Grüne IT Cisco und das schlechte Gewissen

Für Michael Ganser spielen neuerdings Umweltthemen eine ganz große Rolle. Als Deutschland-Chef von Cisco will er Unternehmen umweltgerechtere Technologien näherbringen. Ein langwieriges Geschäft, wie der Manager im Interview mit manager-magazin.de sagt, denn die öffentliche Diskussion über den Klimawandel geht an den Firmen weitgehend vorbei.

mm.de: Herr Ganser, Cisco  hat sich das Thema grüne IT auf die Fahnen geschrieben. Ist das nur Marketing?

Ganser: Nein, es ist ein nachhaltiges Konzept. Wir setzen uns sowohl für die Entwicklung als auch für die Nutzung energiesparender Technologien ein und wenden diese auch bei uns im Unternehmen an. Klimaschutz und IT müssen langfristig Hand in Hand gehen und können kein Hype sein. Wir werden auch in den kommenden Jahren intensiv an einem verantwortungsvollen Umgang mit unserer Umwelt und den zur Verfügung stehenden Ressourcen arbeiten müssen.

mm.de: Was ist unter grüner IT zu verstehen?

Ganser: Das sind unterschiedliche Aspekte. Zum einen können das stromsparende Infrastrukturen sein, zum anderen geht es um das verwendete Material in Produkten. Das heißt, dass bestimmte Stoffe nicht mehr verarbeitet werden, und dass Recycling möglich sein muss. Grüne IT ist aber auch der Einsatz von Technologien, die beispielsweise Geschäftsreisen und damit den CO2-Ausstoß reduzieren. Das können moderne Videokonferenzsysteme schaffen.

mm.de: Bestimmte Materialien nicht mehr zu verwenden, geht oft genug auf Verordnungen und Richtlinien der EU oder einzelner Länder zurück. Wie viel Freiwilligkeit herrscht bei Unternehmen, auf Öko-IT zu setzen?

Ganser: Um ökonomisch zu wirtschaften, steht für Unternehmen insbesondere die Kostenfrage im Vordergrund. Rohstoffe sind begrenzt und werden teurer und Energie wird ebenfalls immer teurer. Die Energiepreise gehen inzwischen durch die Decke, und darauf muss eine Antwort gefunden werden. Die gesellschaftliche Verantwortung spielt dabei weniger eine Rolle.

mm.de: Mit anderen Worten, die öffentliche Debatte über mehr Umweltbewusstsein geht an den Unternehmen vorbei.

Ganser: Das Bewusstsein für grüne IT und die Reduktion von Energieverbrauch ist nur vereinzelt vorhanden.

mm.de: Muss grüne IT immer mehr kosten als herkömmliche Produkte, oder wird sich das mal ändern, wenn ja, wann?

Ganser: "Produkte die energieeffizienter sind, müssen nicht unbedingt teurer sein. Moderne Produktlösungen vereinen heute die Funktionalitäten ehemals einzelner Komponenten in einem Gerät. Entsprechend spart man hier unter dem Strich sowohl bei der Anschaffung als auch beim Energieverbrauch."

mm.de: Müssen die Energiepreise noch mehr steigen, damit Unternehmen in der Breite auch reagieren?

Ganser: Je höher die Preise, desto stärker wächst natürlich der Druck, etwas zu unternehmen. Das gilt für kleine wie für große Firmen.

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mm.de: Wer hat heute ein Interesse an grüner IT?

Ganser: Es gibt heute schon Unternehmen, die sich bewusst für sparsame beziehungsweise umweltfreundlichere Technologien entscheiden. Ganz vorn dabei sind beispielsweise Rechenzentren, Breitbandanbieter und Serviceprovider. Bei diesen sind die Energiekosten der zweithöchste Kostenblock.

mm.de: Die Energiekosten dürften sich aber noch vervielfachen. Studien besagen, dass selbst mit grüner IT der Stromverbrauch von Rechenzentren in den USA bis zum Jahr 2010 um über 60 Prozent steigen wird. Rechenzentren werden schon als "SUV ohne Räder" bezeichnet oder mit der Flugbranche verglichen.

Ganser: Es wird davon ausgegangen, dass der Energiebedarf weiter steigt, einfach, weil die digitale Kommunikation immer weiter zunimmt und sich dieses letztendlich immer auf die Anforderungen an das Rechenzentrum niederschlägt. Unser Ziel kann es also nur sein, den Energiebedarf zu halten, eben mit stromsparenderen Geräten und Infrastruktur, aber auch mit einer besseren Auslastung der Server. Moderne virtuelle Speicherlösungen können beispielsweise für eine bis zu 70-prozentige Auslastung sorgen, gängig sind heute nur 30 Prozent.

mm.de: Wieso nicht 90 oder 100 Prozent Auslastung?

