Montag, 17. Februar 2020

Überwachung Großer Bruder China

Die chinesische Stadt Shenzhen macht lang gehegte Überwachungsfantasien wahr: Insgesamt 200.000 Kameras und Pässe mit gespeicherten Lebensdaten stellen Orwellsche Fantasien in den Schatten. Sogar U-Bahn-Bewegungsprofile wären möglich.

Shenzhen - Rund 180.000 Videokameras von Unternehmen und Behörden überwachen heute schon die Zwölf-Millionen-Einwohner-Stadt Shenzhen nördlich von Hongkong. Jetzt will das Ministerium für Öffentliche Sicherheit zusätzlich 20.000 Polizeikameras installieren lassen und alle Geräte vernetzen. Sicherheitsbehörden sollen über eine neue Software Zugriff auf alle Kameras haben.

Shenzhen: Die Behörden bauen hier ihr Überwachungsparadies
Die erweiterte Videoüberwachung ist Teil des Pilotprojekts zur Modernisierung der Sicherheitsinfrastruktur der Stadt. In den kommenden drei Jahren sollen die Bürger von Shenzhen Digitalausweise mit einem Chip erhalten, der persönliche Informationen speichert. Das berichten die "New York Times" und die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf "China Public Security Technology".

Die US-Firma soll über ihre chinesische Tochter "Public Security Technology" und dem eng mit dem Unternehmen verbundenen IT-Anbieter iASPEC das Projekt umsetzen. iASPEC ist vom chinesischen Ministerium für Informationstechnologie als IT-Dienstleister zertifiziert. Die neuen Ausweise sollen alle nach Shenzhen eingewanderten Bürger erhalten – 10,55 Millionen Menschen. Wer keinen Ausweis hat, lebt und arbeitet ohne Aufenthaltsgenehmigung in Shenzhen und kann keine staatlichen Leistungen in Anspruch nehmen.

Pässe speichern Vermieter-Telefonnummer

Die ersten neuen Ausweise sollen noch in diesem Monat an Bewohner eines Viertels in Hafennähe ausgegeben werden. Auf jeden Fall sollen die neuen Ausweischips diese Informationen speichern:

  • Name
  • Adresse
  • Bisherige Arbeitgeber
  • Bildungshintergrund
  • Vorstrafenregister und andere Einträge in Polizei-Datenbanken
  • Krankenversicherung
  • Telefonnummer des Vermieters
  • Anzahl der Kinder

Wenn die Technik all die angekündigten Funktionen erfüllt, entsteht in Shenzhen ein Überwachungssystem, das Orwellsche Phantasien übertrifft – denn bei Orwell gab es weder Funkchips noch Gesichtserkennung. In Shenzhen hingegen soll die neue Auswertungs- und Steuersoftware auf den Bildern der Überwachungskameras "automatisch die Gesichter von polizeilich gesuchten Verdächtigen" erkennen und "ungewöhnliche Aktivitäten" ausmachen können.

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