PC-Viren Der Öffner der Pandora-Büchse

Vor einem Vierteljahrhundert wurde der erste Computervirus der Welt geschrieben. Ziel des Angriffs war ein Apple-Rechner, die Folgen aber eher nervig als schädlich. Der damals 15-jährige Entwickler von "Elk Cloner" bereut seine Tat inzwischen.

Hamburg - "Hey, hast du neue Spiele?" Den Satz hörte Richard Skrenta jede Woche, damals im Computerraum seiner Highschool in Pittsburgh. Der 15-Jährige war beliebt und bekannt dafür, immer wieder unterhaltsame Programme zu schreiben.

Und diese nervigen Fragen brachten ihn auf eine Idee: Warum nicht ein kleines, verstecktes Programm schreiben, dass sich unerkannt über die kopierten Disketten verbreitet und Computerbesitzer plötzlich erschreckt? Das hat Skrenta 1982 getan. Sein kleiner Spaß wurde zum ersten Virus der Computergeschichte.

Heute muss sich Skrenta eine andere, nervige Frage anhören. Immer wieder, seit 25 Jahren: "Bist du der Typ, der den ersten Virus geschrieben hat?" Ja. Ein Artikel in dem Wissenschaftsmagazins "Science" feiert  Skrenta wieder einmal als Schöpfer des ersten Virus, das in die freie Wildbahn, also auf die Rechner ahnungsloser Computerbesitzer geriet.

Skrenta hat diesen Teenager-Scherz inzwischen auf seiner Webseite im Lebenslauf  vermerkt. Mit dem leicht genervten Zusatz in Klammern: "Da war ich in der neunten Klasse!" Denn Skrenta ist inzwischen 40, ein gestandener Programmierer. Er hat schon für Sun, Netscape und AOL gearbeitet. Er hat das Unternehmen Topix gegründet – ein Nachrichtenportal für Lokales, das vor zwei Jahren von US-Zeitungsriesen aufgekauft wurde. Skrenta ist dort heute Geschäftsführer.

Infiziert hat Cloner nur Apple-II-Rechner

Aber berühmt ist Skrenta noch immer als Virusautor. Als ihn 1990 wieder einmal jemand in einer Programmierer-Newsgroup gefragt hat: "Also bist du der Elk Cloner?", antwortete  Skrenta: "Unglaublich. Ich habe so viel Zeug für den Apple II programmiert – Adventurespiele, Compiler, ein Betriebsystem. Und der dümmste Hack, den ich je geschrieben habe, hat am meisten Interesse erzeugt, bis heute."

Rein technisch gesehen war der erste Computervirus aber ziemlich clever. Dumm war es vielleicht, ihn einfach so auf die Menschheit loszulassen. Die Apple-II-Rechner waren damals die beliebtesten Computersysteme. Sie standen in Skrentas Schule, bei manchen seiner Lehrer und bei einigen seiner Freunde. Und weil diese Freunde Skrenta immer wieder nach neuen Spielen löcherten, seine Disketten kopierten, kam er auf die Idee, sie mit einer kleinen, lästigen Botschaft zu überraschen.

Damals wurden Programme auf Floppy-Disketten in Computer eingelegt und von dort aus ausgeführt. Skrenta schrieb nun eine Huckepack-Software, die sich auf Disketten versteckte und sich in den Bootsektor jedes Computers kopierte, in dem die Diskette steckte. Von dort aus infizierte der Virus dann alle weiteren eingelegten Disketten – bis der Computer wieder ausgeschaltet wurde. So pflanzte sich der Virus fort.

Dämliche Lyrik

Clevere Programmierung, dämliche Lyrik

Die Betroffenen merkten erst gar nicht, dass ihre Rechner infiziert waren. Der Virus zählte aber mit, wie oft seine Diskette in einen Rechner gesteckt wurde. Bei jeder fünfzigsten Programmausführung ließ der Schädling den Bildschirm dunkel werden. Dann tauchte Skrentas absurdes Gedicht auf:

Elk Cloner: The program with a personality /
Elk Cloner: Das Programm mit Persönlichkeit

It will get on all your disks /
Es wird all deine Disketten infizieren

It will infiltrate your chips /
Und deine Chip kontaminieren

Yes it's Cloner! /
Ja, es ist Cloner!

It will stick to you like glue /
Es bleibt an Dir hängen wie Kleber

It will modify ram too /
Und geht auch dem Arbeitsspeicher ans Leder

Send in the Cloner! /
Hier kommt der Cloner!

Sonst richtet Cloner keine Schäden an. Einmal den Rechner aus- und wieder einschalten und schon lief das Programm normal wie vor dem kleinen Einbruch des Cloner-Wahnsinns. Dieses Virus löschte nicht, schnüffelte nicht, verriet nicht die Geheimnisse des Computerbesitzers an andere. Cloner nervte einfach.

Der Virus klebt an Skrenta

Skrenta erinnert sich auf seiner Webseite, wie sein damaliger Mathematik-Lehrer reagierte, als Cloner ihm einen Schrecken eingejagt hatte: "Er sagte, er hätte mir das Genick gebrochen, wenn ich dort gewesen wäre, als das Gedicht erschien." Nur: Wie kam das Programm auf den Rechner des Lehrers? Er muss sich wohl von einem der Schüler Software kopiert haben. Skrenta erinnert sich auf seiner Seite an die andere Reaktionen der Betroffenen: "Einige Freunde fanden das lustig. Die meisten hassten es."

Aber die Medien liebten Skrenta: Mit seinem Virus brachte er es bis 1985 nicht nur in einige Regionalzeitungen, sondern auch ins Magazin "Time" und den "Scientific American". Dort lobte sogar der Programmierer Bob Hablutzel die Leistung des 15-jährigen Skrenta: "Er hat ein ernst zunehmendes Programmierertalent." Allerdings sei der Junge "fehlgeleitet".

Das Gegenteil hat Skrenta in den 25 Jahren nach seinem ersten und letzten Virus wohl bewiesen. In seinem Blog schreibt  er: "Viren sind heute viel zu verbreitet. Man kriegt den Geist nicht in die Flasche zurück. Der einzige Trost, den ich finde ist der, dass der Geist ohnehin rausgekommen wäre. Aber es ist ein großer Spaß, der erste zu sein, der ihn rausgelassen hat."

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