Deutsche Telekom Obermann, das Streik-Ende und die T-Aktie

Der Telekom-Streik steht vor dem Ende, die Aktie springt kaum an. Jubel will unter Analysten nicht aufkommen. Ob die geplanten Kosteneinsparungen ausreichen, müsse sich noch erweisen, heißt es. Zudem hat Konzernchef René Obermann noch andere Baustellen abzuarbeiten. Anfangen könnte er bei der Motivation seiner Mitarbeiter.

Hamburg - Wochenlang haben die Gewerkschaft Verdi und die Deutsche Telekom  um die Auslagerung von 50.000 Arbeitsplätzen in drei Servicegesellschaften gerungen - der wohl größte Stellenumbau in der Geschichte eines deutschen Unternehmens überhaupt. Sie haben sich geeinigt. Ein viel härterer Arbeitskampf mit unabsehbaren Folgen für einen der größten deutschen Konzerne ist damit abgewendet. Die Märkte zeigen sich erleichtert. Für Jubelstimmung besteht aber kein Anlass, sagen Analysten. Denn noch ist unklar, was der jüngste Arbeitskampf die Telekom unter dem Strich gekostet hat - und das Jahr 2012 ist noch weit weg.

"Hauptsache vorbei" - ein Aktienhändler in Frankfurt atmet auf. So wie ihm dürfte es an diesem Mittwochvormittag vielen "T-Menschen" gehen - seien es nun die Aktionäre, das Management oder die Beschäftigten selbst. Zweifelsohne haben Letztere einige "fette Kröten" schlucken müssen - etwa 6,5 Prozent weniger Lohn und vier Wochenarbeitsstunden mehr. Aber ihre Jobs sind bis 2012 gesichert. Und dass die Telekom ihre Kostenstrukturen überarbeiten muss, um im nationalen und internationalen Wettbewerb am Drücker zu bleiben, da besteht unter Experten kein Zweifel.

Die Reaktionen der Analysten fallen an diesem Tag daher auch überwiegend positiv aus. Das Telekom-Management habe in den Verhandlungen mit der Gewerkschaft vieles aber nicht alles an zuvor formulierten Zielen durchgesetzt. Dies sei ein ganz normaler Prozess und der Kompromiss unter dem Strich positiv für die Telekom, sagt Analyst Thomas Friedrich von der HypoVereinsbank.

"Obermann hat Handlungsfähigkeit bewiesen"

Man dürfe das Erreichte jedoch nicht überinterpretieren, meint der Experte mit Blick auf den anziehenden Kurs der T-Aktie . "Der Markt goutiert heute, dass das Management es nach einer sehr harten Auseinandersetzung geschafft hat, eine Einigung zu erzielen. Obermann hat Handlungsfähigkeit bewiesen. Und das macht Hoffnung auf die Lösung weiterer Probleme."

Erleichtert zeigt sich auch Analyst Chris-Oliver Schickentanz von der Dresdner Bank. Ein noch härterer Arbeitskampf sei jetzt abgewendet. Müsste die Telekom die 50.000 Jobs ohne zuvor erzielten Kompromiss auslagern, hätte Verdi alle Register eines Arbeitskampfes gezogen. Für die kurzfristige Unternehmensentwicklung der Telekom hätte dies vermutlich dramatische Folgen gehabt. "Ich glaube, die Deutsche Telekom kann mit dem Kompromiss leben. Sie hat zwar nicht das Optimum erreicht, aber einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht", sagt der Analyst der Dresdner Bank.

Stellt sich die Frage, ob der Kompromiss und die formulierten Einsparziele wirklich ausreichen, um die Telekom in dem immer härter werdenden Wettbewerb entscheidend nach vorn zu bringen.

Was Obermann für die Mitarbeiter tun kann

Streikkosten - Telekom zeigt sich "zugeknöpft"

Im Schnitt haben die Analysten ein Einsparpotenzial von 500 Millionen Euro jährlich bereits ab 2009 erwartet. Aus verhandlungsnahen Kreisen heißt es, dass die Telekom mit der Auslagerung der 50.000 Stellen ein Einsparvolumen zwischen 650 und 750 Millionen Euro zu erreichen gedenkt - ab dem Jahr 2010 wohlgemerkt. Von bis zu 900 Millionen Euro war offiziell zuvor die Rede.

"Wenn die Telekom jetzt 700 Millionen jährlich ab 2010 erreichen sollte, ist das in Ordnung und liegt etwa im Rahmen der Expertenschätzungen", sagt Schickentanz. Ob dies mittelfristig ausreiche, müsse sich allerdings noch erweisen. Niemand könne den Telekommarkt für die kommenden Jahre verlässlich prognostizieren.

Skeptischer zeigt sich Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck. Zwar begrüßt auch er das Streikende. "An weiteren Kosteneinsparungen wird die Telekom aber nicht vorbei kommen", sagt der Analyst. Von Interesse wäre zudem zu erfahren, was der gut fünfwöchige Streik die Telekom letztlich gekostet habe und ob der Arbeitskampf negative Auswirkungen auf die Gewinnentwicklung des Konzerns in diesem Jahr haben könnte. Kitz schließt dies jedenfalls nicht aus.

So kursierten in der Vergangenheit immer wieder Gerüchte, dass Callcenter der Telekom während des Arbeitskampfes lange Zeit überhaupt nicht erreichbar gewesen seien, dass sich die Kundenaufträge auf den Schreibtischen der Mitarbeiter stapelten und es vermutlich noch einige Monate dauern werde, bis diese Aufträge abgearbeitet seien - für die zusehends wählerischen Verbraucher womöglich ein viel zu langer Zeitraum.