Ganser: Geräte werden selten zu 100 Prozent ausgelastet, um immer flexibel auf temporäre Geschäftsanforderungen reagieren zu können, zum Beispiel im Finanzbereich bei Börsengeschäften. Eine mehr als doppelt so hohe Auslastung ist aber auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung.

mm.de: Wo sehen Sie noch Sparpotenziale?

Ganser: Ein anderes Thema sind beispielsweise netzwerkgesteuerte Gebäudestrukturen. Mit intelligent gesteuerten Gebäuden lassen sich bis zu 20 Prozent Energie sparen. Die Allianz Arena in München ist beispielsweise mit einem System ausgestattet, dass die gesamte Klima- und Lichtsteuerung effizienter macht. Im Rasen sind zudem auch Sensoren eingelassen.

Darüber hinaus entwickeln wir mit Städten wie Seoul, Amsterdam, San Fransisco und Singapur Verkehrsmanagementsysteme, die ebenfalls umweltgerecht beziehungsweise kostensparend gestaltet werden sollen. Ein anderes Thema sind Videokonferenzen, mit denen sich die Reisekosten reduzieren lassen und gleichzeitig die Umwelt geschont wird.

mm.de: Videokonferenzen wurden nach den Anschlägen vom 11. September 2001 auch schon propagiert - damals aus Angst vor weiteren Terroranschlägen. Durchgesetzt haben sie sich nicht. Ist das Thema nicht ein wenig veraltet?

Ganser: Das stimmt, kurzfristig haben sich Videokonferenzen nicht durchgesetzt, aber wir haben jetzt eine Technikrevolution, die viel bessere Übertragungsmöglichkeiten beinhaltet. Das Bild und die Sprache ruckeln und stottern nicht mehr, die Gesprächspartner sind in Lebensgröße zu sehen. Man hat das Gefühl, dass alle Beteiligten in einem Raum wären.

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mm.de: Cisco hat ein eigenes Videokonferenzsystem im Portfolio, darüber hinaus haben Sie Anfang dieses Jahres die Firma Web-Ex für 3,2 Milliarden Dollar gekauft, die ebenfalls Funktionen für Videokonferenzsysteme bietet. Kein Wunder, dass sie sich nun für diese Technik einsetzen. Wie halten Sie es in der eigenen Firma, reisen Sie tatsächlich weniger?

Ganser: Unsere Reisekosten haben wir vor allem durch den Einsatz von Videokonferenzen reduziert. Wir wollen dadurch die Reisekosten um 20 Prozent senken. Das vermindert natürlich auch den CO2-Ausstoß bei Geschäftsreisen.

mm.de: Wie grün ist Cisco ansonsten?

Ganser: Alle neuen Produkte werden von uns unter dem grünen Gedanken entwickelt. Natürlich wollen wir Vorreiter sein, denn nichts ist unglaubwürdiger, als wenn man etwas verkauft, zu dem man selbst nicht steht. Es geht aber nicht nur um einzelne Produkte, sondern um die gesamte Netzwerkinfrastruktur. Das Netzwerk ist die Plattform, die zu mehr Energieeffizienz beiträgt.

mm.de: Wie lange wird es Ihrer Meinung noch dauern, bis sich grüne IT in Unternehmen flächendeckend durchgesetzt hat?

Ganser: Das wird ein längerfristiger Prozess sein, denn erst wenn die alten IT-Infrastrukturen abgeschrieben sind beziehungsweise erneuert werden müssen, überlegen sich Unternehmen, was sie sich anschaffen. Und dann spielt grüne IT unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt natürlich eine Rolle. Ich erwarte, dass das Interesse in den nächsten zehn bis zwölf Monaten deutlich steigt.

mm.de: Gilt diese Beobachtung auch für die normalen Verbraucher?

Ganser: Im Prinzip ja, denn tatsächlich ist das Thema Umwelt speziell im Bereich IT bei den Konsumenten bisher nicht angekommen. Auch hier regiert vorrangig der Preis. Dennoch stehen wir vor einer spannenden Entwicklung, da wir auch im privaten Bereich vor einer Konsolidierung der Heim-IT stehen. In der nächsten Zeit wird sich entscheiden, welche Architektur und welche Endgeräte benötigt werden.

Fotostrecke: Cisco und das Stromsparen

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