Angriff aus Asien "Wir sammeln Wissenschaftler"

Von China bis Singapur - Asien ist im Aufbruch. Der Aufstieg der neuen Mächte und ihr geballtes Know-how, das sich längst nicht mehr auf Software und IT beschränkt, werden für den Westen Folgen haben. Eine Übersicht der Angreifer und ihrer Stärken.

In Bangalore, dem indischen Silicon Valley, ballt sich das Know- how vor allem in einem Bereich: Software.

In und um Bangalore sind rund 150.000 IT-Ingenieure beschäftigt. Das sind inzwischen mehr als im Original, dem amerikanischen Silicon Valley.

Software und IT sind die Branchen, in denen Indien jetzt schon zu den führenden Nationen der Welt gehört. Jedes Jahr verlassen rund 80.000 Softwareingenieure die indischen Universitäten, und weitere 50.000 kommen von privaten Instituten hinzu. Aber es ist nicht nur die Masse, die's macht, sondern auch die Qualität.

"Indien hatte immer brillante Leute. Aber nun übernehmen sie die Führung bei der Eroberung des Cyberspace", sagt Paul Saffo, Leiter des Institute for the Future in Menlo Park, gegenüber dem US-Wirtschaftsmagazin "Business Week".

Für nahezu alle großen IT-Firmen dieser Welt - ob es Handyhersteller Motorola , Computergigant Hewlett-Packard  oder Netzwerkproduzent Cisco  ist - spielt das Know-how aus Indien inzwischen eine ganz wichtige Rolle.

Dass Inder in der IT-Technologie und Software stark sind, hat sich inzwischen herumgesprochen. Doch dass es noch einen anderen Technologiebereich gibt, in dem sie gewaltig aufholen, ist nur wenigen bekannt: die Biotech- und Pharmaindustrie. "Diese Branche ist im Stillen gewachsen", sagt der Chef der Deutsch-Indischen Handelskammer, Bernhard Steinrücke, "aber sie ist auch eine der großen Industrien, wo die Inder international mitreden können."

Lange Zeit haben sie nur westliche Arzneimittel kopiert, jetzt entwickeln sie selbst welche. "Indien hat die größte Anzahl von FDA-anerkannten Pharmafabriken außerhalb der USA", sagt der Pharma-Unternehmer K. Anji Reddy. FDA ist das Kürzel der amerikanischen Food and Drug Administration. Eine penible Organisation, deren Anerkennung als wertvolles Gütesiegel gilt.

Die drei größten Pharmaunternehmen Ranbaxy, Dr. Reddy's Laboratories und Nicholas Piramal, aber auch der Biotechstar Biocon haben alle vielversprechende Produkte in der Forschungspipeline. Nicholas Piramal will sogar ein Antikrebsmittel auf den Markt bringen, Biocon-Chefin Kiran Mazumdar-Shaw träumt von einem Insulin, das geschluckt statt gespritzt wird.

Indien - Gesundheitstourismus für Alle

Indien - Gesundheitstourismus für Alle

Wie die IT-Industrie hat auch die Pharmabranche zwei große Vorteile: Vergleichsweise geringe Kosten und viel intellektuelles Know-how. Indische Wissenschaftler, Ärzte und Laboranten verdienen nur ein Fünftel bis ein Achtel dessen, was ihre amerikanischen Kollegen bzw. Konkurrenten bekommen.

Dabei ist das Niveau der Ausbildung fast gleich. Gerade im medizinischen Bereich profitiert Indien von den kolonialistischen Spätfolgen des britischen Systems. Der verstorbene Management- Guru Peter Drucker sagte in einem Fortune-Interview: "Die medizinische Hochschule in New Delhi ist wahrscheinlich die beste der Welt." Indiens Ärzte haben einen exzellenten Ruf, der langsam in der Welt auf ein Echo stößt. Es entwickelt sich ein regelrechter Gesundheitstourismus, vor allem aus den USA und Großbritannien. 150.000 Ausländer kamen bereits 2005 zu Behandlungen nach Indien. Als in der populären amerikanischen TV-Sendung "60 Minutes" über Indiens günstige Heiler berichtet wurde, stieg die Zahl der Interessenten stark an.

