Handys Verwirrende Funktionsvielfalt

Der technische Fortschritt ermöglicht es den Herstellern, immer mehr Funktionen auf dem Handy zu vereinen. Das hat allerdings zur Folge, dass kaum jemand sein eigenes Mobiltelefon noch versteht.

Magdeburg/Hamburg - Sie machen Fotos, spielen Musik, empfangen Fernsehbilder, ersetzen den Kalender und navigieren durch die Weltgeschichte. Moderne Mobiltelefone erschlagen ihren Besitzer geradezu mit Funktionen. Über diese "Featuritis" hat so mancher Hersteller vergessen, dass viele Menschen einfach nur mit ihrem Handy telefonieren wollen.

Künftig sollen neue Bedienkonzepte der Funktionsvielfalt den Schrecken nehmen. Gleichzeitig werden aber auch mehr im Funktionsumfang reduzierte Handys auf den Markt kommen.

"Im Schnitt werden nur 30 Prozent der Funktionen eines Mobiltelefons genutzt", sagt Matthias Schroeder, der in seiner Magdeburger Agentur Schroeder & Wendt benutzerfreundliche Oberflächen für die Mensch-Maschine-Schnittstelle entwickelt. Dazu gehörten vor allem das Telefonieren und das Schreiben von Textnachrichten. Indes kennen laut Schroeder 70 Prozent aller Nutzer nicht alle Funktionen ihres Handys.

Blinkende Handys, leuchtende Augen

Kinder und Jugendliche spielen sich am Handy beinahe die Finger wund. Sie bestücken den Organizer virtuos mit Daten und bekommen leuchtende Augen, wenn das Gerät beim Anruf bunt blinkt. Und während sie die Ohren spitzen, wenn MP3-Titel aus Mini-Lautsprechern scheppern, wollen ältere Menschen und Einsteiger zunächst nur unfallfrei telefonieren. Allerdings mache fast jeder Nutzer eine Veränderung mit, so Schroeder. "Wenn man sich erst einmal ans Telefonieren gewöhnt hat, will man auch eine SMS schreiben."

Wann der Lernprozess aufhört und die Angst vor den vielen Funktionen einsetzt, lässt sich nicht pauschal sagen. "Den typischen Mobilfunknutzer gibt es genau so wenig wie das ultimative Handy für alle", sagt Schroeder. Doch bei drei Milliarden Mobiltelefonierern weltweit sei die Modell- und Funktionsvielfalt eben beinahe so bunt, schillernd und wenig einheitlich wie die Weltbevölkerung selbst.

So hat beispielsweise Nokia  eine Golftrainer-Funktion in sein N93 eingebaut. Über die Kamera lassen sich die Bewegungsabläufe beim Abschlag aufnehmen und analysieren. "Für Golfspieler ist das die absolute Killerapplikation, für andere nutzlos", sagt Tim Bosenick, Geschäftsführer der Usability-Beratung SirValUse.

Eine der Funktionen, bei der Marketing und Realität noch weit auseinanderklaffen, ist die Videotelefonie. "Das hört sich schon toll an, wird aber höchst selten genutzt", sagt Bosenick. Gleiches gelte für die sogenannte Push-to-Talk-Funktion, mit der ein Handy wie ein Walkie-Talkie genutzt werden kann.

Geringe Benutzerfreundlichkeit

Geringe Benutzerfreundlichkeit

Viele Funktionen in einem Gerät gehen oft auf Kosten der Benutzerfreundlichkeit. "Manche Handys ähneln immer stärker Computern und stürzen ab", sagt Bosenick. Betriebssysteme und Menüs seien in der Bedienung oft in sich nicht schlüssig.

Abhilfe könnten hier zukünftig die von PDAs bekannten Touchscreens schaffen. Mit ihnen können Handys ohne Tasten und ihre manchmal verwirrenden wechselnden Belegungen auskommen. Stattdessen wird mit der Fingerspitze intuitiv über das Display gesteuert. "Wir werden bei vielen Herstellern ähnliche Bedienkonzepte sehen", sagt Bosenick.

Denn Nutzer, die die Funktionsvielfalt ihres Handys nicht beherrschen, entwickeln einer Studie des internationalen Marketingexperten-Forums CMO Council zufolge eine "Function Fatigue", eine regelrechte Funktionsmüdigkeit. Dass die Feature-Flut abnehmen wird, ist aber eher unwahrscheinlich. "Ich glaube, dass der Markt differenziert bleibt", sagt Bosenick. Es werde immer Power-User geben und Leute, die einfach nur telefonieren wollen. Deshalb gehe in der Entwicklung ein Trend hin zu immer allmächtigeren Profigeräten und ein zweiter Trend hin zu immer einfacheren Handys.

Handy vor dem Kauf prüfen

Dass simple Mobiltelefone mit gutem Bedienkonzept nicht nur Senioren ansprechen, davon ist Experte Schroeder überzeugt: "Ein reines Seniorenhandy ist Marketing-Harakiri." Jeder Nutzer habe Interesse an einer einfachen Bedienung. Und wie jede andere Altersgruppe seien auch Senioren stark an gutem Design interessiert. "Das Handy ist nicht nur Kommunikationsinstrument, sondern auch wichtiges Statussymbol und Accessoire", erklärt Schroeder.

Von der Möglichkeit, bei Touchscreen-Handys von vorneherein viele Funktionen zu integrieren, die aber nur je nach Wunsch und Erfahrung des Käufers in das Menü aufgenommen werden, hält Schröder nicht viel. "Das erhöht die Kosten." Für Einsteigerhandys gebe es eine preisliche Schallgrenze von rund 50 Euro.

Tim Bosenick rät, das Wunschhandy vor dem Kauf genau zu prüfen. "Beim Verkäufer vertraut man darauf, dass alles ganz einfach ist." Zu Hause beginne dann oft das Haareraufen. "In der Ladensituation ausprobieren ist ganz wichtig. Man muss sich selbst Aufgaben wie das SMS-Schreiben stellen und ausprobieren."

Dirk Averesch, dpa