Verlage Googles bad News

Mit der Ankündigung, künftig auch Nachrichtenagenturen in sein Newsangebot einzubinden, wirbelte der Internetkonzern Google vergangene Woche die Medienbranche durcheinander. Was bedeutet der Strategiewechsel für die etablierten Verlage und ihre Internetangebote?

Hamburg – Seit Langem ist Google News einigen Verlagen ein Dorn im Auge. Die Medienkonzerne sehen ihre eigenen Internetauftritte bedroht, wenn sich die Nutzer statt auf ihren Seiten bei dem Nachrichtenangebot des US-Konzerns über die neuesten Nachrichten informieren.

Dabei war das Angebot von Google News bisher recht harmlos: Die Suchmaschine stellt automatisch eine Liste von Nachrichten aus aller Welt zusammen, die alle 15 Minuten aktualisiert wird. Getreu dem vom Konzern ausgerufenen Motto "Wir wollen den Nutzer so schnell wie möglich wieder von der Seite bekommen", soll der Besucher Google News anklicken, die gewünschte Information finden, und sich von dort aus auf andere Webseiten weiterführen lassen, beispielsweise auf die von den Verlagen. Deren Befürchtung war jedoch bisher, dass den Nutzern der Überblick auf der Google-Seite bereits ausreiche und sie die Links gar nicht erst anklickten.

Doppelungen fliegen raus

Nun weitet Google zum Entsetzen einiger Verleger sein Engagement im Nachrichtenbereich aus. Ende vergangener Woche gab das Unternehmen bekannt, seine Meldungen künftig direkt von vier Nachrichtenagenturen zu beziehen. Nutzer, die auf die entsprechenden Schlagzeilen klicken, verbleiben damit auf den Seiten von Google. Betroffen von der Änderung ist neben der US-Seite auch die deutsche Google-News-Version.

Darüber hinaus plant der Internetkonzern, doppelte Meldungen zu vermeiden. Bisher erscheinen nach Eingabe eines Suchbegriffs Hunderte von kaum veränderten Agenturmeldungen, die zu verschiedenen Internetseiten führen. "Textgleiche Meldungen werden in Zukunft nicht mehr angezeigt", sagt Google-Sprecher Stefan Keuchel gegenüber manager-magazin.de. Dadurch wolle man die Redaktionen ermutigen, selbst zu recherchieren und zu kommentieren.

Die Auswahl der Nachrichten erfolge allerdings nicht durch Mitarbeiter, sondern per Computer. "Es gibt keine Redaktion", betont Keuchel. Der Prozess funktioniere über Algorithmen. Mit seinem Filter zeigt Google nun aber nur noch den Artikel an, der am schnellsten zu dieser Nachricht veröffentlicht wurde – in den meisten Fällen also die Agenturmeldung. Damit verlieren die Verlage eine wichtige Möglichkeit, neue Leser zu ihren Angeboten zu locken.

Folgen für die Verlage

Folgen für die Verlage

Für die Medienunternehmen könnte Googles Strategieänderung somit negative Auswirkungen haben. Derzeit liegt der Anteil an Nutzern, die den großen Nachrichtenseiten zugeführt werden, einer Schätzung der Universität Münster zufolge zwischen 10 und 30 Prozent. Fällt dieser Anteil weg, kann das zu erheblichen Umsatzeinbußen führen. Denn die Verlage verdienen ihr Geld mit Werbung, die umso teurer wird, je mehr Nutzer auf einer Seite vorbeischauen – und umgekehrt.

Verstärkt wird der negative Effekt auf die Verlagshäuser dadurch, dass Google auf lange Sicht auch Werbung in sein Newsangebot einbauen will. Ein Sprecher der Google-Nachrichtensparte sagte, langfristig sollten die Meldungen von Werbung begleitet werden. Bisher verzichtet der Konzern auf seiner Übersichtsseite aus Angst vor Klagen darauf - schließlich würde das Unternehmen Geld mit den Inhalten anderer Seiten verdienen. Wenn die Nachrichten jetzt aber auf Google-eigenen Seiten angezeigt werden, können dort natürlich auch Werbebanner geschaltet werden.

Wenn die Werbekunden zu Google abwandern, wird es für die Verlage schwieriger, ihre Internetangebote zu finanzieren. "Google muss sich darauf vorbereiten, dass die Unternehmen sich in diesem Fall auch vermehrt gegen die Verwendung ihrer Schlagzeilen wehren werden", glaubt Medienexperte Christoph Neuberger von der Universität Münster. Schließlich werde der Internetkonzern damit zu einem neuen Konkurrenten.

Mauer des Schweigens

Bislang halten sich die Medienhäuser mit Kritik an dem neuen Angebot von Google News allerdings noch zurück. Kaum ein etablierter Konzern antwortete auf entsprechende Nachfragen, lediglich aus dem Kölner Haus DuMont Schauberg hieß es aus der Geschäftsführung: "Wir werden unsere Einstellung gegenüber Google News noch einmal überdenken und mit anderen Verlagshäusern abstimmen."

Der Verlag galt bisher als entschiedener Gegner von Google News. Erst vor Kurzem hatte einer der geschäftsführenden Gesellschafter, Christian DuMont Schütte, in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gesagt: "Bei uns bröckeln Auflage wie Anzeigen, und Google schöpft mit unserer Hilfe den Werbemarkt ab. Das ist pervers."

Schlupfloch für kleine Redaktionen

Schlupfloch für kleine Redaktionen

Selbst der Verband der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) gibt sich ungewohnt zurückhaltend. "Da wir uns noch keine abschließende Meinung zu dem Thema gebildet haben, wollen wir uns derzeit nicht dazu äußern", sagt ein Sprecher auf Anfrage. Dabei war der BDZV in der Vergangenheit nicht zimperlich, wenn es um Google News ging: Nachdem ein Richterspruch der Website im Februar dieses Jahres die Verbreitung von Artikeln zahlreicher belgischer Tageszeitungen untersagte, kritisierte eine BDZV-Sprecherin: "Ein Problem entsteht, wenn das Informationsbedürfnis schon mit Google News befriedigt wird."

Warum sich allerdings das Gros der Verlage nicht zu einer Aussage zu den sogenannten "Hosted News" von Google hinreißen lassen möchte, bleibt fraglich. Möglich ist, dass sie von dem Thema überrascht wurden und fieberhaft an einer Abwehrstrategie arbeiten. Denn: Die Kooperation mit den Agenturen deutet wie die neue Kommentarfunktion bei Google News, mit der das Unternehmen in den USA experimentiert, auf eine veränderte Strategie des Konzerns. "Sollte Google tatsächlich eine eigene Redaktion aufbauen, könnte das für die Verlagshäuser gravierende Folgen haben", so Medienexperte Neuberger.

Bis dahin verbleibt zumindest ein Schlupfloch für personell schwach besetzte Redaktionen, die Googles Forderung nach mehr Eigenleistung nicht nachkommen können: Sobald auch nur ein Wort im Text geändert wird, erscheint die Meldung dem System nicht mehr textgleich und wird bei Google News angezeigt.

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