Es sind nicht nur die Reichen und Superreichen, die nach Indien einfliegen, um sich gewisse Körperteile größer, kleiner oder schöner machen zu lassen. Es sind eher die Unter- oder gar nicht Versicherten sowie Kranke, die in den maroden Gesundheitssystemen des Westens oft monatelang auf eine Behandlung oder Operation warten müssen. Für sie ist Indien inzwischen eine kostengünstige Alternative.

Für Indien ist der Gesundheitstourismus bereits zum Milliardengeschäft geworden. Es gibt erfolgreiche Krankenhausketten wie zum Beispiel Apollo, Wockhardt, Fortis oder Max. Sie bieten inzwischen ganze Pakete für Westler an, erst die Operation, dann zur Rekonvaleszenz oder zur Ayurveda-Kur an den Strand von Goa.

Heile indische Welt: Vergleich der medizinischen Behandlungskosten in Indien und den USA (in Dollar)

Behandlung Indien USA
Bypass-Operation 6600 60.000
Neues Knie 6500 22.000
Nasenverschönerung 2000 10.000
Knochenmarktransplantation 26.000 250.000
Zahnwurzelbehandlung 100 1000
Stand: 2007; Quelle: Outlook:

Die meisten Hospitäler haben Weststandard und das Gütesiegel der amerikanischen Joint Commission International (JCI). Im Wockhardt in Mumbai erwarten den Patienten auf seinem Zimmer ein Computer, Internet, ein DVD-Spieler, eine Minibar, eine Kaffeemaschine und ein Handy. Der Service so gut wie in einem Vier-Sterne-Hotel.

China - Gentechnologie und Raumfahrt

China: Gentechnologie und Raumfahrt

Eigentlich war Maria Corina Roman ein hoffnungsloser Fall. Sie hatte Brustkrebs. Und die Metastasen wucherten auch in anderen Organen. Chemo- und Radiotherapien schlugen nicht an. Die Ärzte gaben der dänischen Ärztin nur noch ein Jahr. Die knapp 40-jährige Mutter zweier Kinder bereitete sich langsam auf das Schlimmste vor. Dann las sie 2001 in einer medizinischen Fachzeitschrift, dass in China weltweit die erste Gentherapie genehmigt wurde. Sie fuhr nach Beijing, unterzog sich dieser 20.000 Dollar teuren Therapie und kam geheilt zurück. Heute arbeitet sie wieder als Ärztin im heimischen Šrhus, berichtet die "Financial Times".

Diese "Wunder"-Heilung haben Maria Roman und zahlreiche andere Krebspatienten aus aller Welt einem Produkt namens Gendicine zu verdanken. Ganz simpel ausgedrückt ist Gendicine ein Produkt aus einem Gen namens p53, das Tumore angreift, und einem Virus. Wird Gendicine in den Körper des Patienten gespritzt, befördert das Virus das Gen p53 zum Tumor, dessen Zellen sich durch die Attacke selbst auflösen.

Entdecker von Gendicine ist Peng Zhaohui. Er studierte in China und Japan Medizin, arbeitete anschließend einige Jahre an der University of California in Los Angeles. 1998 kam er zurück und gründete in Shenzhen mit 300.000 Dollar Startkapital von der städtischen Regierung die Firma SiBiono GeneTech Co.

Seit dieser Zeit arbeitete Peng auch mit Li Dinggang zusammen. Li leitet das Gentherapiezentrum am Haidian Hospital im Nordwesten Beijings. Er wendet als einziger Arzt Gendicine an. Zu ihm kommen deshalb Krebspatienten aus aller Welt. Im Westen beobachten die Medizinerkollegen sein Wirken freilich argwöhnisch - oder gar neidisch? Sie zweifeln die Erfolgszahlen an.

