Fernseher Leinwandgroße Sparerfolge?

Ein Fernseher braucht Strom, auch wenn er gar nicht an ist. Das weiß inzwischen jedes Kind. Doch während die Industrie stolz auf sparsamere Stand-by-Schaltungen verweist, richtet sich das Augenmerk der Verbraucher auf den Betrieb. Wer da Energieschleudern meidet, kann auf Dauer Hunderte von Euro sparen.

Hamburg - "TV-Geräte sind heute energiesparender denn je!" Wer die Pressemitteilung des Zentralverbands Elektrotechnik zum Stromverbrauch moderner Fernseher liest, könnte auf krause Ideen kommen. Etwa, dass die modernen Heimkinos so effizient arbeiten, dass man nach deren Kauf von seinem Stromversorger eine Einspeisevergütung verlangen könnte.

Übertreibung beiseite: Die Elektrolobby brüstet sich damit, dass der Stromverbrauch von Fernsehern im Stand-by-Betrieb in den vergangenen Jahren drastisch zurückgegangen ist. Zu Recht. Ein Rückgang in zehn Jahren um 80 Prozent ist eine erstaunliche Leistung. Viele Geräte ziehen im Ruhezustand weniger als ein Watt Strom.

Dabei fällt aber kein Wort darüber, wieviel Energie Fernseher fressen, während ihre Besitzer fernsehen. Moderne Flachbildgeräte, egal ob mit LCD-Technik oder mit Plasmamonitor, verbrauchen noch immer etwa so viel Strom wie vergleichbare Röhrengeräte, in manchen Fällen sogar mehr.

Auch hier muss man gerecht sein: Das sah vor wenigen Jahren noch anders aus. Wer da in einen Flachbildfernseher investierte, war gut beraten, seinen Stromabschlag gleich mit zu erhöhen. So gab es schon eifrige Analysten, die den Mehrbedarf an Strom für die fernsehsüchtigen USA ausrechneten, für die Zeit, da alle Amerikaner die neuen Modelle im Wohnzimmer haben.

Diese Vision wird nun über einen anderen Mechanismus Wirklichkeit: Die Kunden kaufen immer größere Fernseher. Mit der Bildschirmgröße steigt aber der Stromeinsatz. Summa summarum verbrauchen Fernseher damit immer mehr Strom, nicht nur in den USA, sondern weltweit. Dieser Trend konnte durch effizientere Technik bisher nicht gestoppt oder gar umgekehrt werden.

Fortschritte bei Stand-by-Funktionen

Fortschritte bei Stand-by-Funktionen

Beim Betriebsverbrauch bleiben die großen Fortschritte also noch aus. Die Hersteller heben freilich das hervor, was sie gut können: den Stand-by-Verbrauch ihrer Fernseher senken. Das habe allerdings nicht allein mit Schönrederei zu tun, nimmt jemand die Industrie in Schutz, der sie sonst eher kritisch beobachtet: Thorben Becker, Energieexperte beim Bund für Umwelt- und Naturschutz in Deutschland (BUND).

"Dieses Augenmerk auf den Stand-by-Betrieb war das große Thema bei Elektrogeräten in den vergangenen Jahren", erklärt er. Und es sei nach wie vor wichtig. Schließlich geht es um Stromverbrauch, der anfällt, während die Geräte gar nichts machen, außer auf einen Befehl aus der Fernbedienung ihrer Herren zu warten. "Noch immer sind die Schätzungen gültig, wonach wir uns in Deutschland zwei bis drei Atomkraftwerke sparen könnten, wenn es gar keinen Stand-by-Betrieb gäbe."

Es ist allerdings illusorisch zu glauben, dass dieser Zustand in absehbarer Zeit eintritt. Zu groß ist die Bequemlichkeit der Verbraucher. Außerdem gibt es Funktionen, die ohne latenten Stromfluss gar nicht funktionieren, etwa wenn ein Festplattenrekorder die Aufnahme einer Fernsehsendung selbsttätig starten soll.

