Murdoch Der alte Mann und das Internet

Mit 76 Jahren beweist Rupert Murdoch der Medienbranche noch immer, dass er hellwach ist. Während der Begriff Internet für andere in seinem Alter ein bedeutungsloses Modewort ist, arbeitet der schillernde Milliardär eisern daran, seinen News-Corp.-Konzern zu einem multimedialen Unternehmen umzubauen. Jüngstes Opfer: der Internetgigant Yahoo.
Von Marleen Gründel und Alexander Zeuner

Hamburg - Rupert Murdoch nimmt sich Studien sehr zu Herzen. Vor über zwei Jahren las er in einer Untersuchung der Carnegie Stiftung, dass ein Großteil der 18- bis 34-Jährigen das Internet als einzige Nachrichtenquelle nutzt. Der Milliardär erklärte daraufhin vor den Führungskräften seines Medienkonzerns News Corp. , dass sich die Branche neu erfinden müsse, wenn sie den Bedürfnissen der "iPod-Generation" gerecht werden wolle.

Konsequent wie Murdoch ist, befolgte er den eigenen Rat umgehend und baute sein Medienimperium kräftig in Richtung World Wide Web aus. Im Jahr 2005 übernahm der 76-Jährige in einem Alter, in dem andere Menschen das Wort Internet bestenfalls mal gehört haben, die Onlinekontaktbörse MySpace für 580 Millionen Dollar, es folgten die Computerspiele-Website IGN Entertainment für 650 Millionen Dollar, der Flickr-Konkurrent Photobucket für geschätzte 300 Millionen Dollar sowie mehrere kleinere Übernahmen von Internetfirmen.

Den vorläufigen Höhepunkt seiner Internetavancen bildet der Versuch, bei dem Internetimperium Yahoo einzusteigen. Ein Viertel des mit rund 37 Milliarden Dollar bewerteten Unternehmens will sich Murdoch der britischen Tageszeitung "The Times" zufolge unter den Nagel reißen, im Gegenzug bietet er dem Konzern seine Kontaktbörse MySpace an.

Bringt Murdoch die Kehrwende für Yahoo?

Die Voraussetzungen dafür sind denkbar gut: Der ewige Kampf mit Wettbewerber Google  hat Yahoo  stark zugesetzt, Anteilseigner beklagen den schlechten Aktienkurs, zuletzt nahm CEO Terry Semel seinen Hut. Nun soll Yahoo-Mitgründer Jerry Yang das Unternehmen wieder in ruhigeres Fahrwasser lenken - womöglich mit Hilfe von Murdoch.

Der Milliardär könnte mit dem Tausch zusätzliche Nutzer für seine anderen Medienangebote erreichen, schließlich gehört Yahoo zu den meist frequentierten Webseiten der USA. Nur mit dem Geldverdienen tut sich der Internetkonzern im Gegensatz zu seinem ewigen Konkurrenten Google schwer. Hier könnte der gewiefte Milliardär mit seiner über 50-jährigen Erfahrung im Mediengeschäft die Wende einleiten.

Murdoch, der "Dirty Digger"

Wie alles anfing

Schließlich blickt Murdoch auf eine äußerst erfolgreiche Karriere zurück. Als 21-Jähriger übernahm der in Melbourne geborene Volkswirt nach dem Tod des Vaters dessen Lokalzeitungen "The Adelaide News" und "Sunday Mail" und machte sie zu hoch profitablen Zeitungen. Doch Murdoch reichte das nicht. Er wollte mehr, deutlich mehr.

Von seinem ersten Gewinn finanzierte er die Expansion in Australien. Er kaufte Sydneyer Lokalblätter, erwarb Anteile an mehreren Rundfunk- und Fernsehanstalten und bündelte alle Aktivitäten unter dem Dach seines Zeitungskonzerns News Corp. . Als er nach wenigen Jahren über rund 70 Prozent der täglichen Zeitungsauflage des fünften Kontinents herrschte, zog er weiter.

Ende der 60er Jahre nahm sich Murdoch den britischen Markt vor. Hier kannte er sich bereits ein wenig aus, schließlich absolvierte er sein Volkswirtschaftsstudium damals in Oxford. Unter anderem übernahm er die Kontrolle über die Tageszeitung "The Sun", die zweifelhafte Bekanntheit vor allem durch Oben-ohne-Bilder erlangte. Sein Hang zum Boulevard-Journalismus, den er bis heute nicht abgelegt hat, brachte ihm schließlich auch den Spitznamen "Dirty Digger" (Dreckwühler) ein.

Gewinne stehen vor dem Gewissen

Murdochs Aktivitäten in Großbritannien offenbarten, dass er keiner bestimmten politischen Ideologie verpflichtet ist. Politische Macht mit Medien ist für ihn nur Mittel zum Zweck - dem finanziellen Nutzen. Zuerst unterstützte er die konservative Premierministerin Margaret Thatcher - ihr Kampf gegen die Gewerkschaft kam dem Medienmogul gelegen.

Auch er hatte in den 80er Jahren mit den organisierten Arbeitnehmern zu kämpfen. Schließlich feuerte Murdoch seine streikenden Mitarbeiter und verlagerte ein Druckwerk vor die Tore Londons, in dem er dann nicht-gewerkschaftlich organisierte Arbeiter beschäftigte. Spätestens seit diesen Tagen eilt Murdoch der Ruf voraus, ein skrupelloser Machtmensch zu sein, der seine Ziele um jeden Preis erreichen will. Von seiner Lenin-Büste samt kommunistischer Wertvorstellungen, die er zu Studienzeiten noch vertrat, hatte er sich wohl längst getrennt.

