "Kauf von Stimmen", "dem Kapern von Standardisierungsgremien" sowie von "Manipulationen der Wahlvorgänge" in anderen Ländern. Das schwedische Normungsinstitut SIS (Swedish Standards Institute), dass sich zunächst für die Anerkennung von Microsofts Dokumentenformat Open XML als ISO-Norm ausgesprochen hatte, votierte später, wegen festgestellter Regelverstöße, mit Enthaltung.

Zweifel an der Kompatibilität

Zweifel an der Kompatibilität

Stefan Weisgerber, Geschäftsführer des Normenausschusses Informationstechnik und Anwendungen beim DIN, will die Vorgänge in anderen Ländern nicht kommentieren. Er betont aber, dass in Deutschland alles mit rechten Dingen zugegangen ist: "Jedes Mitglied, das wollte, konnte mit entscheiden. Es liegt uns auch keine Beschwerde vor." Über anders lautende anonyme Kommentare in der Presse zeigte er sich deswegen verstimmt.

Gerade im E-Government-Bereich wird die Diskussion mit Spannung verfolgt. Behörden, aber auch einzelne Kommunen, wollen sich von Microsoft-Standards lösen und setzen auf Open-Source-Anwendungen. Statt Microsofts Office-Paket sollen die Mitarbeiter dann - etwa in der Stadt München - die Anwendungen des Konkurrenzpakets OpenOffice benutzen. Die Gründe dafür sind zum einen niedrigere Kosten. Open-Source-Software kostet keine Lizenzgebühren, und man kann sie leicht selbst anpassen. Für Verwaltungen ist es aber gleichzeitig enorm wichtig, dass ihre Dokumente über alle Softwarelager hinweg gelesen und bearbeitet werden können. Kompatibilitätsprobleme darf es keine geben.

Die Verantwortlichen wollen sich ebenfalls sicher sein, dass Dokumente auch in 30 Jahren noch problemlos gelesen werden können. Hier spielt auch ein gewisses Misstrauen gegenüber dem Quasi-Monopolisten Microsoft eine Rolle, der es in der Vergangenheit mit seinen geheim gehaltenen Formaten Wettbewerbern sehr erschwert hat, kompatible Konkurrenzprodukte zu entwickeln.

Das DIN sagte ja, die ISO nein

Der Konzern bewegt sich Kritikern zufolge oft erst, wenn Gerichtsurteile ihn dazu zwingen oder die Marktmacht bröckelt. Als Microsoft im Sommer 2005 verkündete, zusammen mit anderen Unternehmen das Dokumentenformat Office Open XML als offenen Standard bei der ECMA anzumelden, hatte der der damalige Chief Information Officer im US-Bundesstaat Massachusetts verkündet, ab 2007 für alle Office-Anwendungen und PDF-Dokumente ausschließlich das Format ODF nutzen zu wollen.

Beide Seiten mobilisierten damals Unterstützergruppen: ODF-Befürworter gründeten die Open Document Alliance mit unter anderem IBM, Google, Novell, Oracle, Red Hat und Sun. Microsoft formierte die Open XML Formats Developer Group mit den Gründungsmitgliedern Apple, Intel und Toshiba. Als Zwischenschritt verkündeten beide Lager, herunterladbare Plug-ins anzubieten, mit denen die eigenen Programme die Dokumente der jeweils anderen Seite lesen und speichern können. So stellte Microsoft im Januar 2007 das Übersetzungswerkzeug OpenXML Translator (ODF Add-in for Word) zur Verfügung; Open Office lernte, Open-XML-Dokumente zu lesen.

Im Dezember 2006 wurde ODF 1.0 von der ISO offiziell als Standard veröffentlicht. Ein paar Tage danach erkannte ECMA das Microsoft-Format Open XML als ECMA-Standard an und leitete es an die ISO zur schnellen Anerkennung im nur sechs Monate dauernden Fast-Track-Verfahren weiter.

Entscheidung im Frühjahr 2008

Entscheidung im Frühjahr 2008

Das deutsche Abstimmungsergebnis beim DIN fiel Mitte August für Microsoft positiv aus: Zwölf Mitglieder stimmten mit Ja unter Vorbehalt, ein Mitglied votierte uneingeschränkt mit Ja. Nur IBM, Sun, und die beiden Vertreter des Bundes, nämlich das Auswärtige Amt und das Bundesinnenministerium, stimmten mit Nein, gekoppelt mit Korrekturvorschlägen. Vertreter von Google und der Deutschen Telekom durften an der Abstimmung nicht teilnehmen, weil sie sich zu kurzfristig angemeldet hatten, betont Weisgerber vom DIN.

Bei der ISO hat der Microsoft-Entwurf im ersten Anlauf jedoch die erforderlichen Mehrheiten für eine Standardisierung verfehlt. Die Stimmberechtigten hielten die Spezifikation noch nicht für reif genug für die Weihen der Internationalen Organisation für Normung. Für die Anerkennung müssen zwei Drittel aller abgegebenen Stimmen der besonders qualifizierten Mitglieder (P-Members) positiv sein; gleichzeitig dürfen nicht mehr als ein Viertel der Mitglieder in den beteiligten Länderorganisationen negativ stimmen. Nur 53 Prozent aller P-Member stimmten jedoch positiv, 26 Prozent der Stimmen in den Ländern waren ablehnend.

Hinter den Kulissen gehen unterdessen die Verhandlungen weiter. Vom 25. bis 29 Februar 2008 findet bei der ISO in Genf das Ballot Resolution Meeting (BRM) statt. Voraussichtlich drei bis sechs Deutsche dürfen daran teilnehmen. Dort werden alle abgegebenen und in Gruppen zusammengefassten rund 1000 Kommentare verhandelt, und die ECMA muss sagen, ob und wie sie die dort angesprochenen Vorschläge umsetzen wird. Dann sind noch einmal 30 Tage Zeit, in denen sich die Nein-Sager neu entscheiden dürfen. Sollten die Mehrheiten bis dahin immer noch nicht zustande gekommen sein sollen, dann wäre Microsofts Vorstoß gescheitert.

"Wir werden im Standardisierungsprozess gemeinsam mit der ECMA die eingebrachten Verbesserungsvorschläge bearbeiten und umsetzen und gehen davon aus, dass wir in der Lage sein werden, die aufgeworfenen Bedenken zu beseitigen und die Kommentare in unseren Standard einarbeiten zu können", sagt Microsoft-IT-Chef Grözinger, zum weiteren Prozedere.

Die endgültige Entscheidung fällt also Ende März 2008. Dann wird man sehen, ob es Microsoft gelingt, die Wähler umzustimmen. "Wir sind zuversichtlich, dass wir die Nein-Stimmen mit Kommentaren durch die Einarbeitung der Kommentare in ein Ja umwandeln und die Abstimmung so für uns zu entscheiden können", gibt sich Grözinger zuversichtlich.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.