Investorenstreit Doomsday bei Freenet

Was wird aus Freenet? Nicht weniger als die Zukunft des gerade mit Mobilcom verschmolzenen Serviceproviders steht am Freitag zur Hauptversammlung auf dem Spiel. Zumindest über zwei Varianten werden die Aktionäre abstimmen - den Verkauf oder die Zerschlagung des TecDax-Unternehmens.
Von Christian Buchholz und Claus G. Schmalholz

Hamburg - Als Eckhard Spoerr im Herbst 1999 im Hamburger Steigenberger Hotel seine erste Pressekonferenz bestritt, sagte der damals 31-Jährige nur wenige spröde Sätze. Die Show übernahm Mobilcom-Gründer Gerhard Schmid. Der trommelte medienwirksam für seinen jüngsten Coup, den Start des Onlineportals Freenet  an der Börse, mit dem Ex-Berater von Booz Allen Hamilton an der Spitze.

Heute steht Spoerr als Freenet-Vorstandschef in den Fußstapfen von Schmid und sammelt ebenfalls fleißig Schlagzeilen. Am Freitag (20. Juli) wird er - mittlerweile deutlich beredter - einige mehr einheimsen: Freenet, frisch mit Mobilcom verschmolzen, lädt zu einer Hauptversammlung, die es in sich haben wird. Aus vier Richtungen wird heute schon auf das Herz des Mobilfunk- und Internetproviders gezielt.

1. Revoltierende Investoren

Einer der Schützen ist Paschalis Choulidis, Chef des Mobilfunkers Drillisch . Der Konzern meldete just am Tag vor der Hauptversammlung, man habe 2,08 Prozent an Freenet zugekauft, so dass insgesamt 10,08 Prozent bei dem Mitbewerber liegen. Choulidis will das DSL-Geschäft von Freenet - im Wert von geschätzten 700 Millionen Euro - verkaufen, und den Mobilfunkbereich kräftig ausbauen. Naheliegend ist dabei die Idee, dass Freenet zu diesem Zweck Drillisch übernehmen möge. Und zwar möglicherweise "überteuert", argwöhnte Spoerr bereits öffentlich.

Wie stark der Einfluss von Choulidis ist, wird sich beim Aktionärstreffen zeigen. Schafft er es, seine drei Kandidaten für den Aufsichtsrat durchzuboxen? Charles Fränkl, Manager bei Hansenet sowie der Schweizer Unternehmer Markus Billeter sollen in das Kontrollgremium gewählt werden. Dritter Mann auf der Wunschliste ist Uwe Bergheim, der über einen laufenden Chefvertrag bei der Football-Liga NFL Europe verfügt, die ihren Spielbetrieb allerdings eingestellt hat. Bis 2005 war Bergheim Chef des Mobilfunkkonzerns E-Plus. Zur Ablöse stehen dagegen beim Spoerr-Kritiker Choulidis der Ex-RTL- und langjährige Mobilcom-AR-Chef Helmut Thoma sowie Rechtsanwalt Oliver Brexl und Notar Hans-Joachim Priester. Die drei folgten in der Vergangenheit häufig ohne nennenswerten Widerspruch den Plänen Spoerrs.

Revoluzzer Choulidis ist nicht allein: Auch Hedgefondsmanager Florian Homm (48), über die Absolute Capital Management mit 3,02 Prozent eingestiegen, erklärte bereits, dass er in einem Teil- oder Komplettverkauf des Unternehmens ein höheres Wertsteigerungspotenzial sähe als in einer Fortführung der fusionierten Freenet. Auch Stephan Howaldt, Vorstandsvorsitzender von Hermes Focus Asset Management, ist für das Filetieren von Freenet: Der Konzern habe Chancen für passende Zukäufe ungenutzt verstreichen lassen, nun gebe es "nichts mehr zu kaufen", so Howaldt, dessen Gesellschaft mehr als 5 Prozent der Freenet-Aktien hält.

Der nach dem Ausstieg der Texas Pacific Group (TPG) größte Einzelaktionär bei Freenet, die Vatas Holding, hält sich mit einem strategischen Urteil noch zurück. Zwar soll der einstige Jungunternehmer-Star, Zwischenzeit-Pleitier und heutige Vatas-Geschäftsführer Lars Windhorst Verkäufe von Teilbereichen bereits geprüft haben. Offiziell hält sich der Investor aber bedeckt.