Peng kontert: Sechs Jahre habe man Gendicine getestet. Es sei sicher und effektiv. Im Vergleich zu der herkömmlichen Chemo- und Strahlentherapie sei seine Gentherapie dreimal erfolgreicher.

China ist auf dem Weg, in der Bio- und Gentechnologie zu einer der führenden Nationen, wenn nicht sogar zu der führenden Nation zu werden. Dabei hat das Land einen großen Vorteil: Während wir hier im Westen aus ethischen Gründen in der Genforschung zurückhaltend sind, handelt China relativ skrupelfrei. Während wir noch streiten, ob man genveränderte Lebensmittel verkaufen und verbrauchen darf, hat China schon längst entschieden: Man darf.

Als Erstes haben Chinas Forscher genveränderte Baumwolle gezüchtet, die gegen gewisse Insekten resistent ist. Die Baumwollbauern, denen durch die Insekten oft ganze Ernten vernichtet wurden, griffen bereitwillig zu. Heute bestehen zwei Drittel der chinesischen Ernte bereits aus genmanipulierter Baumwolle. Als Nächstes könnte genmanipulierter Reis folgen. Drei vorgeschriebene Testläufe wurden bereits gemacht.

Schon ein Stück weiter als in der Bio- und Gentechnologie ist China in einem anderen zukunftsträchtigen Bereich: der Raumfahrt. Ihren vorläufigen Höhepunkt erlebte die ganze Nation am 13. Oktober 2005. Diesmal war es - anders als beim ersten Raumflug - keine geheime Mission. Der Start wurde live im chinesischen Staatsfernsehen und sogar öffentlich auf Großbildleinwänden übertragen. So konnten Hunderte von Millionen sehen, wie um 11 Uhr jenes Tages das Raumschiff Shenzhou VI in der Wüste Gobi abhob.

Zwei Jahre nach dem ersten Raumflug eines Chinesen wurden damit erneut zwei Astronauten ins All geschossen: die Taikonauten Fei Jun Long und Nie Haisheng. Doch im Gegensatz zum ersten Taikonauten Yang Liwei, der knapp 22 Stunden im All war, verbrachten die beiden dort vier Tage. Außerdem war es an Bord etwas komfortabler: Sie konnten ihr Essen warm machen, und es gab sogar Geschirr.

Die Chinesen sind damit nach den Russen und den Amerikanern die dritte große bemannte Raumfahrtnation. China hat große Pläne: Bei den nächsten Flügen sollen Andockmanöver und Außeneinsätze geprobt weden. Später soll ein Raumlabor folgen.

"Innerhalb eines Jahrzehnts könnten Chinas Aktivitäten durchaus die Russlands und die der europäischen Raumfahrtagentur übersteigen", kommentiert der US-Experte James Oberg laut "Financial Times Deutschland" die Aktivitäten Chinas. "Und wenn China die wichtigste Raumfahrtnation nach den USA geworden ist, könnte ein völlig neuer Wettlauf im All beginnen."

Zum Beispiel Richtung Mond. Seit 2004 arbeitet China an einem Mondprogramm. Luan Enjie, der Kommandant des Projekts, sagt, eine erste Mondrakete soll bereits 2007 gezündet werden. Und noch vor dem Jahr 2020 sollen die ersten chinesischen Raumfahrer auf dem Mond landen.

Da wollen die Amerikaner nicht zurückbleiben. Sie wollen auch wieder zum Mond. Spätestens 2018, also fast 50 Jahre nach den ersten Menschen auf dem Mond, sollen dort erneut US-Astronauten ihre Spuren hinterlassen.

