Auszeit Die Hände zum Himmel

Zeit, das Internet zu entdecken: Warum der Karneval auch heute zu Sessionsbeginn am elften im Elften eine ernste Sache ist. Wie man nahezu jeden Satz ins Kölsche übersetzt bekommt. Und welchen Blick Kabarettisten auf die fünfte Jahreszeit werfen.
Von Karsten Stumm

Die Erinnerung ist frisch an diesen Julitag 1963. Sie ist in uns. Weil das Gedächtnis jeder deutschen Generation dieses Bild von John F. Kennedys aufnimmt. Wie er da steht vor dem alten Rathaus, neben ihm Bundeskanzler Konrad Adenauer. Wie Amerikas Präsident seine Krawatte ordnet, eine kleine Pause macht, sich noch einmal aufrichtet. Leicht vorbeugt. Und dann diesen einzigartigen Satz zu den Zehntausenden spricht: "Köln - alaaf."

Erinnern Sie sich?

Oder fällt Ihnen wieder nur Berlin ein und der "stolzeste Satz, den damals "jemand in der freien Welt sagen" konnte: "Ich bin ein Berliner" - obwohl Kennedy ein paar Tage später auch in Köln zu den Menschen sprach?

Dann sollten Sie sich eine Auszeit gönnen, ob Kölner oder nicht, ob Karnevalist oder nicht. Denn heute, am elften im Elften - Karnevalsbeginn! - bietet sich die Chance, zu erkennen, was der berühmteste Führer der freien Welt schon im Sommer 1963 mit seiner herrlichen Geste an die Kölner angedeutet hat: Diese Karnevalssache, die heute wieder startet, ist nicht ironisch gemeint, wie vielfach im Nichtrheinland erhofft, sondern ernst.

Um mit den Worten Kennedys zu sprechen: "Wenn es in der Welt Menschen geben sollte, die nicht verstehen oder nicht zu verstehen vorgeben, worum es heute in der Auseinandersetzung zwischen "dem Rheinland und dem Rest der Republik" geht, dann können wir ihnen nur sagen, sie sollen sich diese Internetseite ansehen. Denn wer die Kölner Karnevalsinformation  liest, dem wird offenbar: Karneval bedeutet Ernsthaftigkeit und Ordnung. Von Amts wegen.

Schließlich gelingt es den Autoren des liebevollen Karnevalskompendiums das ganze Getolle zum Rosenmontag auf eine Reihe schnöder Verwaltungsakte zurückzuführen. Auf Verordnungen mit Stempel und Beamtenunterschrift, die - mehr oder weniger - bis heute gelten, und zwar seit 1823.

Für Köln ist das übrigens keine schlechte Leistung: Eigene Gesetze haben die Domstädter sonst nie zustande gebracht, sondern mit rheinischer Gelassenheit die Verordnungen ihrer Besatzer erduldet. Erst den Code Civil der Franzosen, die das Rheinland turnusmäßig besetzten. Später das preußische Recht. "Der Kölner kann nichts, traut sich aber alles zu", sagte einmal der Kabarettist Konrad Beikircher. Stimmt nicht ganz, wissen wir durch die Lektüre der Karnevalsinformation . Wenigstens seinen Fasteloovend hat der Kölner selbst geregelt. Und dass der in dieser Stadt Gesetz ist.

Aber wir erfahren durch sie noch mehr, was dem rheinischen Karneval beinahe die Maske vom Gesicht gerissen hätte. Den Job der Funkenmariechen beispielsweise, die Solotänzerinnen der Karnevalsvereine, machten früher ausschließlich Männer - in Frauenkleidern. "Erst nach und nach wurden Frauen dazu herangezogen", schreiben die Autoren beklommen, sodass man nicht genau weiß, was sie damit meinen.

Auch erkennen wir, dass der Stippeföttche-Tanz ein traditionelles Ritual der Karnevalsgarden im Kölner Raum sei. Auf Kommando schubbelten die Männer "ihre Hintern dabei nach einem rhythmischen Musiktakt hin und her" und aneinander. "Das ist nicht nur sehr erotisch, sondern auch noch sehr witzig", stellen die Autoren lakonisch fest.

