Digitalkameras Die Megapixel-Lüge

Je mehr Megapixel, desto besser die Bildqualität, so die von Digitalkamera-Herstellern forcierte landläufige Meinung. Experten zufolge haben die beiden Merkmale jedoch nur wenig miteinander zu tun.

Hamburg - Als ginge es beim Fotografieren nur um nackte Zahlen, werben die Hersteller von Digitalkameras immer noch mit stetig steigenden Megapixel-Werten. Mittlerweile gibt es Kompaktkameras, die pro Foto bis zu zwölf Millionen Bildpunkte aufnehmen. Mehr Pixel, so die Botschaft der Werber, machen bessere Bilder - und schärfere sowieso.

Experten sind da allerdings anderer Meinung. "Höhere Megapixel-Zahlen führen nicht zu einer höheren Bildqualität", sagt Michael Hußmann. Er muss es wissen. Hußmann ist Kameratester. Seit Jahren prüft er für verschieden Zeitungen und Zeitschriften Digitalkameras auf Alltagstauglichkeit, technische und optische Qualität. Fast täglich landen neue Modelle in seinem Testlabor - und die halten nicht immer, was die Hersteller versprechen.

Allenfalls, so der Foto-Profi, schaffen höhere Megapixel-Zahlen mehr Spielraum für Ausschnittsvergrößerungen. Man kann also beispielsweise aus einem Gruppenfoto ein Portrait herausschneiden und dieses dann immer noch in hoher Qualität ausdrucken. Das gelingt allerdings auch nur dann, so Hußmann, wenn "alle übrigen Kamerakomponenten der hohen Sensorauflösung gewachsen sind, was bei Ultrakompaktkameras kaum gewährleistet ist".

Der Megapixel-Mythos

Das Problem: Um auf die hohen Megapixel-Werte zu kommen, müssen die Hersteller immer mehr lichtempfindliche Sensoren auf der nur fingernagelgroßen Fläche der Fotochips unterbringen. Entsprechend kleiner fallen die einzelnen Sensoren aus, die daher weniger Licht einfangen können. Um diesen Verlust auszugleichen, werden die Signale elektronisch verstärkt. Das gelingt nicht immer problemlos, Bildrauschen und grisselige Flächen sind oft das Resultat.

Wer auf den Luxus extremer Ausschnittsvergrößerungen verzichten kann, ist ohnehin mit weniger Megapixeln bestens ausgerüstet. Hußmann erklärt: "Kameras mit sechs oder sieben Megapixeln reichen bereits aus, um Bilder mit einer Auflösung zu produzieren, die der Auflösung des menschlichen Auges entspricht, wenn man die Bilder aus einem normalen Betrachtungsabstand anschaut - das gilt auch noch für Posterformate."

Wie viel Auflösung ist wirklich nötig?

Wie viel Auflösung ist wirklich nötig?

Welche Auflösung man tatsächlich braucht, um gute Ausdrucke seiner Fotos zu bekommen, hat der Kamerahersteller Kodak zusammengefasst:

So viele Megapixel brauchen Sie für den Fotodruck

Format (Zentimeter) gute Qualität (Pixel) optimale Qualität (Pixel) Megapixel
9x13 800x560 900x630 0,6
10x15 960x640 1080x720 0,8
13x18 1120x800 1260x900 1,1
15x20 1280x960 1440x1080 1,6
20x30 1920x1280 2160x1440 3,1
30x45 2880x1920 3240x2160 7
40x60 3840x2560 4320x2880 12,4
50x75 4800x3200 5400x3600 19,4
Quelle: Kodak

Alles Oberhalb von sieben Megapixeln, ist also im Grunde technischer Overkill. Hußmanns Urteil ist daher klar: "Der einzige Grund, zu einer Kamera mit extrem hoher Megapixel-Zahl zu greifen, wäre der, dass die Hersteller die beste Ausstattung meist an eine hohe Megapixel-Zahl koppeln." Wer jedoch darauf verzichten kann, stets den neuesten technischen Schnickschnack mit sich herumzutragen, wird bei den deutlich günstigeren Modellen mit bescheideneren Pixelzahlen fündig.

Der Versuch, sich eine solche Kamera anzuschaffen, scheitert allerdings oft an den Gesetzen des Marktes. "Niedrige Megapixel-Zahlen werden zunehmend nur noch in einfacher ausgestatteten Kameras angeboten", sagt Hußmann. Damit muss man sich freilich nicht abfinden. Stattdessen lohnt es umso mehr, nach gut ausgestatteten Auslaufmodellen Ausschau zu halten.