Südkorea - Breitband und Internet

Südkorea: Breitband und Internet

Wer erleben will, wie Internet-verrückt die Südkoreaner sind, muss in ein Baang gehen. Baang heißt schlicht Raum und ist halb Internet-Café, halb Spielhölle. Rund 30.000 Baangs mit 1,2 Millionen Computer-Schirmen gibt es im Lande. In den Baangs wird geflirtet, gesurft und gespielt - manchmal bis zum Umfallen, was durchaus wörtlich zu verstehen ist. Der eine oder andere Südkoreaner wurde schon mal erschöpft aus einem Baang herausgetragen.

Die Südkoreaner sind Weltmeister im Online Gambling, sie sind das kaufwütigste Volk im Internet, und sie erledigen inzwischen fast alle ihre Bankgeschäfte und Aktiendeals im Netz. Im Schnitt surft der Südkoreaner 20 Stunden pro Woche im Netz. Er sitzt mehr vor dem Computer als vor dem Fernseher.

Technologisch sind die Südkoreaner dazu bestens ausgerüstet. Fast drei Viertel aller Haushalte surfen bereits über schnelle und billige Breitband-Anschlüsse im Internet. Keine Nation hat pro Kopf mehr davon als Südkorea. Die EU-Staaten und die USA liegen da weit zurück.

Mindestens ein genauso wichtiges Spielzeug ist für die Südkoreaner das Handy. Fast jeder Südkoreaner über zwölf Jahren besitzt ein Handy, mancher sogar mehrere. Samsung, der südkoreanische Elektrokonzern, gilt als einer der innovativsten Handyhersteller der Welt. Und die Betreiber bieten - in enger Zusammenarbeit mit Samsung  - Dienste an, die bei uns undenkbar wären, aber die zeigen, in welch anderer digitalen Welt die Südkoreaner bereits leben.

Zum Beispiel "find friends" von SK Telecom. Für 11 US-Cent kam man erfahren, wo sich ein Handybesitzer gerade herumtreibt. Für drei Dollar im Monat bekommen ausgewählte Freunde automatisch eine Botschaft auf ihre Handys, wenn man in ihrer Nähe ist. Für 10 Dollar werden besorgte Eltern per Handy alarmiert, wenn ihre Kinder vom Schulweg abweichen. Gimmicks? Nicht in Südkorea. Vier Millionen Kunden benutzen "find friends".

Weil Internet und Handy so weit verbreitet sind, lag es in Südkorea nahe, Internet- und Mobiltelefonie miteinander zu verbinden. Das Stichwort heißt mobiles Internet. Samsung entwickelte hierfür neue handliche Geräte, mit denen man gleichzeitig fernsehen, digital fotografieren und telefonieren kann. SK Telecom hat seit August 2005 DMB - Digital Multimedia Broadcasting - im Angebot. Dabei bieten TV-Sender Programme über Handys an - vom Baseball-Spiel über Soap Operas bis zu den Abendnachrichten. Auch bei diesem Service ist Südkorea weltweit vorn.

"Kaum eine andere Industrienation knüpft seine wirtschaftliche Zukunft so eng an neue Informationstechnologien wie Korea", analysiert der Spiegel-Korrespondent Wieland Wagner. Es gibt viele staatliche Programme, die die Regierung in den letzten Jahren aufgelegt hat.

"Das langfristige Ziel ist es, Südkorea zum Zentrum der digitalen Wirtschaft zu machen, das Produkte und Dienstleistungen anbietet, die fortgeschrittener sind als alle anderen auf der Welt", schreibt Clyde Prestowitz vom Economic Strategy Institute in seiner Studie America's Technology Future at Risk.

Mit welcher Energie und Konsequenz Südkorea dieses Ziel verfolgt, ist nirgendwo besser zu besichtigen als in New Songdo City, einer völlig neuen Hightechstadt, 65 Kilometer von der Hauptstadt Seoul entfernt. Neben viel avantgardistisch technologischem Schnickschnack entstehen dort ein Central Park (wie in New York) und ein Kanalsystem (wie in Venedig). Das weltweit einmalige Projekt kostet 25 Milliarden Dollar, soll 2014 fertig sein und Platz für 65.000 Menschen bieten.

