Google News Pikantes Experiment

Mit einem bisher beispiellosen Versuch will Google die Nachrichtenwelt aufmischen. Unternehmen und Personen, über die berichtet wurde, sollen mit Kommentaren zu Wort kommen. Innovation oder pauschale Aufforderung zur Gegendarstellung?

Noch im Laufe dieser Woche, schreiben Dan Meredith und Andy Golding aus dem Entwicklerteam von Google News im firmeneigenen Blog, soll den Nutzern der amerikanischen News-Sammelseite mehr geboten werden als nur die blanke, recherchierte Nachricht. Google  fordert Personen und Unternehmen, über die in der Web-zugänglichen Presse berichtet wurde, dazu auf, die Nachrichten über sie aus ihrer ganz persönlichen Perspektive zu kommentieren. Ungekürzt und unredigiert sollen diese Kommentare unter den Nachrichten zu lesen sein.

Das ist mutig. Das bisher beispiellose Experiment könnte man als Vertiefung der Berichterstattung auffassen; sogar als ganz neue Möglichkeit, den Entstehungsprozess von Nachrichten transparent zu machen und so den verbreiteten Nachrichten eine inhaltliche Perspektive hinzuzufügen - oder aber als pauschale Aufforderung zur Gegendarstellung.

Denn natürlich besteht die Gefahr, dass die so gebotene Möglichkeit vor allem dann genutzt wird, wenn die Betroffenen nicht einverstanden sind mit dem, was über sie berichtet wurde. Bekommen wir die Dementis über Menschenrechtsverletzungen künftig also direkt aus Peking? Legt Teheran seine Perspektive im Atomstreit bald prominent und ausführlich bei Google dar? Machen Korruptionsverdächtige Politiker dort bald im Vorfeld von Ermittlungen Stimmung für sich? Vielleicht, aber ab und an mag so auch manchem unseriös arbeitenden Journalisten die Hose heruntergelassen werden. Man versteht, wo der Reiz des Experiments liegt.

Aprilscherz möglich?

Unproblematisch ist es trotzdem nicht. Es besteht auch die Gefahr, von kommentarfreudigen Zeitgenossen in den April geschickt zu werden: Eine E-Mail mit der Absenderadresse GeorgeBush@whitehouse.gov zu verschicken ist schließlich ein Kinderspiel. In diesem Fall dürfte den Google-News-Verantwortlichen die Prüfung der Echtheit der Zuschrift wohl leicht gelingen - natürlich sind sie sich darüber im Klaren, dass das nötig ist - in anderen Fällen könnte das schwierig werden.

Dem Google-Team ist offenbar klar, dass die ganze Sache nicht nur darum pikant ist: Nicht von ungefähr bezeichnen sie die Kommentar-Aktion als Experiment. Je nachdem, wie die Sache verläuft, soll das Feature fest eingeführt und vielleicht mittelfristig auch auf die Google-News-Portale in anderen Sprachen übertragen werden.

Abzuwarten sind nun die Reaktionen der Redaktionen: Längst nicht jedem Verlag schmeckt es, dass sich Google und andere Suchdienste aus den Versatzstücken der redaktionellen Arbeit anderer eine der prominentesten Nachrichtenseiten im Web zusammenbastelt. Dass die nun auch noch extern relativiert werden sollen, könnte manchen sauer aufstoßen. Natürlich, beeilen sich die Unternehmensblogger darum wohl auch zu versichern, linke Google News weiterhin direkt auf die bei Google nur in Auszügen präsentierten Originalartikel - die Kommentare hingegen sind nur auf den Nachrichtenübersichtsseiten von Google News zu sehen.

Und denen sollen so wohl auch vermehrt Nutzer zugeführt werden. Denn normale Leser dürfen zwar weder die Nachrichten, noch die Kommentare dazu kommentieren, wohl aber darauf verlinken.

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