Surround-Sound Ende des Boxenchaos

Für das optimale Klangerlebnis sind zwar Lautsprecher nötig - aber nicht in jeder Ecke des Wohnzimmers. Die modernsten Systeme passen sich an die Gegebenheiten im Raum an und täuschen den Hörer mit Klangbildern in Kinodimension. Auf der IFA werden sie vorgestellt.
Von Gregor Wildermann

Hamburg - Im Logo der Internationalen Funkausstellung (IFA) schießen dem stilisierten Kopf Pfeile in Augen und Ohren. Dabei war in den letzten Jahren auf der Berliner Messe in punkto Innovation vor allem der sehende Mensch gefragt. Nach der Markteinführung der Full-HD-Fernseher ist aber optisch kaum noch ein Quantensprung zu machen.

Da wundert es nicht, dass unser Knorpelanhängsel namens Ohr wieder mehr in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Wenn Daniel Craig als James Bond von links nach rechts auf einem Kranausleger tänzelt oder Bruce Willis als John McLane von einer rasend schnellen Rakete gejagt wird, soll dies nun auch ohne Surroundboxen-Wald zu Hause hörbar sein.

Denn dieses Jahr gibt es auf der IFA diverse Neuvorstellungen, bei denen die Hersteller versuchen, mit möglichst wenig Hardware für das "Home Theatre" ein Klangerlebnis zu erschaffen, das bisher nur von aufwendigen und teilweise extrem hässlichen 5.1- oder 7.1-Surround-Systemen bewältigt werden konnte. Das Zauberwort für den leicht gefälschten Raumklang in Großkinodimension heißt Klangprojektion.

Mittels dieser passt der Lautsprecher die Klangausrichtung an die räumlichen Gegebenheiten an, sendet Klänge in verschiedene Richtungen aus, diese werden von umliegenden Wänden reflektiert und erreichen den Zuhörer so von überall her aus der Tiefe des Raums. Wie beim Billard werden Klänge über die Bande gespielt - auf der IFA gleich von mehreren Anbietern.

Das deutsche Unternehmen Loewe  präsentiert mit dem "Individual Sound Projector" ein System, das mit verschiedenen gewinkelten Kleinstboxen auf einer kompakten Leiste arbeitet. Die Grundidee ist clever und genial zugleich, denn abgesehen vom gesparten Platz nutzt das System konsequent die Faulheit potentieller Käufer aus: Durch eine automatisierte Raumeinmessung stellt sich der Lautsprecher auf den individuellen Sitzpunkt des Homo Sapiens ein.

Das System soll für Räume mit bis zu 60 Quadratmetern vergleichbaren Raumklang bieten und kalkuliert dabei auch herumstehende Möbel und sonstige Hindernisse ein. Zusätzlich können zwei vorprogrammierte Klangfelder, sieben Cinema-Programme sowie zwei Modi für Klangstimmungen abgespeichert werden. Beim System der Kronacher Firma wird allerdings auch der Geldbeutel des Käufers fast so geschröpft, als kaufe er eine größere Surroundanlage: Mit 1400 Euro ist die platzsparende Leiste sicherlich keine Spontananschaffung.

Rundumklang ab 800 Euro

Rundumklang ab 800 Euro

Eine grundsätzlich neue Erfindung ist der "Sound Projector" übrigens nicht. Bahnbrechende Technologien auf diesem Gebiet waren das "Acoustic Wave Music"-System von Bose sowie Bang & Olufsens Kompakt-Audiosystem "Beosound 1"; beide lieferten allerdings nur Stereosound. Vor drei Jahren stellte Yamaha dann auf der IFA ein erstes, gut 80 Zentimeter breites Surroundsystem vor und verkauft seitdem die YPS-Modellreihe zu Preisen ab 800 Euro.

Zwischen Loewe  und der japanischen Firma Yamaha gibt es einen Kooperationsvertrag, bei dem das Grundkonzept des Gerätes von Loewe entliehen wurde. "Neben der gestalterischen Anpassung haben wir allerdings das System auf unsere Fernbedienungen und die Möglichkeit der drehbaren Fernseher angepasst", sagte Roland Raithel, Pressesprecher von Loewe. "Die individuelle Einmessung war als Weiterentwicklung sehr wichtig, da nur so ein funktionierendes Surrounderlebnis gewährleistet wird."