Einzig, warum die Kölner Jecken am 11.11. nicht das Rathaus stürmen, wie die Karnevalisten in anderen Karnevalshochburgen auch, erfahren Sie auf dieser Internetseite nicht. Dafür in dieser Auszeit: Es lohnt nicht, Kölns Stadtkassen sind leer. Die Karnevals- und Klüngelmetropole hat heute mehr Schulden als Karnevalsgesetze …

Kölsch, für alle

… und noch mehr als kölsche Ausdrücke. Von denen allerdings gibt es dennoch mehr als die meisten Mitbürger verstehen. Wer deshalb plant, in dieser Session endlich die große Wahrheit über den rheinischen Karneval selbst in Erfahrung zu bringen, sollte vor seiner Abreise in das Gebiet der Jecken einen Blick auf den ersten und einzig wahren Kölsch-Übersetzer  im Internet werfen.

Beinahe alles, was Kölner und Nichtkölner schon immer mal auf Kölsch sagen wollten, kann man sich hier übersetzen lassen. Auf Knopfdruck wird etwa aus "ich möchte mit dir tanzen" schnell "Isch mööch met dir danze". Ausprobieren und schmunzeln.

Die nötige Zeit dafür und das anschließende Spickzettelanfertigen bleibt ist in dieser Karnevalssaison übrigens etwas knapper als sonst. Aus astronomischen Gründen ist die Session 2007/2008 ein bisschen kürzer als die vorherige und die Kölsch-Lernzeit entsprechend knapper.

Verantwortlich dafür ist der Frühjahrsvollmond, der im nächsten Jahr ziemlich zeitig am Himmel stehen wird - und den die Karnevalisten ausgerechnet zu ihrer Zeitbestimmung nutzen. Genauer: den Sonntag darauf, den Nicht-Karnevalisten schlicht Ostern nennen. Da aber 48 Tage vor dem Ostersonntag der Rosenmontag gefeiert wird, fällt der im kommenden Jahr auf den 4. Februar. Zum Vergleich: In diesem war es der 19. Februar. Die Zeit zum Kölsch lernen wird also knapp - allerdings nicht für alle Mitbürger.

Die Rheinhausener Karnevalsfreunde können die Gestirne zwar auch nicht verschieben, werden in ihrer Vorbereitung auf die zentrale Karnevalsfeier aber nicht so oft durch das Feiern abgehalten, wie alle anderen Jecken. Denn das "Festkomitee Rheinhauser Stadtkarneval" hat schlicht vergessen, dass heute der Karneval beginnt - und mit der Organisation der eigentlich für heute geplanten Auftaktveranstaltung unter freiem Himmel zu spät begonnen.

Nach zehn Jahren fröhlicher Narretei im Freien findet das beliebte "Hoppeditzerwachen" in der Rheinhausener Fußgängerzone deshalb aus. Zeit zum Kölsch lernen mit dem Kölsch-Übersetzer  ...

Karneval, für jeden

... oder einen Blick zu werfen auf eine andere Art des wahrhaftigen Karnevals . Denn hier sehen alle, denen Karneval völlig egal ist, und die ohne die heutige Auszeit keine fünf Minuten daran gedacht hätten, ihren Karneval. Oder zumindest das, was der bayerische Kabarettist Gerhard Polt daraus gemacht hat. Den beeindruckenden Auftritt einer bemerkenswerten Karnevalstruppe - und ihrem Publikum. Auf dieser YouTube-Seite  sehen Sie den Sketch in seiner ganzen Pracht.

Überhaupt bietet die Karnevalsvideo-Übersicht auf YouTube, auf die man ebenfalls von obiger Internetseite gelenkt wird, ein scheinbar nicht enden wollenden Überblick über die verschiedensten Aspekte des rheinischen Karnevals. Vom gefürchteten Sitzungskarneval bis hin zu wackeligen Handaufnahmen von Freizeitfilmern vor dem Kölner Dom.

Auch für Karnevalisten ein Muss, zumindest die im nichtrheinischen Exil. Und anschließend: "Die Hände zum Himmel …"

Zur vorigen Auszeit: Ein Kübel Übellauniges

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