Telekom Obermann und die verflixte 19

Am Donnerstag verkündet René Obermann Halbjahreszahlen - und muss sich vermutlich unangenehmen Fragen stellen. Der Kundenschwund scheint nicht enden zu wollen, außerdem drohen womöglich schmerzhafte Auswirkungen der Streiks. Mittelfristig schließen Experten auch eine weitere Gewinnwarnung nicht mehr aus.

Hamburg/Bonn - Streiks, Mitarbeiterausgliederungen, Einführung der Billigmarke Congstar. Die Deutsche Telekom  hat in den vergangenen Wochen viel Aufsehen erregt. Doch eigentlich interessieren sich Aktionäre und Analysten im Wesentlichen nur für eine ganz bestimmte Zahl: 19.

19 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen hat Konzernchef René Obermann als Ziel für das Jahr 2007 ausgegeben. Die Messlatte war ursprünglich deutlich höher angesetzt. Doch bereits zwei Mal hat das Telekom-Management die Prognose korrigiert. Eine weitere Gewinnwarnung, unkte Obermann bereits im Januar, "wäre für uns nicht nur unangenehm, sondern auch sehr, sehr schädlich".

Die Gefahr: Die T-Aktie würde vermutlich noch weiter einbrechen, Ratingagenturen müssten ihre Bewertungen herabsetzen oder zumindest überdenken. Ein Horrorszenario für Obermann - das Experten aber nicht ausschließen. Denn Anfang Juli äußerte sich Obermann in einem Interview plötzlich vorsichtiger: Der angepeilte Jahresgewinn sei ein "ehrgeiziges, aber machbares Ziel". Ein "Spaziergang" werde das aber sicher nicht.

Theo Kitz ist irritiert. "So hat das Unternehmen das vorher nicht gesagt", wundert sich der Analyst der Privatbank Merck Finck & Co., "plötzlich wird ein neuer Zwischenton erkennbar."

Sollte die Telekom das Gewinnziel ein drittes Mal korrigieren müssen, so Kitz, dann sei dies auf die wochenlangen Streiks zurückzuführen. Insgesamt betrage der Arbeitsausfall der Mitarbeiter 500.000 Tage, hatte Verdi-Bundesvorstand und Telekom-Aufsichtsrat Lothar Schröder nach Streikende gegenüber manager-magazin.de erklärt. Mehrere Monate könnte es dauern, bis alle liegen gebliebenen Anfragen und Aufträge bearbeitet seien.

Kampf gegen Kundenerosion

Kampf gegen Kundenerosion

Die Streikfolgen sind nur ein Problem von vielen, zu denen Obermann auf der Halbjahrespressekonferenz am Donnerstag wird Stellung nehmen müssen. Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als die Reputation und Glaubwürdigkeit des größten deutschen Telekommunikationsanbieters - und die Karriere von René Obermann.

"Ob die Telekom ihr Gewinnziel einhalten kann, hängt stark vom Erfolg der Kostensenkungen ab", sagt Frank Rothauge, Analyst bei der Privatbank Sal. Oppenheim. Telekom-Chef Obermann ist mit dem ehrgeizigen Ziel angetreten, den Service beim Ex-Staatsmonopolisten entscheidend zu verbessern - und gleichzeitig beim Personal zu sparen. Die Anteilseigner und Analysten fordern rasche, sichtbare Erfolge.

Rothauge hält die 19-Milliarden-Euro-Marke für erreichbar, eine baldige Gewinnwarnung erwartet er nicht. Möglicherweise müsse die Telekom allerdings mit Verkäufen nachhelfen, um den Gewinn durch Sondereffekte zu steigern. "Das Ziel operativ zu erreichen wird knapp", prognostiziert der Analyst.

Zu den größten Brandherden im Konzern zählt der Kundenschwund in der Festnetzsparte. Im vergangenen Jahr verlor die Telekom zwei Millionen Festnetzkunden. Allein im ersten Quartal 2007 flüchteten weitere 600.000 zur Konkurrenz. Zukunftsaussichten? Nicht gerade rosig. "Wir gehen davon aus, dass die Kundenerosion weiter zugenommen hat", sagt Merck-Finck-Analyst Kitz.

Um der massenhaften Abwanderung Einhalt zu gebieten, hat die Telekom im Juli die Billigmarke Congstar eingeführt. Problem: Der Bonner Konzern macht sich damit selbst Konkurrenz. Denn welchen Grund sollten Kunden haben, ihre teureren Telekom-Verträge für DSL, Handy- und Festnetztelefonie aufrechtzuerhalten, wenn es bei Congstar günstigere Paketangebote gibt? "Die Telekom nimmt niedrigere Margen in Kauf", so Kitz, "um ihre Kunden zu halten." Erfolgserwartung? Ungewiss.

Filetstück T-Mobile USA

Filetstück T-Mobile USA

Insgesamt erwartet Merck Finck für das zweite Quartal einen bereinigten Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen in Höhe von 4,75 Milliarden Euro, das wäre ein Rückgang von 1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Beim Nettogewinn kalkuliert die Privatbank mit 734 Millionen Euro - das würde ein Minus von 27 Prozent bedeuten.

Wachstumstreiber bleibt in jedem Fall T-Mobile USA, das Handygeschäft jenseits des Atlantiks. Doch wie lange noch? "Die Anzahl der Neukunden steigt auch in den USA nicht unbegrenzt", warnt Kitz, "deshalb könnte das Umsatz- und Kundenwachstum im Vergleich zum ersten Quartal zurückgehen." Außerdem setzt sich Großaktionär Blackstone  Marktgerüchten zufolge für einen Verkauf des Telekom-Filetstücks ein. Dadurch könnte die Telekom kräftig Kasse machen, der Aktienkurs würde in die Höhe getrieben. Doch die Telekom verlöre ihren wichtigsten Umsatz- und Gewinnbringer.

Schwierige Partnersuche für T-Systems

Auch die Geschäftskundensparte T-Systems bereitet der Telekom Kopfzerbrechen. Ursprünglich suchte der Bonner Konzern einen strategischen Partner für das gesamte Großkundengeschäft. Nun soll sich eine Partnerschaft nur noch auf kleinere Teile dieses Bereichs beschränken, berichtet das "Handelsblatt". Zu den Konditionen, die der Telekom vorschwebten, hatte offenbar keiner der potenziellen Partner Interesse an einer Zusammenarbeit. Die Pressekonferenz könnte mehr Klarheit darüber bringen.

Was die Anleger jedoch am meisten stören dürfte: Die T-Aktie dümpelt nach einem Zwischenhoch im Juni bei knapp 13 Euro weiter vor sich hin. Kurzfristige Wachstumsperspektiven? Mäßig. Oppenheim-Analyst Rothauge sagt: "Ich erwarte nicht allzu viel".

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