Ex-Sat.1-Senderchef Explosiver Irrtum

Ein kleiner Nebensatz in dem Buch "Die TV-Falle" des ehemaligen Sat.1-Senderchefs Roger Schawinski sorgt für Aufsehen in der Medienbranche. Der Bemerkung zufolge müsste die Geschichte der Kirch-Pleite neu geschrieben werden. Doch Schawinski hat da offenbar etwas verwechselt.

Hamburg – Roger Schawinski spart in seiner Abhandlung "Die TV-Falle" nicht mit Worten. Genüsslich zieht der Ex-Sat.1-Chef über die großen Stars des Senders her, ausführlich berichtet er über den vermeintlichen Qualitätsverlust des Fernsehens im Allgemeinen. Um endgültig Schluss zu machen mit Leo Kirchs Theorie zum Zusammenbruch seines Medienimperiums, braucht Schawinski allerdings nur wenige Sätze - so scheint es jedenfalls.

In dem Kapitel, in dem es eigentlich um seinen Aufstieg zum Senderchef geht, berichtet Schawinski von einem Treffen mit Kirch im Dezember 2001. Kirch sei mitten in einem launigen Gespräch zu einem Telefonat gerufen worden, heißt es da. "Er müsse nur kurz mit einem Herrn Müller von der Commerzbank  reden, meinte er." Klaus-Peter Müller war schon damals Chef des Geldinstituts. "Später erfuhr ich, dass in jenem Gespräch die entscheidenden Kredite über 450 Millionen Euro gekündigt wurden, die einige Monate später zum Zusammenbruch seines Lebenswerks führen sollten", schreibt Schawinski weiter.

"Diese Version ist unbekannt", schrieb die "Süddeutsche Zeitung" am Donnerstag über die vermeintliche Enthüllung Schawinskis. Sollten dessen Informationen stimmen, würde Kirchs Darstellungen über den Zusammenbruch seines Imperiums in ein neues Licht gerückt. Der einstige Medienmogul nämlich behauptet, erst abfällige Bemerkungen von Ex-Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer über die mangelnde Bonität des Konzerns hätten zu der gigantischen Pleite geführt. Um die Frage, ob er damit Recht hat, wird seit Jahren eine historische, juristische Schlacht ausgefochten.

Dresdner statt Deutsche Bank

Das Breuer-Interview allerdings fand im Februar 2002, also mehrere Monate nach dem beschriebenen Treffen zwischen Kirch und Schawinski statt. Zwar wollten weder die Deutschen Bank  noch die Commerzbank die "SZ"-Meldung kommentieren - doch in der Branche sorgte sie für Aufmerksamkeit.

Die Nachricht, dass auch die Commerzbank schon früher aktiv wurde, könne ein "weiterer Mosaikstein" in dem anstehenden Prozess um Kirchs Schadenersatzforderungen über satte 1,6 Milliarden Euro sein, hieß es. Der vermeintlich frühzeitige Vorstoß des Commerzbank-Chefs Müller zeige, dass Kirchs Lage schon vor dem Breuer-Interview katastrophal gewesen sei. Bekannt war bis dato nur, dass die Dresdner Bank schon vor dem Breuer-Statement einen Kredit über 460 Millionen Euro von Kirch zurückgefordert hatte.

Schawinski zeigte sich freilich reichlich überrascht ob dieses Aufruhrs. Er habe die Information, dass die Commerzbank ihren Kredit im Dezember 2001 gekündigt habe, keinesfalls unter der Hand berichtet bekommen, sondern schlicht aus einem Buch über den Zusammenbruch des Kirch-Imperiums entnommen. Auf den Hinweis, dass in dem genannten Buch nur von einem gekündigten Kredit der Dresdner Bank die Rede war, erklärte Schawinski schlicht: "Möglicherweise habe ich die Banken verwechselt."

Der ein oder andere Beteiligte dürfte angesichts dieses Eingeständnisses aufatmen. Schon die bereits bekannten Fakten und Indizien reichen aus, um die Gerichte noch über Jahre mit dem Fall Kirch zu beschäftigen.

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