Premiere Erhöhte Übernahmegefahr

Ein Abgang trotz des Aufschwungs: Premiere-Chef Georg Kofler überrascht Analysten und Anleger mit seiner Rücktrittsankündigung. Wie geht es nun weiter mit dem Pay-TV-Anbieter, der sich unlängst die Bundesligarechte zurückerobert hat? Eine Ära der leiseren Töne könnte nun anbrechen.

Hamburg - Er ist so etwas wie der Poltergeist der deutschen TV-Szene. "Mich stört die ARD-Sportschau eminent", hatte Georg Kofler Anfang August betont. In der frei empfangbaren Berichterstattung über die Fußball-Bundesliga sieht der Premiere-Chef seinen schlimmsten Feind.

Am liebsten würde er die ARD-Konkurrenten dazu zwingen, ihre Sendung ins Spätabendprogramm zu verbannen. Fußballfans sollen lieber seinen kostenpflichtigen Dienst abonnieren. Vor allem an Koflers vehementer Forderung nach mehr Exklusivität waren Ende 2005 auch die Verhandlungen mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL) über die Bundesliga-Übertragungsrechte gescheitert. Der zuvor völlig unbekannte Konkurrent Arena erhielt den Zuschlag.

Inzwischen hat sich der taumelnde Pay-TV-Riese, dessen Überleben vor anderthalb Jahren ernsthaft gefährdet schien, wieder erholt. Über eine Sublizenz eroberte sich Premiere  die Bundesligarechte vom erfolglosen Rivalen Arena zurück. Das Unternehmen schreibt zwar noch rote Zahlen, gewinnt aber viele Neuabonnenten. "Premiere war noch nie in der Unternehmensgeschichte so gut aufgestellt", jubilierte Kofler Ende Juli. Ausgerechnet jetzt wirft er das Handtuch.

"Der Zeitpunkt kommt völlig überraschend", sagte Chris-Oliver Schickentanz, Analyst der Dresdner Bank, gegenüber manager-magazin.de. In Koflers letzten Analystenkonferenzen habe es dafür keinerlei Anzeichen gegeben. Auch die Börse reagierte irritiert. Im MDax  gaben Premiere-Aktien bis zum frühen Nachmittag um knapp 3 Prozent nach.

Koflers Abgang hat nach Ansicht des Analysten auch mit seinem barschen Auftreten in den Rechteverhandlungen zu tun: "Kofler hat viel Porzellan zerschlagen", so Schickentanz, "das hat ihn in der DFL-Chefetage, aber auch bei mächtigen Fußballmanagern wie Uli Hoeneß Ansehen gekostet." Eine weitere mögliche Erklärung lautet: Der notorische Draufgänger Kofler sieht keine Herausforderung mehr bei Premiere: Der Börsengang ist längst vollzogen, Bundesliga wird wieder live ausgestrahlt - das Unternehmen bewegt sich in sicherem Fahrwasser. "Jetzt ist die Zeit für einen Themenwechsel gekommen", sagt Kofler.

Börnicke - ein völlig anderer Typ

Börnicke - ein völlig anderer Typ

Sein Nachfolger Michael Börnicke ist ein völlig anderer Typ. Der bisherige Finanzchef gilt als uncharismatischer, solider Betriebswirt. Er setze auf Kontinuität, ließ Börnicke bereits verkünden - und werde "die von Georg Kofler vorgenommenen Weichenstellungen weiterführen". Viel bescheidener geht es nicht.

Ruppiges Auftreten und undurchsichtige Machtspielchen sind dem designierten Premiere-Chef fremd. Ende des Jahres kann Premiere nun unbelastet in den nächsten Verhandlungspoker mit der DFL gehen - und mit Börnicke eine neue Ära der leiseren Töne einläuten.

Auch Finanzinvestoren dürften nun aufhorchen - schon länger gilt Premiere als Übernahmekandidat. Im Jahr 2003 Jahr hatte bereits das Private-Equity-Unternehmen Permira die Mehrheit am Münchener Pay-TV-Anbieter erworben, reduzierte seinen Anteil jedoch schrittweise und stieg Ende 2006 komplett aus. Im Premiere-Aufsichtsrat waren die Finanzinvestoren nicht vertreten. Inzwischen befinden sich, mit Ausnahme der 17-Prozent-Beteiligung von Arena, alle Aktien in Streubesitz.

"Die Übernahmewahrscheinlichkeit steigt", sagt Analyst Schickentanz. Unter Kofler als CEO hätte er sich kaum vorstellen können, dass Premiere einen neuen Mehrheitseigner bekommt: "Dazu war Kofler zu machtbewusst". Börnicke schätzt der Analyst als wesentlich pragmatischer ein.

Premiere braucht versierten TV-Manager

Premiere braucht "TV-versierten Medienmanager"

Doch besitzt der Finanzfachmann die Expertise, ein Fernsehunternehmen zu führen? Oder sind Börnicke die Fußstapfen seines Vorgängers zu groß? Schließlich steht Kofler für Premiere - etwa so wie Uli Hoeneß für den FC Bayern. "Kofler hat Premiere geprägt und nach vorne gebracht - mit beachtlichem Know-how und professionellem Marketing", lobt Iris Schäfer, Analystin der LBBW. Mittelfristig werde das Unternehmen wieder "einen TV-versierten Medienmanager" brauchen.

Momentan gibt es nicht allzu viel, was Börnicke falsch machen könnte. "Premiere steht so gut da, dass weiterhin alles gut laufen müsste", sagt Schäfer, "kurzfristig hat das Unternehmen keinen Handlungsbedarf."

Außerdem droht derzeit keine ernst zu nehmende Gefahr von Rivalen. Das Beispiel Arena hat gezeigt, dass es Mitbewerber schwer haben. Es ist sehr aufwendig und kostspielig, eine TV-Redaktion aufzubauen - von der technischen Infrastruktur und dem Kundenstamm ganz zu schweigen. Potenzielle Neuanbieter werden auch dadurch abgeschreckt, dass ihr Markteintritt wohl die Preise für die Übertragungsrechte in die Höhe treiben würde. "Einen ernsthaften Premiere-Konkurrenten", resümiert daher Dresdner-Bank-Analyst Schickentanz, "wird es vermutlich nicht geben."