Mitte der 90er Jahre schwenkte der Medienmogul schließlich zur Labour Party um. Seine britischen Blätter gaben kurz vor den Wahlen eine Empfehlung für Tony Blair aus. Gerüchten zufolge handelte es sich dabei um eine Absprache zwischen dem späteren Premier Englands und Murdoch: Nachdem Blair gewählt wurde, veranlasste dieser eine Auflockerung der Medienkontrolle. Der Zusammenhang mit der Wahlempfehlung wurde offiziell allerdings nie bestätigt.

Tops und Flops in Amerika

Tops und Flops in Amerika

Auch auf dem amerikanischen Markt, in den er 1972 einstieg, stellte Murdoch seinen persönlichen Nutzen vor redaktionelle Belange. Um sich mit der chinesischen Regierung gut zu stellen, weigerte sich der Unternehmer, das China-kritische Buch des Ex-Gouverneurs von Hongkong in einem seiner US-Verlage zu veröffentlichen.

Die Vereinigten Staaten von Amerika waren aber auch der Markt, in dem Murdoch seine erste schwere Krise bewältigen musste. Die von ihm übernommenen Fernsehstationen und Produktionsfirmen wie "Fox News" und "20th Century Fox" blieben hinter den Erwartungen zurück, die Wirtschaftsflaute der 90er tat ihr Übriges: News Corp.  geriet mit einem riesigen Schuldenberg kräftig ins Wanken.

Doch Murdoch konnte sich mithilfe von Umschuldungspaketen, Verhandlungen mit den Gläubigerbanken und dem Verkauf von Beteiligungen retten. In dieser Phase sei er "um zwanzig Jahre gealtert", räumte Murdoch später in einem Interview ein.

Der gewiefte Geschäftsmann schaffte die Wende und hat mit seinen Aktivitäten rund um den Globus inzwischen ein geschätztes Vermögen von mehr als sieben Milliarden Dollar angehäuft. Doch anstelle sich mit 76 Jahren auf seinem Geldberg auszuruhen und die Führung des News-Corp.-Imperiums einem seiner sechs Kinder zu überlassen, mischt der unersättliche Medientycoon immer noch eifrig mit.

MySpace-Gründer attackiert Murdoch

So arbeitet Murdoch neben seinen Aktivitäten im Internet auch konsequent weiter an dem Ausbau des klassischen Geschäfts. Seit Mai dieses Jahres umgarnt der Unternehmer beispielsweise die Haupteigentümer des Dow-Jones-Verlags, der unter anderem das "Wall Street Journal" herausgibt. Fünf Milliarden Dollar bietet Murdoch, doch bisher ziert sich die Eigentümerfamilie noch. Wie der Verlag selbst fürchtet die Familie Bancroft um die journalistische Unabhängigkeit der Redaktion. Denn wie die Vergangenheit zeigt, nimmt es Murdoch damit nicht so genau.

Murdochs Biografie kommt ihm in diesem Fall nicht wirklich zugute. Nicht nur, dass die Arbeitnehmer bereits selbst nach einem anderen Interessenten suchen. Auch ein ehemaliger Kontrahent macht ihm nun einen Strich durch die Rechnung: So hat der MySpace-Gründer Brad Greenspan ebenfalls ein Gebot für Dow Jones abgegeben.

Greenspan versuchte vor zwei Jahren, die Übernahme von MySpace durch Murdoch um jeden Preis zu verhindern. Seit er damit scheiterte, überzieht er Murdoch mit einer Reihe von Klagen. Der Verkauf damals sei ungültig gewesen, es sei Insiderhandel betrieben worden und das Netzwerk unter seinem Preis verkauft worden, so die Vorwürfe.

Bond-Bösewicht ähnelt Murdoch

Bond-Bösewicht ähnelt Murdoch

An Murdoch prallen solche Äußerungen ab. "Man kann nicht Außenseiter und über 30 Jahre erfolgreich sein, ohne dabei in seinem Umfeld ein gewisses Maß an Narben zu hinterlassen", sagte er einmal dem "Time Magazine".

Sein Geschäftsgebaren wurde sogar schon Stoff eines James-Bond-Films. In "Der Morgen stirbt nie" will der britische Medienmogul Elliot Carver die informatorische Weltherrschaft gewinnen und zettelt zu diesem Zweck einen Krieg zwischen Großbritannien und China an. Eine der Inspirationen zu diesem Film soll die Biografie von Rupert Murdoch gewesen sein.

Bei Yahoo  zumindest muss sich Murdoch keine Sorgen darüber machen, dass sein bisheriges Verhalten kritisch beäugt wird. Das Internetportal ist kein journalistisches Produkt, sodass die Wahrung der redaktionellen Unabhängigkeit nicht im Vordergrund steht.

Und mit Sicherheit kann der 38-jährige Yahoo-Mitgründer Yang noch einiges von dem alten Hasen lernen. Denn eines steht fest: Solange er gesundheitlich fit ist, wird der Medienmogul Murdoch mit seinem News-Corp.-Konzern auch weiterhin den internationalen Medienmarkt aufmischen. Schließlich hatte er eine Übergabe noch zu Lebzeiten bereits auf der Hauptversammlung im Jahr 2003 ausgeschlossen. "Ihr werdet mich hier heraustragen müssen", sagte er damals.

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