Android Google inside

Kurz nach dem Start des Netzwerkprojekts OpenSocial gelingt Google ein weiterer Coup: Der Internetkonzern schart 33 der führenden Mobilfunkfirmen der Welt um sich, mit deren Hilfe er ein Handybetriebssystem aufbauen will. Erste Geräte mit dem Programm namens Android soll es bereits im kommenden Jahr geben.

Hamburg - Eric Schmidt hatte Bahnbrechendes zu verkünden. Der Konzern hat 33 Mobilfunkhersteller und Netzbetreiber aus aller Welt als Partner gewonnen, sagte der Chef des Internetkonzerns Google  - und bestätigte dann die Gerüchte, die seit Tagen die Netzgemeinde umtrieben: Der Konzern wird ein Handybetriebssystem veröffentlichen, das auf Geräten aller möglichen Hersteller laufen soll. Damit greift er Microsofts Konkurrenzprodukt Windows Mobile direkt an.

Googles Mobilfunkbündnis heißt "Open Handset Alliance", die zugehörige neue Software Android. Der Konzern und seine 33 Partner versprechen die ersten Telefone mit der Technik für die zweite Jahreshälfte 2008. Die für die Entwicklung von Android-Applikationen notwendige Entwicklersoftware wird allerdings schon im Laufe dieser Woche ausgeliefert.

Google-Chef Eric Schmidt in einer Telefonkonferenz am Montagabend: "Um das klarzustellen, dies ist nicht die Ankündigung eines GPhones" - eines Rivalen zu Apples iPhone. Schmidt selbst täte sich auch schwer mit einer Konkurrenzstellung zu Apple : Auch dort sitzt er im Aufsichtsrat. Wohl auch darum sein Bekenntnis: "Ich bin ein glücklicher iPhone-Nutzer."

Googles Ziel ist viel ambitionierter als das von Apple: "Es geht darum, auf Tausenden verschiedenen Handys präsent zu sein", sagt Schmidt.

Google revolutioniert die Handywelt

In der Tat revolutioniert Googles Superallianz die Handywelt: "Zu Android gehört ein sehr kräftiger Webbrowser, bei dem man keinen Unterschied mehr zwischen Web und Handy spürt. Alles, was auf einer Webseite läuft und gut aussieht, wird auch auf Android funktionieren." Das soll alle Webanwendungen einschließen: von Text über Kommunikation und Social Networking bis hin zu MP3 und Video. Schmidt: "Für Softwareentwickler hat das ganz erhebliche Implikationen."

Und nicht nur für die: Für Research in Motion , die mit den Blackberrys die bisher beste mobile E-Mail-Applikation anbieten, dürfte Android eine Bedrohung sein.

Für Netzbetreiber und Geräteentwickler hingegen erschließt sich eine neue Welt. Denn Android ist nicht nur eine offene Plattform, sondern tatsächlich Open Source. Schmidt: "Der Hauptunterschied zu anderen Handybetriebssystemen ist, dass sich jeder die Software nehmen und sie so verändern kann, wie er will." Prinzipiell bis hin zu einem eigenen, völlig geschlossenen System - so weit geht die Lizenz -, doch das hält Schmidt für "möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich". Denn warum sollte man den Vorteil einer großen offenen Plattform nicht für sich nutzen?

Microsoft und Apple fehlen

Allianz der Schwergewichte

In der Tat hat Google  schon einige Schwergewichte unter den Handyproduzenten in seiner Allianz versammelt: HTC zum Beispiel, bekannt für seine funktionsreichen Smartphones wie den iPhone-Konkurrenten HTC Touch. HTC-Telefone laufen heute unter Microsofts Windows Mobile 6 Professional. Das dürfte sich – zumindest auf einigen Modellen – bald ändern.

Zumal die Anforderungen nicht gerade hoch sind. Andy Rubin nannte als Bedingung für Android gerade einmal einen "200-Megahertz-Prozessor". Ansonsten sei alles ganz flexibel. Da das System "alle Formen von Bildschirmen" bediene, sei noch nicht einmal eine spezifische Gerätebauart nötig.

Weitere Handyhersteller in der Google-Allianz sind LG, Motorola , Samsung  und Qualcomm . HTC-Boss Peter Chou lobte in der Telefonkonferenz die Möglichkeiten der neuen Software, sprach davon, das "Geräteportfolio um eine neue Kategorie Mobiltelefone zu erweitern, die den Charakter der Mobilbranche verändern". Details zu exakten Funktionen der Software beschrieben die Sprecher allerdings nicht.