Daher begrüßt Becker die Fortschritte beim Stand-by-Verbrauch. Nicht ohne kritisch anzumerken, dass schon heute ein Verbrauch von einem halben Watt technisch möglich ist. Die Auswirkungen auf die Umwelt seien bisher allerdings gering. Nur wirklich moderne Geräte - also neue - kämen auf die günstigen Werte, über die die Industrie nun jubiliert.

Damit schlägt Becker in die Kerbe von deren Lobby. Denn die will mit ihrem Lobpreis vor allem neue Fernseher schmackhaft machen.

Marktübersicht mit Verbrauchsdaten

Marktübersicht mit Verbrauchsdaten

Hier hören die Gemeinsamkeiten schon auf. So fordert der BUND etwa eine Kennzeichnungspflicht, wie es sie bereits für Waschmaschinen oder Kühlschränke gibt. Deren einfache Einteilung in Effizienzklassen sei sehr verbraucherfreundlich und könnte als Vorbild dienen.

Solch eine Kennzeichnung sei deshalb wichtig, weil die Verbrauchsunterschiede zwischen den Fernsehern noch sehr groß seien - und da kommt wieder der Betriebsverbrauch ins Spiel. Becker muss es wissen, weil sein Verband vor kurzem eine Marktübersicht von 400 Geräten  erstellt hat. Auch wenn die IFA-Neuheiten da noch nicht drauf sind, bietet sie einen recht umfassenden Überblick. Sie kann kostenlos beim BUND heruntergeladen werden.

So verglichen die BUND-Leute Fernseher verschiedener Größenklassen und geben nicht nur den Verbrauch im Bereitschaftsbetrieb an, sondern auch den beim Fernsehen. Um eine Vergleichsgröße zu haben, die beide Werte berücksichtigt, haben sie außerdem eine für alle Kandidaten gleiche Stromkostenrechnung über zehn Jahre angestellt. Ein wichtiger Hinweis, denn das kann so manchen Neupreis auf Dauer relativieren. In der Klasse von 101 bis 107 Zentimeter Bildschirmdiagonale zum Beispiel lassen sich in 10 Jahren 590 Euro sparen, wenn man sich für das sparsamste Gerät entscheidet.

Mithilfe der Liste lässt sich auch eine alte Glaubensfrage der Flachbild-Fans beantworten: LCD oder Plasma. Beide Techniken sorgen für flache Bildschirme, beide sind sehr verbreitet, allerdings zu unterschiedlichen Preisen und mit abweichender Bildqualität. LCD-Fans kritisieren Plasmabildschirme vor allem für ihren vergleichsweise hohen Stromverbrauch.

Gretchenfrage: Zählt Größe wirklich?

Vergleichbar ist der aber nur schwer. Die LCD-Technik verbraucht immer gleich viel Strom, unabhängig vom gezeigten Bild. Plasmabilder brauchen mehr Saft, je heller das dargestellte Bild ist, können also in lichtarmen Filmpassagen deutlich sparsamer sein als die LCD-Konkurrenz. Auf der BUND-Liste kann jeder die standardisierten Werte einzelner Modelle vergleichen - und über zehn Jahre hinweg sollten sich freundliche und düstere Filme im Mittel die Waage halten.

Welche Empfehlungen gibt Becker? "Im Zweifel sind LCD-Geräte derzeit tatsächlich sparsamer", erklärt er. Ein großes Sparpotenzial habe vor allem die Frage: Muss der Bildschirm wirklich so groß sein? Während 70 Zentimeter Bildschirmdiagonale vor 15 Jahren noch Standard bei typischen Wohnzimmergeräten waren, reiche das heute den meisten allenfalls für ein "ideales Zweitgerät". Mit leinwandgroßen Displays tut sich aber nicht jeder einen Gefallen. Das sei oft nicht wohnlich - und ganz sicher nicht besonders sparsam.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.