Auf der aktuellen Funkausstellung wird Yamaha den neuesten Sound Projector unter dem Namen YPS-4000 vorstellen. In diesen sind 42 statt wie bisher 23 Minilautsprecher eingebaut, wodurch das Gerät Klänge auch über die Decke zum Hörer spiegeln kann. Dazu verfügt das Gerät beim bisherigen Listenpreis von rund 1800 US-Dollar noch über zwei HDMI-Schnittstellen und HD-Upscaling für bessere Bildqualität.

Philips  denkt mit seiner "Soundbar Ambisound" unter dem Typennamen HTS8100 den Kompaktgedanken noch weiter und baute in seine 1200 Euro teure Audio-Leiste gleich CD- und DVD-Player mit ein. Ähnlich wie bei Loewe ist hier auch die Anbindung an die Systeme der sonstigen Produktfamilie - zum Beispiel HD-Fernseher - gewährleistet, während andere Anbieter ähnliche Produkte nur als Zusatzartikel verkaufen können.

Alle genannten Systeme können auf der Berliner Messe in speziellen Demoräumen angehört werden. Generell sollte man einkalkulieren, dass die einteiligen Surroundboxen ohne einen entsprechend wuchtig ausfallenden Zusatz-Subwoofer nur bedingt pompöses Hollywoodflair in die Wohnung zaubern.

Bewohner verschachtelter Dachgiebelwohnungen sollten im Allgemeinen über einen anderen Lösungsansatz nachdenken. Abseits der Klangprojektion gibt es nämlich noch weitere Methoden, das Gehör stilvoll auszutricksen - Laufzeitenunterschiede von Geräuschen ausnutzen zum Beispiel. Dies tut der rund tausend Euro teure "X-Space DHT-F3" von Denon, der zusammen mit einem 40-Watt-Subwoofer ausgeliefert wird. Die sechs Breitwandtöner versetzen auf dem Softwareweg einzelne Geräuschquellen - und so entsteht über den 85 Zentimeter breiten Balken ein differenziertes Klangbild.

Akustische Täuschunsmanöver

Akustische Täuschunsmanöver

Wer sich auf einen anderen bekannten Klangexperten verlassen will, kann auch bei dem in Osnabrück beheimateten Unternehmen Marantz vorstellig werden. Dessen Balkensystem ES7001 versteckt sein klangliches Täuschungsmanöver hinter der Abkürzung "OPSODIS" (OPtimal SOurce DIStribution) und soll ab November für rund 1100 Euro erhältlich sein. Besonderheit: Das System besitzt zwei HDMI-Eingänge, HD-Fernseher und eine weitere Soundquelle können so parallel eingespeist werden.

Als den wohl markantesten Surroundeffekt empfinden viele Zuhörer Geräusche, die von hinten zu kommen scheinen. Fans dieser akustischen Täuschung sollten sich mit der Aufstellungsweise eines Systems der Firma Quadral vertraut machen: Für rund 1000 Euro bekommt man zwei silberfarbene Boxendreiecke, die jeweils genau unter dem Fernseher und hinter der eigenen Sitzposition aufgestellt werden. Jede Box besitzt drei Membranen, die nach allen Seiten Klangwellen abstrahlen. Dadurch lässt sich in überraschend simpler Weise ein umfassendes Surrounderlebnis zaubern.

Wer dem virtuellen Surroundsound nicht traut, kann rein numerisch gesehen den bisherigen Systemen mit fünf Boxen treu bleiben, auf der IFA aber trotzdem innovative Ansätze zur Klangverteilung finden: Dem ab Oktober erhältlichen Lautsprecher-System "LX01" von Pioneer  sieht man seine ungewöhnlichen Klangambitionen auch optisch an. Neben dem Subwoofer mit der Ästhetik einer Bundeslade fallen vor allem die vier abgeflachten Pyramidenboxen auf. Deren genaue Ausrichtung soll einen nahezu perfekten dreidimensionalen Klang ermöglichen. Direkter und reflektierter Schall werden bei diesem System gemischt - was vielleicht der cleverste Ansatz beim Thema Raumklang ist.

Wer sich bislang vor allem an übergroßen Boxen störte, kann ab September für etwa 800 Euro das neue AV-System "DAV-IS10" von Sony als Alternative erwägen. Während der aktive Subwoofer im etwas langweiligen Kastendesign gewohnt wuchtig ausfällt, haben die anderen fünf Lautsprecher gerade mal die Größe einer Schlumpffigur und lassen sich über mitgelieferte Klammern unauffällig an der Wand drapieren.

Nur verlegen sollte man sie besser nicht. Dann gäbe es nur wieder Rätselraten, aus welcher Richtung James Bond und John McLane angelaufen kommen.

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