Microsoft und Apple fehlen

Dass auch Netzbetreiber wie NTT Docomo  oder T-Mobile mit an Bord sind, erklärt sich allein schon aus der Tatsache, dass Android mehr ist als nur ein gewöhnliches Betriebssystem, nämlich eines, dass den Nutzer ganz spezifisch zur Onlinenutzung animieren soll - darauf warten gerade die UMTS-Vermarkter seit Jahren. Und auch die Inhalteanbieter wittern neue Möglichkeiten, um endlich den noch siechen Werbemarkt aufzupäppeln.

Android macht auch hier ein Angebot. Schmidt: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir mit Anbietern Partnerschaften eingehen werden, bei denen wir uns die erwirtschafteten Werbeumsätze teilen werden" - wie seit Jahren äußerst erfolgreich im Web. Kein Wunder, dass auch reine Netzhändler wie Ebay  Teil der Allianz sind. Wie Paul Jacobs vom Handybauer Qualcomm kommentierte: "Die Verschmelzung von Mobil und Internet treibt neue Partnerschaften an."

Nicht dabei sind dagegen Microsoft  und Apple . Der Frage, ob auch sie angesprochen wurden, wich Google-Mobile-Chef Rubin aus: "Sehr viele wurden gefragt. Die Allianz ist eine offene Plattform. Sie wird offen bleiben für Unternehmen, die ihr beitreten wollen."

Googles Partner im Überblick

Googles Partner im Überblick

Was Android nun genau dem Mobilnutzer bringen wird, wollte keiner der Firmenchefs verraten. Klar ist: Das Linux-basierte Android soll das mobile Internet leichter zugänglich machen. Eine enorme Marktmacht dürften der Allianz die angeschlossenen Netzbetreiber geben: Außer T-Mobile, dem US-Anbieter Sprint-Nextel , Telecom Italia  und dem japanischen Konzern NTT Docomo  gehört auch China Mobile  zur Google-Allianz – der größte Mobilfunkanbieter der Welt mit knapp 350 Millionen Kunden.

In der Telefonkonferenz erklärt China-Mobile-Vertreter Bill Wang, man werde die Allianz gegenüber Handyherstellern offensiv anpreisen: "Wir glauben fest daran, dass eine offene Plattform die beste Möglichkeit bietet, unseren Kunden ein optimales Mobilfunkerlebnis zu bieten."

Auch Google-Mitbegründer Sergey Brin sieht da seine Mission. "Vor zehn Jahren", schwelgte Brin in Erinnerungen an andere Gründertage, "saß ich mit Studienkollegen zusammen, und wir entwickelten unglaubliche Dinge. Die Tools, die uns das möglich machten, waren alle Open Source."

Sein Geschäftsführer Schmidt beschloss die kollektive Fernfeier der frisch geschmiedeten Allianz mit einem Aufruf, der in die gleiche Richtung ging: "Android ist in erster Linie eine Entwicklerplattform. Sie sollten nun beginnen, all die Dinge, über die sie immer nur nachgedacht haben, jetzt umzusetzen." Um 2008 dabei zu sein, sagte Schmidt, "und den Erfolg zu teilen".

34 Freunde: Googles Partner in der Handy-Allianz

Firma Branche
Aplix  Software (Java-Umgebung für Handys)
Ascender Corporation  Software (Schriften für Mobilgeräte)
Audience  Hardware (Audio-Verarbeitung)
Broadcom  Chiphersteller (GPS, VoiP, W-Lan)
China Mobile  Netzbetreiber (China)
eBay  E-Commerce
Esmertec  Software (Java-Umgebung für Handys)
Google  Software
HTC  Hardware (Handys)
Intel  Chiphersteller
KDDI  Netzbetreiber (Japan)
Living Image 
LG  Hardware (Handys)
Marvell  Chipherstellung (Prozessoren)
Motorola  Hardware (Handys)
NMS Communications  Software/Hardware (Server-Systme für mobile Multimedia-Anwendungen, Software zur Verbesserung der Sprachqualität)
Noser  Software (Unternehmenssoftware wie Fleet- und Service Management)
NTT DoCoMo  Netzbetreiber (Japan)
Nuance  Software (Spracherkennung)
Nvidia  Chiphersteller (Grafik)
PacketVideo  Software für mobile Multimedia-Anwendungen
Qualcomm  Software/Hardware (Chipdesign)
Samsung  Hardware (Handys)
SiRF  Chipsätze (GPS)
SkyPop 
SONiVOX  Audiosoftware
Sprint Nextel  Netzbetreiber (USA)
Synaptics  Hardware (Touchpad)
TAT - The AstonishingTribe  Software
Telecom Italia  Netzbetreiber
Telefonica  Netzbetreiber (Spanien, Deutschland, Südamerika, Großbritannien)
Texas Instruments  Chiphersteller
T-Mobile   Netzbetreiber
Wind River  Software (Middleware)
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