Die wirklich wichtigen Kaufkriterien

Bei der Auswahl einer Digicam sollte die Megapixel-Angabe also nur ein nachrangiges Kriterium sein. Eine hohe Bildqualität, so Hußmann, kann man "unter Idealbedingungen mittlerweile voraussetzen". Worauf soll man bei Kauf also wirklich achten?

Beispielsweise auf die Lichtempfindlichkeit, angegeben als sogenannte ISO-Zahl. Höhere ISO-Zahlen ermöglichen es, auch bei schwierigen Lichtverhältnissen, also beispielsweise während der Dämmerung, zu guten Ergebnissen zu gelangen. Hier spielen die bescheiden mit Megapixeln ausgestatteten Modelle ihre Stärke aus: "Eine Sechs-Megapixel-Kamera könnte wegen ihrer höheren Lichtempfindlichkeit einem Zwölf-Megapixel-Modell überlegen sein", sagt Hußmann. Die Herstellerangaben des ISO-Wertes sind allerdings nur eine grobe Richtschnur. Hier hilft nur ausprobieren.

Mindestens ebenso wichtig wie die Lichtempfindlichkeit ist laut Hußmann "eine schnappschusstaugliche Auslöseverzögerung". Manche Kamera, gerade unter den Billigheimern, erkauft sich ihren niedrigen Preis mit einem schwachbrüstigen Prozessor, der mehrere Sekunden braucht, um den Apparat "schussbereit" zu schalten. Gute Knipsen hingegen sind nach dem Einschalten innerhalb rund einer Sekunde betriebsbereit und lösen ohne merkliche Verzögerung aus, sobald man ein Motiv anvisiert und den Auslöser drückt.

Wenig abblenden, viel ausleuchten

Ein Kriterium, dass man nicht im Laden testen kann und bei dem man sich auf die Herstellerangaben verlassen muss, ist die Batterielaufzeit. Die wird üblicherweise nach dem sogenannten CIPA-Standard gemessen, wodurch vergleichbare Ergebnisse zustande kommen. Die Unterschiede zwischen verschiedenen Geräten können gewaltig sein.

Hußmann: "Ultrakompaktkameras schaffen zwischen 130 und 580 Aufnahmen pro Batterieladung." Wer sich da beim Kauf für ein Modell mit geringer Ausdauer entschieden hat, läuft Gefahr, dass sich der Apparat unterwegs mangels Strom selbst abschaltet. Michael Hußmann rät daher, "bei den Modellen mit schwächeren Akkus nie ohne Zweitakku aus dem Haus zu gehen."

Soll es trotzdem unbedingt eine Kompaktkamera mit der höchstmöglichen Auflösung sein, rät Fotoexperte Hußmann zu Panasonics nagelneuem Zwölf-Megapixel-Modell Lumix DMC-FX100, das für rund 360 Euro in den Läden steht. Eine etwa gleichwertige Alternative hat Sony  mit der DSC-W200 im Programm, die laut Hersteller 449 Euro kosten soll.

Wenig abblenden, viel ausleuchten

Wer sich einen solchen Pixel-Protz anschafft, sollte beim Fotografieren damit allerdings ein paar Grundregeln beachten. "Um aus der hohen Sensorauflösung auch einen Nutzen zu ziehen, sollte man möglichst wenig abblenden, da sonst die Lichtbeugung für unscharfe Bilder sorgt," rät Fotoexperte Hußmann.

Zudem sollte man stets für eine gute Ausleuchtung des Motivs sorgen, damit die Kamera mit möglichst niedriger Lichtempfindlichkeit arbeiten kann. "Die bei hohen ISO-Werten immer aggressiver in die Bildverarbeitung eingreifende Rauschunterdrückung zerstört feine Details; mit dem niedrigsten ISO-Wert erhält man hingegen sehr hoch aufgelöste Bilder," erklärt Hußmann die Vorgänge in der Kamera.

Will man sich mit solchen Zwängen nicht abplagen, bleibt der Griff zum günstigen Auslaufmodell mit einstelliger Megapixel-Zahl. So wie etwa Fujifilms Finepix F31fd, einer Zwei-Megapixel-Kamera, die von Fachmagazinen für ihre bestechend hohe Bildqualität gelobt wird. Für einen solchen Fotoapparat muss man derzeit nur noch rund 200 Euro investieren - und spart damit gut die Hälfte des Kaufpreises gegenüber einem Zwölf-Megapixel-Modell ein.

Einen Teil dieses Geldes kann man ja in ein gutes Fotobuch oder einen Fotolehrgang investieren. Denn am Ende bestimmt nicht die Technik, sondern der Fotograf darüber, ob ein Bild gelingt - oder eben nicht.