IPTV Das Volk der Kandidaten

Die nächste Generation des Fernsehens verspricht Beteiligung. Mitmachen bei Quizsendungen etwa wird möglich. Dennoch kommt die schöne Fernsehwelt nicht so recht voran, denn die Anbieter scheuen die riesige neue Konkurrenz - und den womöglich schmalen Gewinn.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Deutschland ist ein Fernsehland. Nahezu in allen Haushalten der Republik steht mindestens einer der flimmernden Bildschirme und Millionen Menschen schauen täglich auf das, was ihnen da vorgesetzt wird. Noch, glauben Experten, und tippen, dass in einigen Jahren viele Tausend Bundesbürger ihr Fernsehprogramm selbst gestalten.

Das neue Mitmach-Fernsehen können Sender aufbauen, die auf Internettechnik setzen, das sogenannte IPTV. Dank des neuen Übertragungsstandards wird quasi eine Art zweite Leitung eingeschaltet, über die sich Zuschauer direkt in das Fernsehgeschehen einmischen und beispielsweise über die Fernbedienung bei Quizsendungen mitraten können.

Zudem bräuchten sich Fernsehzuschauer künftig auch nicht mehr nach den Sendeplänen der TV-Anstalten zu richten, wenn sie deren Programm sehen wollen. Bisher dagegen müssen sie zur rechten Zeit ihr Gerät einstellen, wenn sie etwa am Sonntagabend um viertel nach acht Uhr die neueste "Tatort"-Folge sehen wollen. Künftig kann es möglich sein, den Krimi auch früher oder später zu schauen, etwa weil man um kurz nach acht Uhr etwas anderes vorhat.

Die Bundesbürger selbst müssen für die schöne neue Fernsehwelt nicht mal gewaltig technisch aufrüsten: Das neue Fernsehen kommt entweder über das vorhandene Kabelfernsehnetz oder Satellit in das Wohnzimmer oder über schnelle Internetleitungen. Allerdings sind die digitalen Empfangsgeräte nach Expertenmeinung nicht gerade etwas für Technikmuffel, die Bedienung der sogenannten Set-Top-Boxen sei nicht ohne.

Was deshalb derzeit eher für Freude bei den technikbegeisterten Zuschauern sorgen dürfte, bringt die Manager mancher Firmen ins Schwitzen. Denn das Geschäft früher so unterschiedlicher Unternehmen wie Fernsehsender und Telefongesellschaften überlappt sich plötzlich - und die Konkurrenz für das eigene Unternehmen wird ungleich größer.

Telekomunternehmen beispielsweise haben auf einmal die Chance, Fernsehsendungen oder Videofilme direkt an ihre Kunden zu liefern - ohne, dass eine Fernsehstation mitmischt. Gleichzeitig aber "erweitern die Kabelnetzbetreiber ihr Portfolio durch Telefon- und Internetangebote und besetzen ihrerseits klassische Aktivitätsfelder der Telekommunikationsunternehmen", sagt Andreas Gentner von der Beratungs- und Prüfungsgesellschaft Deloitte.

IPTV nur in wenigen Städten erhältlich

IPTV nur in wenigen Städten erhältlich

Ganz nebenbei bietet sich auch Medienunternehmen wie etwa TV- oder Filmproduktionsgesellschaften ein neuer Kundenkreis: Ihre Sendungen, die sie bisher nur an die TV-Stationen verkaufen konnten, wollen künftig vielleicht auch Telefonfirmen haben. So träte ein dritter Partner ins Geschäft ein, der versuchen würde, Telefonfirmen und Fernsehsender gegeneinander auszuspielen.

Die schöne neue Fernsehwelt steckt in Deutschland allerdings noch in den Kinderschuhen. Der Telefonkonzern O2 beispielsweise hat seinen Einstieg ins Geschäft gerade erst verschoben. So bieten bisher nur Arcor sowie 1&1 zumindest ein eingeschränktes IPTV-Programm an. Hansenet ist mit seinem Alice Home TV zwar schon weiter, aber derzeit nur in einigen deutschen Städten erhältlich. Doch immerhin die Deutsche Telekom will bis Ende kommenden Jahres in 50 Großstädten der Republik ihr T-Home-Entertain-Programm über das neue superschnelle VDSL-Netz übertragen. Und genau das ist einer der Knackpunkte des neuen IPTV.

Ob Telefonfirma oder Fernsehanstalt, alle Anbieter des neuen Fernsehprogramms müssen ihren Kunden über ihre Leitungen einen schnellen Internetzugang bieten - sei es über das Telefonnetz oder das Kabelnetz. Sonst ist die Empfangsqualität zu schlecht und das Zusehen macht keinen Spaß. Deshalb sind schnelle Internetzugängen wie beispielsweise DSL die "zentrale Voraussetzung für die Verbreitung von kommerziellen IPTV-Diensten", sagt Deloitte-Experte Gentner. Doch nach Schätzung des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) werden im Jahr 2010 erst 60 Prozent aller deutschen Haushalte derart gut mit Internetverbindungen versorgt sein.

Zudem scheinen die Wachstumsaussichten des IPTV trotz der neuen Mitmachmöglichkeiten nach Expertenmeinung begrenzt. Je nach Prognosen wird es im Jahr 2010 zwischen 1,33 Millionen und drei Millionen IPTV-Zuschauer in Deutschland geben. Die jährlichen Umsätze könnten dann bei rund 420 Millionen Euro liegen, hat etwa die Beratungsfirma Goldmedia aus Berlin ermittelt.

Nicht eben viel, verglichen mit dem etablierten Fernsehgeschäft, das mehr als 35 Millionen Haushalte in Deutschland erreicht und in dem viele Milliarden Euro umgesetzt werden. Jahr für Jahr.

Teurer Spaß

Teurer Spaß

Die begrenzten Zukunftsaussichten des Fernsehens der neuen Generation dürften - neben allen technischen Schwierigkeiten - auch am Preis liegen. Alice home TV beispielsweise ist nach Deloitte-Angaben derzeit nur für etwa 60 Euro im Monat zu haben, die Telekom verlange für ihr IPTV-Angebot T-Home Entertain rund 70 Euro im Monat. Das aber werden sich nicht viele Leute hierzulande leisten wollen, solange es in Deutschland eine vergleichsweise große Auswahl an kostenfrei zu empfangenen Sendern gibt.

Fernsehen über den Internetstandard Internet Protocol (IP) hat nach Einschätzung der Wirtschaftsberatung Deloitte deshalb in Deutschland nur eine Chance, wenn es billiger wird. "Die derzeitige Preispolitik der Anbieter stellt keinen Wechselgrund zugunsten IPTV dar", sagt Deloitte-Experte Klaus Böhn.

Darüber hinaus werden manche Firmen mit ihren IPTV-Plänen auch noch vom Gesetzgeber ausgebremst. Die Telekommunikationsunternehmen beispielsweise unterlägen nicht nur dem Rundfunkrecht, sondern auch dem Telekommunikationsrecht, schimpft die Branchenlobby Bitkom - anders beispielsweise die Kabelnetzbetreiber. "Es gibt also eine doppelte Regulierung", sagt Bitkom-Präsidiumsmitglied Rudolf Gröger.

Er appellierte deshalb zuletzt an die Ministerpräsidenten der Länder und an die Bundesnetzagentur, auf geplante Vorschriften zur Verschlüsselungstechnik oder zur Bildqualität zu verzichten. Zumindest die Bitkom-Firmen hätten es also wohl ganz gern, wenn Deutschland auch künftig Fernsehland bleibt. Aber der neuen Generation.

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