"Telekom muss mehr für die Mitarbeiter-Motivation tun"

In der Frage möglicher Auswirkungen des Streiks auf die Gewinnentwicklung in diesem Jahr zeigt sich das Telekom-Management "relativ zugeknöpft", sagen Analysten. Soweit das Unternehmen die Folgen des Streiks zum gegenwärtigen Zeitpunkt überblicken könne, scheinen diese aus Sicht des Managements nicht so gravierend zu sein, als dass man die Prognosen nach unten revidieren müsste, heißt es. "Alles andere würde mich auch überraschen", sagt Analyst Schickentanz von der Dresdner Bank.

Kernproblem der Telekom sei es aus Sicht des Analysten, dass das Unternehmen nicht nur seine schwachen Kostenstrukturen im Servicebereich verbessern müsse, sondern ebenso die Motivation seiner Mitarbeiter. Mit der Servicequalität seien die meisten Telekomkunden in der Vergangenheit nachweislich unzufrieden gewesen.

"Die entscheidende Frage wird also sein, ob es der Telekom gelingt eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, die die Mitarbeiter motiviert und damit auch die Servicequalität deutlich zulegt", sagt der Experte der Dresdner Bank. Die Telekom wäre hier gut beraten, allmählich erfolgsabhängige Vergütungsmodelle für ihre Servicemitarbeiter einzuführen. Ein entsprechender Vorstoß des Telekom-Managements hatte sich in den Verhandlungen aber nicht durchsetzen können. Analyst Schickentanz erwartet allerdings, dass die Telekom das Thema schon im kommenden Jahr wieder auf den Tisch bringen wird. "Der Mitarbeiter muss merken, gute Beratung und Servicequalität zahlt sich auch für mich aus."

Was Obermann für die Aktie tun kann

Analysten über Chancen der T-Aktie uneins

Bei der künftigen Kursentwicklung gehen die Meinungen der Analysten auseinander. Das Bankhaus Merck Finck und die HypoVereinsbank sowie die WestLB trauen der T-Aktie nicht mehr viel Potenzial zu und haben am Mittwoch ihr Votum "Halten" für das Papier bestätigt, bei einem Kursziel zwischen 13 und 14 Euro.

Analyst Schickentanz von der Dresdner Bank zeigt sich da etwas optimistischer. Er bewertet die T-Aktie als "attraktiv" und traut ihr Kursgewinne im "hohen einstelligen Prozent-Bereich" zu. "Die Telekom befindet sich aus operativer Sicht in einer schwierigen Situation, und dies dürfte die kommenden Quartale auch so bleiben." Der Markt habe diese Entwicklung aber bereits vorweggenommen und weitgehend in den Aktienkurs eingepreist.

Aus seiner Sicht habe das Telekom-Management eine ganze Reihe von Optionen, den Aktienkurs positiv zu beeinflussen. Eine Stellschraube sei zum Beispiel die US-Mobilfunktochter T-Mobile, der eigentliche Wachstumsmotor im Konzern. Von einem Verkauf der US-Tochter, über den in der Vergangenheit mehrfach spekuliert worden ist, rät Schickentanz ab. "Dann hätten wir zwar einen signifikanten Einmaleffekt und womöglich eine schöne Sonderdividende." Danach aber sei die Telekom aus Anlegersicht ein "langweiliger Konzern ohne Fantasie".

"Lösung für T-Systems bald in Sicht"

Schickentanz kann sich vielmehr vorstellen, dass die Telekom etwa 20 Prozent der Mobilfunktochter an die Börse in New York bringen und auf diesem Wege mehr Transparenz in der Bewertung von T-Mobile erlangen wird. Letzteres scheint vielen Analysten Probleme zu bereiten, weshalb sie eher zu einem Verkauf von T-Mobile tendieren. Sei die Bewertungstransparenz hergestellt, hätte dies einen positiven Effekt am Markt, meint Schickentanz. Mögliche Erlöse aus einem Börsengang könnte die Telekom dann zu Aktienrückkäufen oder anderen Kurs treibenden Transaktionen nutzen.

Und auch die für die Baustelle T-Systems, die Geschäftskundenmarke der Telekom, sieht der Analyst bald eine Lösung. Insiderberichten zufolge leidet T-Systems unter einem desolaten Zustand. Es befänden sich kaum noch Aufträge in der Pipeline. Die Geschäftspläne für dieses Jahr seien bislang um Längen verfehlt worden, berichtete unlängst das "Handelsblatt" aus Insiderkreisen. Die Telekom sucht bereits seit geraumer Zeit nach einer Lösung für die Sparte.

Die Suche nach einem potenziellen Partner für T-Systems stehe nach Einschätzung von Schickentanz bei Vorstandschef Obermann ganz oben auf der Prioritätenliste. Die Partnersuche sei aber nicht einfach, weil T-Systems sehr komplex ist, sagt der Analyst. T-Systems ließe sich auch nicht so ohne weiteres aus dem Konzerverbund herauszulösen, denn diese Geschäftseinheit übernehme viele interne Dienstleistungen für die Deutsche Telekom .

"Trotzdem glaube ich, dass das Management bereit ist, sehr stark auf einen potenziellen Partner zuzugehen." Vor diesem Hintergrund könnte sich womöglich schon in den kommenden sechs bis neun Monaten hier eine Lösung finden, ist Schickentanz überzeugt.