Electronic Programm Guide Suchmaschine fürs Fernsehen

Hunderte von Sendern buhlen im Internet-TV um die Gunst der Zuschauer. Um dabei nicht den Überblick zu verlieren, sollen digitale Programmführer - die sogenannten Electronic Programm Guides - einen Weg durch den Fernsehdschungel weisen.
Von Helmut Merschmann und Stefan Schultz

Hamburg - Als die Fernsehwelt noch überschaubar war, zappte sich der durchschnittliche TV-Zuschauer gedankenverloren durchs Vorabendprogramm. Rund 30 Programme hatte man mit dem Daumen auf der Fernbedienung zu bewältigen. Bei einer durchschnittlichen Verweildauer von einer Minute pro Kanal verging im Schnitt eine halbe Stunde, bevor man sich für ein Programm entschieden hatte - oder mit dem Gezappe wieder von vorne anfing.

Mit dem Digitalfernsehen wurde das anders: Per Satellit (DVB-S), Antenne (DVB-T), Digitalkabel (DVB-C) oder Internet (IPTV) gelangen mehr als hundert Kanäle in die deutschen Wohnzimmer. Als Zuschauer verliert man da leicht den Überblick. Zumindest wenn man keinen Electronic Program Guide (EPG), also eine elektronische Programmzeitschrift, hat.

Während es die für das herkömmliche Fernsehen längst gibt, sind sie für Web-TV noch Mangelware. Doch Anbieter wie Maxdome, die Deutsche Telekom  oder Arcor wappnen sich mit speziellen Online-EPGs, die sie ihren IPTV-Empfängern einpflanzen, für den Anbruch des Online-TV-Zeitalters.

145 Kanäle in der Übersicht

Arcor beispielsweise wird sein IPTV-Angebot "Arcor-Digital TV" in diesem Herbst mit einer eigenen Settop-Box auf den heimischen Fernseher bringen. Anfangs werden die Kunden laut Andreas Gerhardt, Abteilungsleiter IPTV bei Arcor, 110 Kanäle empfangen können. Rund 50 davon werden in der Grundgebühr enthalten sein, für den Rest werden zusätzlichen Zahlungen fällig (Pay-TV).

Arcors TV-Navigator genannter Online-EPG erinnert auf den ersten Blick an herkömmliche EPGs, wie man sie etwa von Festplattenrekordern kennt. Per Klick auf der Fernbedienung werden Inhaltsbeschreibungen und Bilder sowie technische Informationen der jeweiligen Sendung angezeigt. Bisweilen werden sogar kurze Filmtrailer eingespeist.

Wissenswertes über IPTV

Bindung an die Hardware

Bindung an die Hardware

Das Telekom-Angebot "T-Home Entertain" hingegen umfasst 70 Free-TV-Sender sowie 30 kostenpflichtige Kanäle. Außerdem können paketweise der Bezahlsender Premiere , die Bundesliga sowie internationale Senderpakete in Fremdsprachen gebucht werden. Hinzu kommt ein direkter Zugang zum Video-on-Demand-Angebot der Telekom sowie die Funktion, einzelne Sendungen aufnehmen zu können.

Sowohl die Telekom als auch Arcor koppeln ihre Online-EPGs untrennbar an eigene Settop-Boxen. Die der Telekom heißt T-Home X 300t und wird mit einer 80-Gigabyte-Festplatte ausgeliefert. Arcors IPTV-Box kommt im Herbst ohne Festplatte auf den Markt. Eine Version mit 80-Gigabyte-Festspeicher ist erst für Anfang 2008 geplant.

Wer sich im IPTV-Angebot der Zukunft komfortabel zurechtfinden will, kommt also vorerst nicht darum herum, sich eine weitere Technikkiste ins Wohnzimmer zu stellen. Die Unternehmen begründen diesen Zwangskauf mit technischen Restriktionen: Der elektronische Programmführer wird auf Providerseite in einem nur für die jeweilige Box geeigneten Format aufbereitet. Zur Darstellung dient in der Box, die selbst ein kleiner Computer ist, ein Browser.