Ominöser Paketverkauf vor der HV

2. Ominöser Paketverkauf vor der HV

Vier Tage vor der Freenet-Hauptversammlung hatte die Deutsche Bank  1,6 Millionen Aktien des Unternehmens - rund 2 Prozent der gesamten Anteile platziert. Für 24,60 Euro seien die Wertpapiere in andere Hände gewandert, meldete die Bank. Wer gekauft hat und was hinter dem 39-Millionen-Euro-Deal steckt - dazu äußerte sich die Bank nicht. Naheliegend ist die Vermutung, dass die Fondsgesellschaft Union Investment als Verkäufer aufgetreten ist. Freenet meldete am Donnerstag, dass der Anteil der Fondsgesellschaft von mehr als 3 auf 1,34 Prozent gesunken sei - Käufer unbekannt. Aus unternehmensnahen Kreisen bei Großaktionär Drillisch erfuhr manager-magazin.de, dass der Konzern nicht der Käufer dieses Pakets sei. Die Käufer-Frage könnte beim Aktionärstreffen allerdings abschließend beantwortet werden - von Spoerrs Gegnern oder seinen Getreuen.

3. Spoerrs Optionsportion

Anderthalb Jahre hatte sich Spoerr für eine Verschmelzung von Mobilcom und Freenet eingesetzt. Als im Januar der Deal schließlich unterzeichnet wurde, gab es zur Belohnung Aktienoptionen, Spoerrs Paket besaß einen Wert von rund fünf Millionen Euro. Eine ebenfalls ansehnliche Optionsportion hatte er bereits im Vorjahr erhalten: 2006 genehmigte der Aufsichtsrat fünf Millionen der Hebelpapiere für den Vorstand und ausgewählte Führungskräfte - insgesamt gut 50 Millionen Euro wert.

Alljährlich im November können die Manager ihre Optionen einlösen - bis zu einem Höchstwert von einem Fünftel ihres Gesamtpakets. Sollte es aber zu einem Verkauf von Freenet kommen, dürfen die Führungskräfte sofort ihren kompletten Bestand in Bares tauschen.

Das wäre ein lohnendes Geschäft: Heute Mittag lag der Freenet-Aktienkurs  bei 24,90 Euro, jede vom Unternehmen gewährte Option war damit mehr als sieben Euro wert. Kommt es zum Verkauf, hätte dies eine wohltuende Wirkung für Spoerrs Privatkonto und die einiger anderer Führungskräfte. Die Konsequenzen der Klausel dürften bei einigen Aktionären für Missstimmung sorgen.

In seinen Stellungnahmen vor der Hauptversammlung betonte Spoerr jedoch stets, er sehe eine Zerschlagung weder im Gesellschafterinteresse noch als "adäquates Mittel, den Wert [des Unternehmens] zu steigern". Einen Komplettverkauf dagegen könne er sich vorstellen.

Ein Verkauf wäre auch aus anderer Perspektive lohnend, denn Freenet ist für die Zukunft im hart umkämpften Markt für Mobilfunk und DSL-Anschlüsse bei Weitem nicht so gut gerüstet, wie Spoerr es glauben machen will. In beiden Märkten ist die Firma im Wettbewerbsumfeld weit abgeschlagen. Und der aggressive Konkurrenzkampf verdirbt mehr und mehr die Margen. Die aktuellen Umsätze und Gewinne von Freenet liegen deshalb weit hinter jenen Zielen zurück, die mit der Fusion angestrebt wurden.

4. Dynamit vom Leiter des Rechnungswesens

Mit einer ungewöhnlichen Offensive eines Ex-Mitarbeiters bei Freenet werden sich demnächst wohl nicht nur der Aktionärskreis, sondern auch die Staatsanwaltschaft beschäftigen. Marc Münch, ehemals Leiter des Rechnungswesens bei Freenet hat eine Sammlung von mehreren hundert Seiten an Belegen, Dokumenten und juristischen Einschätzungen zusammengetragen und vor einigen Wochen an Steuerfahnder, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), die US-Börsenaufsicht SEC und die Staatsanwaltschaften Hamburg und Kiel verschickt.

Letztere haben bereits gegen Spoerr unter den Aktenzeichen 5650 Js 42/07 und 545 Js 30428/07 Ermittlungsverfahren wegen Betrugs, Untreue, Insiderhandels und Geldwäsche (insgesamt mehr als 20 Tatvorwürfe) eingeleitet. Münch will mit dem umfangreichen Material nachweisen, dass Spoerr über ein Geflecht von Beteiligungen zweistellige Millionenbeträge aus dem Firmenvermögen abgezweigt habe. Spoerr hat die Anschuldigungen zurückgewiesen. Zur Sprache werden sie bei der Hauptversammlung am Freitag vermutlich dennoch kommen. Wenn Spoerr anschließend mit unbeschadetem Ruf in das Wochenende geht, müssten selbst Kritiker eingestehen, dass er damit sein Meisterstück abgeliefert hätte. Darauf wetten allerdings nur wenige.

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