Hausschlüssel gibt es für sie dann nicht mehr. Es reicht eine Smart Card. Der US-Koreaner John Kim, der das Projekt leitet, sagt: "Mit dieser Karte kann man auch Metro fahren, seine Parkgebühren zahlen, einen Film anschauen, ein öffentliches Fahrrad benutzen und so weiter." Natürlich gibt es überall in der Stadt drahtlosen Zugang ins Internet, Nachbarn können sich per Videokonferenz treffen. Und in jedem Heim gibt es video-on-demand, es ist also kein lästiger Gang in den Videoshop mehr nötig.

Sicher werden dann in den Wohnungen auch Roboter ihre Dienste tun. Denn schon viel früher, nämlich 2007, wird der Roboter Einzug ins südkoreanische Heim halten. Er wird den Kindern zu Hause Englisch beibringen, er wird mit ihnen singen und tanzen. Außer Haus wird er Kunden zu Postämtern und durch Behördenflure begleiten, und er wird durch öffentliche Gebäude und Flächen patroullieren und jederzeit Bilder in die Überwachungszentralen senden.

Wenn alles nach Plan geht, soll zwischen 2015 und 2020 jeder südkoreanische Haushalt einen Roboter haben. Das prophezeit das Ministerium für Information und Kommunikation. Doch Oh Sang Rok ist das nicht ehrgeizig genug. "Mein persönliches Ziel ist es, 2010 in jedem Haushalt einen Roboter zu sehen", sagt der Direktor des Center for Intelligente Robotics gegenüber der "New York Times". Er glaubt, dass Roboter unser Leben in einer Art und Weise verändern werden, wie wir es uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Derzeit sind in Südkorea schon 51.000 Roboter im Einsatz. Ein anderes Land hat freilich noch mehr dieser metallener Geschöpfe: Japan.

Japan - Mobilfunk und Roboter

Japan: Mobilfunk und Roboter

Expo 2005 in Nagoya. Große Menschenschlangen bilden sich vor einer Halle, die wie eine Sportarena aussieht. Geduldig warten die vielen Japaner und wenigen Ausländer auf den Einlass, der im Zwei-Stunden-Rhythmus gewährt wird. Dann werden sie von Hostessen in grauen Kostümen in die Halle auf die Plätze geführt. Das Spektakel kann beginnen: Eine Band betritt die Bühne und schmettert westliche Weisen. Einer aus der Truppe legt ein veritables Trompetensolo hin. Beifall braust auf. Die Band-Mitglieder verneigen sich dankbar und winken etwas ungelenk ins Publikum, ehe sie sich gemächlichen Schrittes von der Bühne bewegen.

Die Musiker sind keine Menschen. Sie sind Roboter. Keine Nation hat so viele Roboter im Einsatz wie die Japaner. Über 350.000 sollen es sein. Japaner setzen ihre künstlichen Wesen schon vielfältig ein. Sie arbeiten - das ist längst bekannt - in fast menschenleeren Fabriken.

Alte Menschen lassen sich vom Roboter Paro betreuen und trösten. Und als neuester Gag gehen Roboter auf der Straße Streife. Wenn man in der Aqua City Odaiba spazieren geht, kann es passieren, dass einem Robo D1 - entwickelt von Sohgo Security Services - begegnet.

Mitsubishi Heavy Industries  hat einen einmetergroßen gelben Roboter namens Wakamaru für zu Hause entwickelt. Er kann bis zu zehn Personen erkennen und sie beim Namen nennen, er weckt morgens seine Mitbewohner, betet dann - wahlweise mit männlicher oder weiblicher Stimme - das Tagesprogramm herunter und sagt dem Hausherrn und der Hausfrau, ob sie heute einen Schirm brauchen oder nicht. Der Roboter als Freund - so sieht es Ken Onishi, der bei Mitsubishi das Roboter-Team leitet. Gegenüber der Financial Times sagt er: "Wir haben einen Roboter entwickelt, mit dem Sie befreundet sein können - wie mit einem Menschen."