"Browser sowie Hard- und Software der Settop-Box sind limitierende Faktoren für die Darstellung des EPGs beim Kunden", sagt Arcor-Manager Gerhardt. "Im IPTV-Netz können derzeit nur Settop-Boxen zum Einsatz kommen, die mit der jeweiligen IPTV-Plattform korrespondieren. Die Box von Arcor funktioniert auch nur mit dem Arcor-Digital-TV-Angebot und nicht mit dem Angebot zum Beispiel von Alice-Home."

Fernsehplätze sind längs vergegben

Ähnlich wie bei Google  ist auch bei Online-EPGs das Ranking der Inhalte innerhalb der angezeigten Suchergebnisse für Contentanbieter höchst relevant. Die Sender auf den vorderen EPG-Plätzen werden deutlich häufiger angeschaut als Kanäle auf den hinteren Rängen.

In der digitalen Fernsehwelt sind die Premiumplätze längst verteilt: ARD und ZDF befinden sich auf Rang eins und zwei, gefolgt von den großen Privatsendern. In den Online-EPGs rangieren die Dritten nicht mehr auf Platz drei wie auf vielen heimischen Fernbedienungen - weil das die Marktanteile nicht hergeben. Aus den Landesmedienanstalten wird daher immer wieder Kritik an der Platzierung von Regionalsendern laut.

Regionalsender lassen sich oft nur über spezielle Menüs direkt erreichen. Oder der Zuschauer richtet sich via Favoritenfunktion eine individuelle Senderabfolge ein. Wer schnell zu seinen Lieblingssendern gelangen will, scrollt ohnehin nicht erst im Online-EPG herum, sondern merkt sich einfach den Programmplatz.

Zeitversetzt online fernsehen

Zeitversetzt online fernsehen

Zum Standard eines guten Online-EPGs gehört eine Funktion für zeitversetztes Fernsehen. Bei T-Home Entertain wird diese Timeshift-Funktion von der Hardware umgesetzt. Ähnlich wie bei einer gewöhnlichen TV-Aufnahme können Sendungen beliebig unterbrochen fortgesetzt werden. Die Festplatte dient dabei als Zwischenspeicher.

Bei Arcor hingegen wird die Timeshift-Funktion online realisiert: Sendungen, die bereits begonnen haben, können virtuell zurückgespult werden - zumindest solange die Ausstrahlung noch läuft. Technisch funktioniert das folgendermaßen: Ein sogenannter Captureserver schneidet alle Programme zentral mit; nimmt ein Zuschauer die Timeshift-Funktion in Anspruch, wird die gewünschte Sendung zeitversetzt vom Captureserver an die Settop-Box des Kunden übermittelt.

Diese Funktion stehe allerdings nur für die Sender und Formate zur Verfügung, bei denen Arcor das entsprechende Nutzungsrecht von den Sendern eingeräumt wurde, so Gerhard. Finanziert werde sie über Pay-per-View-Zahlungen: Pro Sendung, die zeitversetzt angesehen wird, sollen ein paar Cent Gebühr anfallen.

Sollte sich dieses Konzept durchsetzen, wird die Zahl der Captureserver wohl schnell wachsen müssen. Um die gigantischen Datenmengen zu bewältigen, die anfallen, wenn man 500 Sender mitschneidet und zahllose Kundenanfragen gleichzeitig bedient, werden sich die Anbieter deutschlandweite Servernetze aufzubauen müssen.

IPTV mit eingebautem YouTube

Ein Experimentierfeld, das noch am Anfang steht, ist die Einbindung von Community-Funktionen in den Online-EPG. "IPTV wird seine entscheidenden Stärken durch die Verknüpfung von Programminhalten und interaktiven IP-Anwendungen entfalten", glaubt T-Com-Sprecherin Stefanie Halle. Von eingeblendeten Einschaltquotencharts, TV-Tipps anderer Zuschauer, Abstimmungen oder Zuschauervideos sei vieles denkbar.

Auch Arcor hat mit seinem Online-EPG auf diesem Gebiet eine Menge vor. "Voraussichtlich wird eine der nächsten Ausbaustufen des elektronischen Programmführers in Richtung individuelle Programm-Tipps gehen", sagt Gerhardt. Auch werde es zukünftig vermutlich "lernende EPGs" geben, die aus dem Nutzungsverhalten des Kunden Rückschlüsse ziehen und selbständig Tagesempfehlungen aussprechen. "Diese Konzepte befinden sich aber noch im Anfangsstadium", so Gerhard.