Die Japaner haben keine Berührungsängste mit den nichtmenschlichen Wesen. Roboter-Professor Takeo Kanade erklärt die Zuneigung damit, dass die Japaner schon seit über fünfzig Jahren durch Comics und Spielzeuge mit Robotern vertraut sind. Zudem sind die Japaner allem Neuen gegenüber sehr aufgeschlossen, mag es manchmal in unseren westlichen Augen noch so verrückt sein.

Diese Haltung zeigt sich auch bei der Nutzung ihres Handys. Längst ist das Handy, das dort Keitai (wörtlich: Mitbringsel) heißt, zu einem unentbehrlichen Begleiter geworden, mit dem man auch telefonieren kann.

NTT DoCoMo  ist der größte Mobilfunkbetreiber Japans. Er hat über 50 Millionen Kunden. "Einer der innovativsten Player im globalen Mobilfunkgeschäft", urteilt "Business Week". Die Japaner führten i-mode (Internet via Handy) ein und schon 2001 das Mobilfunk-System der 3. Generation, das so genannte 3G.

Ich habe ein Gespräch mit DoCoMo-Vorstandschef Masao Nakamura. Bevor es dazu kommt, drängen mich die PR-Hostessen in einen Ausstellungsraum des Unternehmens. Stolz demonstrieren sie dort, wo man Handys im Alltag schon überall einsetzen kann. Das Handy als Geldbörse, als Kreditkarte oder als Fahrkarte für die Metro in Tokio. Sie nennen es Wallet Phone, elektronische Geldbörse. Das Handy als Comicheft und Übermittler von Liebesgeschichten. Das Handy als Fernsehgerät.

Wer sich das alles ausdenkt? Ein Mann namens Takeshi Natsuno, Chef von Multimedia Service bei DoCoMo. Er nennt sich selbst "DoCoMos verrückter Hund". Im technikverliebten Japan ist der Autor zweier Bücher eine Berühmtheit. DoCoMo-Chef Nakamura sagt: "Sie können kaum überleben, wenn Sie nur Voice anbieten. Die Übermittlung von Daten spielt die entscheidende Rolle. Deshalb müssen wir permanent neue Features entwickeln und anbieten."

Das Wallet Phone ist derzeit eines der wichtigsten bei DoCoMo. Maximal 450 Dollar können die Japaner auf ihr Handy laden. Aufladestationen gibt es im ganzen Land. Das elektronische Geld ausgeben kann man in Kaufhäusern, Cafés und Restaurants, sogar an Getränkeautomaten.

E-Cash wird angenommen. 16 Millionen Transaktionen gibt es jeden Monat, Tendenz stark steigend. "Japan wird zu einer bargeldlosen Gesellschaft", prophezeit Makoto Yamada, Manager bei bitWallet gegenüber dem "Wall Street Journal".

Allerdings schläft auch DoCoMo-Konkurrent KDDI  nicht. Er bietet einen Download Service für Musik an, wodurch der MP3- Spieler bald überflüssig werden könnte. Und KDDI zaubert auf seine Handys ein satellitengesteuertes Positionierungssystem, das orientierungslose Personen sicher an ihr Ziel führt.

Alle Handy-Betreiber der Welt schauen, was DoCoMo und KDDI machen, um es dann mehr schlecht als recht nachzuahmen. Die Japaner, die Kopierer - das war einmal. Jetzt ist es andersherum.

Während die Europäer und Amerikaner noch an der Einführung ihres 3G-Systems basteln, entwickeln die Japaner (und die Südkoreaner) schon längst die nächste Generation, nämlich 4G.

Singapur - Biotech und Pharma

Singapur: Biotech und Pharma

Philip Yeo ist ein Mensch voller Energie. Das kleine Energiebündel kann nicht still sitzen. Dauernd springt er in seinem Büro auf, kramt mal diese Studie hervor, holt mal jenes Buch aus dem Regal. Und dabei redet und redet er. Die Botschaft, die er mit seinem Wortschwall übermitteln will, lautet schlicht: "Singapur kann nur durch hervorragende Kopfarbeit überleben."

Der umtriebige Yeo - heute Chef der staatlichen Agency for Science, Technology and Research (A*Star) - ist einer der Architekten des singapurianischen Modells. Vor wenigen Jahren hat er erkannt, dass Singapur auf Zukunftstechnologien setzen muss, will der kleine Stadtstaat überleben. Denn als Produktionsstandort hat Singapur ausgedient. Da sind andere Länder besser und billiger - vor allem China.

Es entstand die Idee von Biopolis, einem Zentrum für Biotechnologie. Das war im Jahr 2000. Typisch für Singapur, wurde nicht lange diskutiert. Es wurde kurz geplant und schnurstracks gebaut. 300 Millionen Dollar kostete das den Staat, der übrigens seit Jahren Haushaltsüberschüsse hat. 2003 waren die ersten Gebäude in Biopolis fertig.

Norbert Walter, Chef-Volkswirt der Deutschen Bank und häufiger Singapur-Besucher, lobt: "Singapurs Entschlossenheit zur Umstrukturierung und seine Leistungsfähigkeit sind Eigenschaften, die einem preußischen Charakter imponieren."

Rund zwanzig Autominuten liegt Biopolis von der Innenstadt entfernt. Ich streife an diesem schwülheißen Tag über das Biopolis-Gelände. Sieben Türme für Büros und Labors stehen dort. Dazwischen viel Grün, Restaurants, Shops, ein Kino. Durch das Gelände kurven kostenlose Shuttle-Busse.

In Biopolis arbeiten "reine" Wissenschaftler und Forscher aus Unternehmen Tür an Tür zusammen. Die Pharmakonzerne Novartis , GlaxoSmithKline  und Eli Lilly haben dort Forschungslabors. Daneben wurden Wissenschaftler aus aller Welt geködert. Und zwar die besten, die allerbesten. Geld spielt keine Rolle. Yeo sagt: "Andere sammeln Briefmarken, wir sammeln Wissenschaftler."

Zwei der herausragendsten amerikanischen Stammzellenforscher, Neal Copeland und Nancy Jenkins, lehnten ein Angebot von Stanford ab und gingen stattdessen nach Singapur. Copeland erklärt gegenüber der "Herald Tribune", warum: "Wir wollten an einem Ort sein, wo die Leute sich für die Wissenschaft begeistern und sich Dinge nach vorne bewegen."

Auch David Lane, einer der umstrittenen Dolly-Schafzüchter der University of Dundee, folgte dem Ruf nach Singapur. Und Axel Ullrich, eine der Koryphäen unter den deutschen Krebsforschern, arbeitete für ein paar Jahre zusammen mit einer vierköpfigen deutschen Forschergruppe in dem Stadtstaat.

Das Ziel dieser Anstrengungen ist klar: In ein paar Jahren wollen die singapurianischen Behörden Ergebnisse sehen. In den Biopolis-Labors soll und muss ein "Blockbuster" entstehen. So werden in der Pharmaindustrie Medikamente genannt, die den Durchbruch zu einem weltweit anerkannten Heilmittel gegen eine bestimmte Krankheit schaffen.

Am liebsten wäre den Singapuris natürlich ein "Blockbuster" in der Krebsforschung. Ein Medikament gegen Krebs made in Singapore - davon träumen sie.

Wenn nicht, werden sie weiter arbeiten, forschen und lernen. Denn - so schrieb Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong in einem "Newsweek"-Beitrag: "Asiatische Länder haben einige natürliche Vorteile. Ihre Kulturen legen hohen Wert aufs Lernen."

Angriff aus Asien: Wie wir abgehängt werden

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